Kerman und Bandar Abbas – Letzte Lektion in iranischer Kultur

10. Februar 2015 • Iran • Views: 3483

19.11.2014

Mit dem Bus fahren wir von Yazd nach Kerman. Es stellt sich heraus, dass der Yazder Busbahnhof 13 km außerhalb der Stadt liegt. In uns kommen Zweifel auf, ob der Busfahrer aus Shiraz nicht vielleicht doch vorhatte, uns am Busbahnhof abzusetzen. Unser Taxifahrer will auf jeden Fall eine unverschämt hohe Summe für die Fahrt, obwohl wir uns vorher auf etwas anderes geeinigt hatten. Malte bleibt jedoch hart und der Taxifahrer wird immer wütender. Irgendwann mischen sich ein paar umstehende Männer in die Diskussion ein, es wird offensichtlich, dass der Taxifahrer uns unbedingt abzocken will und es nicht einsieht, einem Weißen sein Geld zu lassen. Irgendwann legt ihm Malte noch ein bisschen mehr Geld hin und dreht sich um und geht. Wutentbrannt fluchend und fast mit quietschenden Reifen rauscht der Taxifahrer ab. Zu diesem Zeitpunkt wird mir bewusst, wie angenehm die Erfindung des Taxameters ist und freue mich ein bisschen auf Bangkok.

Wir sind beide wieder gesund und ich habe mich in den letzten Tagen ein wenig entspannen können, soweit das in einem Land, in dem man sich für jegliche Aktivität außerhalb der eigenen vier Wände verschleiern muss, geht. Dennoch merken wir beide, dass wir langsam genügend Moscheen, Bazaars und Wüste gesehen haben. Das iranische Essen hängt uns trotz eines kleinen Pizza-Intermezzos in Yazd zum Hals raus und wir steigen für die letzten paar Tage komplett auf Falafel-Sandwiches um. Auch die für europäische Verhältnisse übertrieben höflichen Umgangsformen, die wir sowohl in der Türkei als auch im Iran adaptiert haben, werden immer anstrengender. Wie gerne würde ich meinen Verlobten in der Öffentlichkeit ohne Angst vor der Sittenpolizei umarmen und ihm einen Kuss geben! In der Türkei gab es hierfür zwar betretene oder sogar verärgerte Blicke, im Iran ist eine solche Handlung jedoch schlicht unmöglich. Wir freuen uns also auf den Tag unserer Überfahrt nach Dubai und erzählen uns gegenseitig davon, was wir dort alles essen und trinken werden, wie wenig Kleidung ich tragen werde und wie offen ich meine inzwischen lang gewordenen Haare tragen werde.

Doch zunächst erwartet uns noch Kerman, eine Stadt, die nicht auf jedem Iran-Reiseplan steht. Die Stadt ist die letzte vor der für Reisende als gefährlich eingestuften Grenzregion nach Pakistan. Viele Überland-Reisende nach Indien kommen hier durch und formen Konvois, in denen sie bis zur Grenze weiterfahren. Wir haben unsere erste Nacht in einem teureren Hotel gebucht. Man kann die günstigen Guest Houses zwar telefonisch erreichen, Englisch spricht dort jedoch meistens niemand. Am nächsten Morgen ziehen wir dann in eine günstigere Unterkunft, eine Herberge für die Familien von Patienten im anliegenden Krankenhaus, um. Außer uns sind zu diesem Zeitpunkt keine Westler dort, dafür treffen wir zum ersten Mal auf Männer in weiten Hosen und langen Tuniken – Belutschen, die kulturell näher an Pakistan als Persien sind. Sie starren uns mindestens genauso fasziniert an wie wir sie.

