Ein Brief nach Hause

29. August 2015 • Leseempehlung, Refugees Welcome • Views: 3045

Vor fast genau einem Jahr gingen die letzten Vorbereitungen für unsere Reise in die heiße Phase. Sowohl Malte als auch ich rotierten, um Versicherungen, Equipment, Wohnungsauflösungen und die letzten Euros organisiert zu bekommen und am 20.09. Deutschland in Richtung Istanbul zu verlassen. Wir haben schlecht geschlafen vor Aufregung, uns wegen allem in die Haare gekriegt und tausende von Kleinigkeiten entdeckt, die wir noch nicht erledigt hatten. Die Zeit lief uns davon.

Ein Abschied auf unbestimmte Zeit

Dazu kam, dass wir nicht wussten, wann wir unsere Familien und Freunde das nächste Mal wiedersehen würden. Abschiedsschmerz machte sich breit. Die letzten Arbeitstage in unseren Firmen nahten, wir feierten zwei rauschende Abschiedsfeste, ich trat das letzte Mal mit den Balkanauten auf. Während des letzten Songs konnte ich nicht mehr mitsingen, weil mir die Tränen den Hals zuschnürten.

Wir brachen auf in die große Ferne, Into The Great Yonder.

Wenn ich jetzt lese, was andere Menschen durchmachen mussten, um ihr Land auf unbestimmte Zeit zu verlassen, unfreiwillig, bin ich wieder den Tränen nahe. Meine eigenen Ängste von vor einem Jahr kommen mir heute lächerlich vor.

Wenigstens hatte ich 1 ½ Jahre Zeit, meine Flucht aus dem Alltag vorzubereiten. Ich konnte mir in Ruhe überlegen, was ich mitnehmen will. Ich konnte mir nützliche Tools kaufen, die mir die Reise erleichtern. Ich hatte mehr als genug Zeit, mich von den Leuten, die ich liebe, zu verabschieden.

Ich hatte außerdem genug Geld für menschenwürdige Verkehrsmittel (auch wenn mir das auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Australien vielleicht nicht so vorkam). Und ich besitze etwas, dessen Wert mir immer mehr bewusst wird, je länger ich von daheim weg bin: einen deutschen Pass.

An keiner Grenze wurde ich schief angesehen, in stundenlangen Kontrollen festgehalten und war keinerlei Nötigung ausgesetzt, weil ich eine Weiße war. Nicht mal in islamistischen Ländern wie Iran.

Ein Privileg wie kein anderes

Dieses Glück haben andere Menschen nicht. Sie wurden nicht in Deutschland, Österreich, Schweden oder Frankreich geboren. Oder sie sehen zumindest nicht danach aus. Es ist für mich unbegreiflich, wie etwas, auf das wir persönlich keinen Einfluss haben, Grund für Ausgrenzung, Hass und Gewalt sein kann.

Daher möchte ich hier, auf unserem Blog, an unsere Leser appellieren: Bitte helft, wo ihr könnt. Sach- oder Geldspenden sind ein guter Anfang. Vielleicht findet ihr darüber hinaus noch etwas Zeit, um euch entweder on- oder offline bei den zahllosen Initiativen zu engagieren, die händeringend nach Freiwilligen suchen.

Ich schreibe diesen Beitrag als Teil der Initiative Blogger für Flüchtlinge, für mich derzeit die einzige Möglichkeit, mich am Geschehen in Deutschland zu beteiligen.

 Hier könnt ihr spenden!

Wie alle anderen, sind auch wir auf jegliche Unterstützung angewiesen.

Solltet ihr Projektmanager, Designer, Developer, Journalisten oder andere Medienschaffende sein oder solche kennen – bitte meldet euch! Wir brauchen eure Manpower, um dieses Riesenprojekt zu stemmen.

Ich würde mich freuen, eure eigenen Geschichten und Erfahrungen zu hören. Bitte teilt diesen Beitrag auch mit euren Freunden.

Refugees welcome!

#bloggerfuerfluechtlinge

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