20.11.2014

Vor dem Gasthaus komme ich mit einer Iranerin ins Gespräch, die uns einlädt, bei ihr zu Hause zu wohnen. Wir sind nach wie vor noch sehr kommunikationsmüde und freuen uns auf die Privatsphäre eines eigenen Zimmers und lehnen dankend ab. Sie lässt es sich jedoch nicht nehmen, uns in ihrem winzigen Auto, das vollgestopft mit Zeug, ihrer Mutter, Cousine und Tochter ist, zu einem Restaurant zu fahren. Während Malte zahlt, spricht mich unsere Tischnachbarin an. Sie fragt mich, woher ich komme und ob ich Iran mag und dann platzt es aus ihr heraus: „I hate the scarf!“ Darauf brechen sie, ich und ihre Freundin in hysterisches Gelächter aus. Die Männer im Lokal schauen uns leicht verwirrt zu.

Nach dem Mittagessen laufen wir in Richtung Innenstadt. Unsere Herberge liegt an einem futuristisch aussehenden Platz, dem Azari Square. Der Fußgängerverkehr wird hier über ein fast den ganzen Platz einfassendes Brückensystem in flashigem Blau geleitet. An den Gebäuden hängen LED-Screens, die die neuesten Handys und Lebensmittel anpreisen. Die Mitte des Platzes ist ein gepflegter Brunnen mit Grünfläche. Nach drei Wochen in uralten Wüstenstädten ist dieser Anblick fast schon komisch. Je weiter wir ins Zentrum laufen, desto vertrauter wird das Stadtbild wieder. Wir entdecken hier allerdings weitere Indizien dafür, dass Kerman trotz seiner Lage überraschend modern zu sein scheint: An einigen Wänden finden wir sehr uniranische Street Art.

Kurz bevor wir den Kermaner Bazaar erreichen, werden wir von einem Mann in seinen Fünfzigern auf Deutsch angesprochen. Malte hält den üblichen Small Talk mit ihm, aber es wird deutlich, dass dieser Mann auf eine tatsächliche Konversation aus ist. Sein Deutsch ist bemerkenswert gut. Auf die Frage, wo er Deutsch gelernt hat, antwortet er zunächst, dass er Deutschlandfunk hört und es sich so beigebracht hat. Später, als Ali und wir uns ein bisschen besser kennen, erzählt er, dass er lange in der Schweiz gelebt und gearbeitet hat. Er hatte dort sogar eine Freundin. Dann hat er seinen Papierkram nicht in Ordnung gehalten und seine Arbeitserlaubnis ist ausgelaufen. Seitdem ist er wieder in Kerman.

Ali bietet an, ein Stück mit uns zu laufen und führt uns über den Bazaar. Er zeigt uns eine alte Karavanserai, ein altes Hammam und die Moschee. Währenddessen erfahren wir, dass er ebenfalls ein Belutsche ist und im Iran aufgrund seines Akzentes benachteiligt wird. Persisch ist genauso seine Muttersprache wie die der Perser, jedoch identifiziert sein Akzent ihn als einer anderen Ethnie angehörend. Wir erfahren am eigenen Leib, wie Ali von anderen Iranern kritisch beäugt und von einem Mann sogar angegangen wird, bloß, weil er mit uns zusammen unterwegs ist. Malte weist den Mann in seine Schranken, worauf er sich bei Malte (nicht bei Ali!) entschuldigt und Leine zieht.

Eine weitere Seite der iranischen Gesellschaft zeigt sich hier, etwas, was ich schon öfter unter der Oberfläche vermutet habe: die Iraner mögen einander nicht besonders. So höflich und zuvorkommend sie gegenüber Ausländern sind, umso weniger trauen sie einander über den Weg. Manchmal, wenn wir mit unseren Gastgebern oder Freunden unterwegs waren, wurde jeder Kontakt, den wir mit Menschen außerhalb unserer Gruppe hatten, mit heruntergezogenen Mundwinkeln und plötzlicher Eile quittiert. Das ist etwas, was uns Ali bei einem Cay bestätigt: die Iraner sind seiner Meinung nach keine freundlichen Leute. Sie versuchen nur alle, ein positives Bild nach außen abzugeben, weil sie sich alle nach der unbekannten Welt außerhalb ihres Landes sehnen. Er selbst hat natürlich eine besonders negative Sicht auf diese Angelegenheit, was man ihm aber wirklich nicht verübeln kann.

Nach unserem Rundgang durch die Innenstadt verabreden wir uns mit Ali für den folgenden Tag. Er möchte mit uns raus in die Kaluts-Wüste fahren und den Sonnenaufgang ansehen. Als er eine Abfahrtszeit von fünf Uhr früh vorschlägt, wehren Malte und ich simultan mit einem schockierten Aufschrei ab: Ob wir denn nicht nachmittags zum Sonnenuntergang fahren könnten? Er ist ein wenig verstimmt, dass wir nicht seinem Plan folgen, aber willigt dann ein.

21.11.2014

Bevor wir uns mit Ali treffen, hat Malte noch einen wichtigen Termin. Tags zuvor hat er in einem Restaurant einen gut aussehenden Iraner angesprochen und ihn gefragt, wo er denn zum Friseur geht. Der Mann hat ihm eine Adresse gegeben, die wir tatsächlich gefunden haben und für Malte am Abend vorher noch einen Termin vereinbart haben. Der Laden sieht, im Vergleich zu dem Laden, den Ali uns vorgeschlagen hat, überhaupt nicht nach typisch iranischem Barbier aus. Der Laden ist modern eingerichtet, es läuft hochillegaler iranischer Rap und die Jungs, die dort arbeiten und abhängen, sind alle sehr stylisch. In unserer Unterhaltung mit dem gut frisierten Mann erfahren wir, dass Kerman eine sehr populäre Studentenstadt ist. Das erklärt einiges. Maltes Haarschnitt ist nach dem Besuch um Welten besser als der aus Istanbul und kostet nur ein Fünftel. Dafür lebt die Wäscherei um die Ecke, bei der wir unsere Sachen abgegeben haben, in einer Traumwelt: Wir werden fast 20 Euro für 5 Kilo Wäsche los. Der Verrückte hat sogar meine Unterhosen gebügelt! Leider hat er so schöne Augen, dass ich nicht wirklich protestieren kann und so zahlen wir zähneknirschend. Wir haben mal wieder nicht vorher nach dem Preis gefragt.

Unser Ausflug in die Kaluts wird überraschend zu einem Highlight des Irans. Nach einer langen Fahrt mit einem von Ali ausgehandelten Taxi durch die üblich atemberaubende Berglandschaft dieses Landes und einem kurzen Zwischenstopp in einer Oasenstadt, wird das Land auf einmal flach. In der Ferne sieht man bizarre Felsformationen, die immer näher kommen und unser Ziel für heute sind. In der Nachmittagssonne wirft die „Felsenstadt“ fantastische Schatten und Malte knipst Fotos, was das Zeug hält. Ich setze mich auf einem Felsen ein wenig abseits von Malte und Ali und höre. Die Stille ist so absolut, dass sie mir wie Dröhnen vorkommt. Zum ersten Mal verstehe ich die Bedeutung des Ausdrucks „ohrenbetäubende Stille“.

Erst nach Sonnenuntergang fahren wir mit unserem Taxi zurück nach Kerman. Wir nehmen auf dem Rückweg noch zwei Männer mit, die sich den Beifahrersitz teilen.

22.11.2014

Nachmittags treffen wir Ali wieder auf dem Platz vor dem Bazaar. Wir haben uns am Abend vorher den Kopf zerbrochen, wie wir unsere Dankbarkeit ihm gegenüber ausdrücken können, ohne ihn zu beleidigen. Unsere bisherigen Erfahrungen im Iran haben uns gezeigt, dass unsere Methoden der Wertschätzung hier nicht ziehen. Wir konnten kaum jemanden zum Mittagessen einladen, ohne minutenlang darauf zu bestehen, dass wir zahlen. Nachdem Ali uns wirklich die volle Zeit in Kerman herumgeführt und uns die Wüste gezeigt hat, wollen wir uns dennoch irgendwie erkenntlich zeigen. Gegessen hat er immer bereits daheim, daher fällt diese Einladung flach. Wir wissen aber, dass er löchrige Socken hat und dass ihm das so unangenehm ist, dass wir uns im Teehaus nie auf eine der bequemen Sitzflächen setzen konnten, da man dort barfuß sein muss. Also haben wir ihm auf dem Bazaar zwei Paar Socken gekauft und möchten ihm diese nun schenken. Als Malte ihm das Geschenk anbietet, verschließt sich Alis Gesicht und er ist sichtlich schockiert und – sauer! Wir verstehen nicht ganz, warum er die Socken auch bei wiederholtem Anbieten nicht annehmen möchte. Erst denken wir, es ist Taro’of, bis Ali mit der Sprache herausrückt. Er hat für seine Dienste noch nie Socken angeboten bekommen, sondern erwartet von uns ein Trinkgeld. Jetzt ist es an uns, schockiert und sauer zu sein. Von dem Moment an, als uns Ali angesprochen hat und mit uns gelaufen ist, ging er anscheinend davon aus, dass wir ihn als unseren Tourguide angeheuert haben. Geld hat er über die ganzen zwei Tage nicht einmal erwähnt. Natürlich haben wir das Taxi gezahlt und seinen Cay. Aber eigentlich haben wir den Kontakt nur deshalb so intensiv gepflegt, weil er es von Anfang an hat so wirken lassen, als wäre er ein armer, einsamer Mensch, der sich über eine Gelegenheit freut, Deutsch zu sprechen und uns sein Land zu zeigen. Wir wollten nie einen Fremdenführer und wir hätten für das, was wir gesehen haben, auch keinen gebraucht. Dass er jetzt auf einmal Geld will, trifft uns sehr und wir sitzen eine Weile da und schweigen. Mal wieder nicht vorher nach dem Preis gefragt – aber diesmal auf einer anderen Ebene. Bisher hatte die Freundlichkeit dieses Landes kein Preisschild, wie es in anderen Ländern, die mehr Tourismus haben, oft sein kann. Doch ausgerechnet hier, in der Stadt, die so überraschend anders war als die anderen, erhalten wir unsere letzte Lektion in iranischer Kultur: Es lohnt sich immer, unter dem Schleier der Höflichkeit nach den Intentionen des anderen zu forschen, um am Ende zu wissen, worauf man sich eingelassen hat. Natürlich geben wir ihm ein Trinkgeld, der bittere Nachgeschmack bleibt dennoch. Ali merkt das und bittet uns, zu erklären, wo das Problem liegt. Ich bemühe mich, ihm unsere Sichtweise zu schildern, doch auf einmal ist sein Deutsch und auch sein Englisch nicht mehr gut genug, um meinen Ausführungen zu folgen. Ein Paar der Socken nimmt er dann letztendlich doch an und nach einem letzten Cay gemeinsam trennen sich unsere Wege. Abends um 23:30 geht unser Nachtbus nach Bandar Abbas.

23.11.2014

Nach einer sehr unbequemen und mit wenig Schlaf gesegneten Nacht in einem Nachtbus kommen wir um 6:30 in Bandar Abbas an. Man merkt, dass wir nicht mehr in der Wüste sind, sondern endlich in wärmeren Gefilden: es hat bereits morgens 20 Grad. Ich ziehe mich erst viel zu warm an und muss nach einem köstlichen Frühstück am Busterminal nochmal auf die öffentliche Toilette und zwei Schichten ausziehen. Völlig übernächtigt lassen wir uns von einem Taxi in die Innenstadt bringen und laufen den ganzen Tag durch die Stadt. Wir entdecken den Bazaar, den wir sofort als einen der besten des Irans in unser Herz schließen. Hier ist nichts renoviert, es gibt nicht mal ein vernünftiges Tunnelgewölbe. Betongebäude und Plastikplanen halten die Sonne davon ab, uns zu rösten. Die Fische auf dem Fischmarkt stinken bestialisch. Die Frauen tragen fast alle einen Chador und oft sogar die Metallgestelle, die das Gesicht bis auf die Augen verhüllen. Der arabische Einfluss ist hier sehr deutlich und tatsächlich heißt die arabische Minderheit des Irans wie die Stadt – Bandari.

Den Mittag verbringen wir bei einer Partie Backgammon und dem letzten Lemon Beer in einem klimatisierten Café – mit Manteau und Kopftuch ist die Hitze draußen für mich unerträglich. Nachmittags laufen wir den Pier ab, probieren ein letztes Mal die kostenlosen Fitnessgeräte aus und laufen über den Strand, den die Ebbe preisgibt.

Dann wird es endlich Zeit, zum Busterminal zurück zu fahren.

Unser Anschlussbus fährt um 17:00 Uhr und bringt uns nach Bandar-e Lengeh. Von dort werden wir am nächsten Morgen mit einer Fähre den Iran über den Persischen Gold verlassen. Die Atmosphäre in diesem Bus könnte nicht stärker zu den bisherigen Busfahrten im Kontrast stehen – es ist laut, die Männer telefonieren in einem fort auf Arabisch und die Jungs vor uns lehnen ihre Sitze so weit zurück, dass ich meinem Vordermann den Kopf kraulen könnte. Nach drei Stunden werden wir in Bandar-e Lengeh abgesetzt und checken zur Krönung unseres Irantrips im räudigsten Guest House aller Zeiten ein. Die Matratzen sehen aus, als wäre jemand darauf ermordet worden. Dafür ist das öffentliche Badezimmer so sauber, dass ich mich frage, ob ich noch im gleichen Hotel bin.

Unsere letzte rührende Episode mit den großherzigen Iranern haben wir, als wir um die unmögliche Zeit 10 Uhr abends versuchen, etwas zu essen zu bekommen. Wir fragen die Sicherheitsleute am Fährhafen, der nah an uns dran ist, die daraufhin einen Mann mit seinem Auto auf der Straße anhalten. Es ist ein Freund von ihnen, der seine Kinder gerade vom Karate abgeholt hat. Er fährt uns ohne Umschweife zu einem Falafelstand, wartet im Auto, bis wir bestellt und bezahlt haben und bringt uns zurück zu unserer Absteige. Mit Kindern! Ohne wenn und aber! Wir sind wieder vollends versöhnt mit dem Land und genießen unser Sandwich in unserem Zimmer.

24.11.2014

Um sieben Uhr morgens ist es Zeit, zum Fährhafen aufzubrechen. Nachdem ich meinen Rucksack aussortiert habe und zwei Schals und eine lange Hose im Hotel zurücklasse (brauch ich nicht mehr, juhuuu!), brechen wir zum Passagierterminal auf. Dort angekommen, fragen wir am Schalter, wo wir uns melden müssen. Sie bedeuten uns, uns hinzusetzen und zu warten. Das tun wir dann – 1 ½ Stunden. Wenigstens bekommen wir Cay angeboten und lernen Gebhard, einen Schwaben, der mit seiner Frau im Wüstentaxi von Deutschland nach Oman fährt, kennen. Er muss immer wieder weg und Papierkram für das Auto ausfüllen, aber wir sind guter Dinge. Im Iran hat man sich bisher immer gut darum gekümmert, dass wir am richtigen Ort zur richtigen Zeit sind.

Als wir um neun dann doch etwas unruhig werden (man hatte uns gesagt, dass wir mindestens zwei Stunden vor Abfahrt bei der Ausreisestelle sein sollen und die Fähre geht um zehn), merken die 20 Angestellten dieses Büros auf einmal, dass wir hier ja gar nicht richtig sind. Wir werden mit dringlichen Bewegungen aus dem Gebäude herausnavigiert und 500 Meter weiter geschickt. Sogar ein Mann auf einem Moped fährt von der anderen Seite der Straße zu uns herüber und erklärt uns, dass wir uns beeilen müssen. Um viertel nach neun sind wir endlich am richtigen Ort und werden ohne großes Aufheben durch die Ausreiseformalitäten geschleust. Wir haben ja nur unsere Rucksäcke und sonst nichts zu verzollen. Wenn man sich ansieht, mit was für schwerem Geschütz manche iranische Familien nach Dubai übersetzen wollen, verstehen wir, warum man für eine Fähre genauso früh da sein muss wie für einen Transkontinentalflug. Malte und ich sehen von Bord des Schiffes zu, wie im Hafen ganz viele Güter von den Schiffen auf Laster und umgekehrt verladen werden. Das Beste ist ein riesiges, altes Holzschiff voller lose herumliegender Melonen, die per Menschenkette vom Deck auf einen Laster verladen werden. Absolut irre! Leider haben wir hiervon keine Fotos mehr, da wir eine Speicherkarte in Dubai verloren haben. Das Schiff fährt übrigens erst um 12 Uhr los und Malte und ich stehen Arm in Arm auf dem Deck und sehen zu, wie die iranische Küste im Meer versinkt.

Die Überfahrt verbringen wir damit, zu schlafen und mit Gebhard und Liesel zu ratschen. Die beiden sind Rentner auf großer Tour, bevor Liesels Arthritis zu schlimm wird. Das Wüstenklima ist ideal für sie. Wir unterhalten uns viel über die Technik, die in ihrem Auto steckt und bekommen sogar eine kleine Tour in Innere des Autos, bis uns ein Matrose erwischt und uns wieder aufs Passagierdeck scheucht. Eine Stunde nach dem kitschigen Sonnenuntergang fängt es in Fahrtrichtung wieder an zu leuchten. Ist das etwa das Burj Kalifa? Tatsache! Die majestätische Skyline von Dubai taucht am Horizont auf und überwältigt mich mit ihrer Pracht und dem krassen Kontrast zu der Region, aus der wir gerade kommen.

Wenig später legen wir an. Eine letzte Überraschung hat Iran für uns noch im Gepäck. Wir wollen gerade den Passagierraum verlassen, als ein iranischer Angestellter die Treppen hochgeeilt kommt und uns erklärt, dass wir die Nacht auf dem Schiff verbringen müssen. Wir seien Deutsche und der Zoll hat bereits zu. Wir reagieren fassungslos: warum? Wir haben nichts zu verzollen! Wieso dürfen die Iraner von Bord und wir nicht? Was hat das mit unserer Nationalität zu tun? Der Angestellte blockt alles ab und sagt, wir sollen es uns im Passagierraum bequem machen. Damit verschwindet er. Wir setzen uns völlig niedergeschlagen wieder hin und besprechen unsere Optionen. Unser Couchsurfing-Host rechnet heute Abend mit uns und wir haben auf dem Schiff kein Internet. Wie sollen wir ihm Bescheid sagen?

Fünf Minuten später kommt der gleiche Angestellte wieder die Treppe hochgeeilt. Wir sollen uns beeilen, wir können das Schiff doch verlassen, aber schnell! Als wir das Auto von Gebhard und Liesel im Bauch des Schiffes entdecken und uns von ihnen verabschieden, wird klar, was passiert ist: die beiden müssen die Nacht im Hafen in ihrem Auto verbringen, da der Zoll zu hat. Natürlich müssen sie das Auto und alles darin durchchecken lassen. Der inkompetente Schiffsangestellte hat da einfach etwas durcheinandergeworfen und war der Ansicht, dass dies natürlich für alle anwesenden Ausländer gelten muss. Irgendjemand scheint seinen Irrtum Gott sei Dank entdeckt zu haben. Der Bus mit den anderen Passagieren wartet vor dem Schiff auf uns. In dem Moment, als der Bus losfährt, löse ich den Schal von meinem Kopf ab und öffne meine Haare. Die Iraner lachen nur und erklären mir, dass ich mit Kopftuch viel besser aussehe. Wenige Minuten später reisen Malte und ich als erste in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein.

One Response to Kerman und Bandar Abbas – Letzte Lektion in iranischer Kultur

  1. Caro sagt:

    Hallo ihr 2 🙂
    Hab mir gerade mal ganz interessiert eure Iran-Texte durchgelesen und bin wirklich gespannt, was mich dort erwarten wird. Ich fliege am Mittwoch mit einer Freundin für 2 1/2 Wochen ins alte Persien, wo wir dann eine recht ähnliche Rundreise geplant haben!
    Schöne Grüße,
    Caro

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