Yazd – Star Wars und Dramatik

6. Februar 2015 • Iran • Views: 5569

Wir probieren ein neues Galerie-Plugin aus. Wenn ihr mit dieser Darstellungsform nicht klarkommt, sagt uns bitte Bescheid, dann ändern wirs wieder!

12.11.2014

Der Bus, in dem wir sitzen, fährt eigentlich gar nicht nach Yazd, sondern in das 800 km weiter nördlich gelegene Mashhad. Der Highway führt allerdings in die gleiche Richtung, daher haben wir mit dem Busfahrer abgemacht, dass er uns in Yazd rauslässt. Seines Empfinden nach bedeutet das allerdings, dass wir zwanzig Kilometer nördlich der Stadt darum bitten müssen, dass er nun endlich anhält. Er ging davon aus, dass ein Taxi aus der nächsten Stadt, die auf dem direkten Weg liegt, für uns absolut finanzierbar wäre. Mir platzt inzwischen fast die Blase und nur ein Rekordsprint zur örtlichen Moschee rettet mich vor einem Fiasko. In der Zwischenzeit hält unser Sitznachbar, der sich gleich zu Beginn der Fahrt mit den üblichen Fragen „Where are you from? What is your job? How do you like Iran? What is your name?“ mit Malte angefreundet hat, irgendein Auto auf der Straße an und bittet den Mann, uns mit in die Stadt zu nehmen. Das tut der Gute auch tatsächlich und lässt uns direkt vor dem Hotel raus. Die fünf Euro, die wir ihm als Dank anbieten, möchte er – ganz Taro’of – nicht annehmen, bis Malte sie ihm quasi in die Hand zwingt. Erleichtert und müde sinken wir im Hotel auf unsere Matratze, während die Klimaanlage uns einen warmen Wind auf die Füße bläst – die Nächte in Yazd sind bitterkalt.

 

13.11.2014

Nach dem Frühstück nehmen wir unseren Lonely Planet und gehen den dort vorgeschlagenen Citiy Walk ab. Er führt uns durch die komplett aus Lehm gebaute Altstadt, an der imposanten Moschee mit Swastikafliesen und einem großen Gebäude, dessen Funktion mir entfallen ist, vorbei. Relativ am Ende unseres Ausflugs, wir sitzen gerade auf einer Bank und trinken einen Schluck Wasser, werden wir von einem älteren Herren angesprochen, ob wir Deutsche wären. Wir bejahen, worauf er fröhlich auf Deutsch von seiner Zeit in Hannover erzählt, wo er im Bergbau gearbeitet hat. Wie das zusammengeht, frage ich ihn nicht, aber er scheint ein Ingenieur gewesen zu sein. Er lädt uns nach einem angeregten Plausch ein, den Nachmittag mit seiner Familie zu verbringen. Normalerweise wohnt er in Esfahan und sein Sohn in Shiraz, aber heute treffen sich alle in ihrem alten Haus in Yazd. Wir willigen ein und werden nach einem kurzen Ausflug in ein altes Hammam in das Haus gebracht.

Wir staunen nicht schlecht, als wir uns im Innenhof eines traditionellen Hauses stehen. Wir bekommen eine kleine Tour durch das Haus, inklusive des alten, unterirdischen Wassersystems und des immer noch funktionierenden Badgirs. Danach werden wir in den Salon geführt, wo wir bei philosophischen Diskussionen eine große Schüssel Granatäpfel vernichten. Es stellt sich heraus, dass das lediglich der Anfang eines typisch iranischen Festmahls ist. Die ganze Zeit haben wir uns gefragt, warum eigentlich so viele Leute im Internet auf die iranische Küche schwören und von Leckereien erzählen, die wir bisher noch auf keiner Speisekarte entdecken konnten. Jetzt finden wir es endlich heraus: Fesenjun Chicken (Hühnchen in einer Granatapfel-Walnusssauce!!) und Saffron Chicken, eine Granatapfelsuppe als Vorspeise und Unmengen an Reis und Kräutern bringen mich dazu, diskret meine Hose unter dem Manteau zu öffnen.

Danach wird bei Cay und Yazder Süßgebäck weiter diskutiert – wir sind in einer wohlhabenden, intellektuellen Familie gelandet, in der einer der Söhne in Malaysia studiert hat und alle Englisch sprechen. Leider ist es gleichzeitig eine recht traditionelle Familie, was bedeutet, dass die Frauen und Männer nur am Essenstisch gemeinsam sitzen. Ich werde von den Frauen nicht in ihren Raum geholt und diskutiere daher angeregt mit den Männern. Nur zu gerne hätte ich auch in dieser Familie einen Einblick in die Welt der iranischen Frauen bekommen.

Was ich jedoch hier zu hören bekomme, ist auch sehr interessant: obwohl der eine Sohn bereits im Ausland gelebt hat und dort sicherlich auch mit Europäern in Kontakt war, hat seiner Meinung nach die Familie in nichtislamischen Ländern keinerlei Bedeutung mehr und die Sitten der Menschen verrohen zunehmend. Warum sonst gibt es in Europa so hohe Scheidungsraten? Ich habe versucht, ihm verständlich zu machen, dass in meinem Umfeld zumindest jeder seine Familie achtet und man trotzdem zusammen sein kann, mit wem man möchte. Dass in Deutschland der Sozialstaat die Notwendigkeit der loyalen Großfamilie obsolet werden lässt und dass das im Iran bei diesem Regime natürlich nicht geht, kann ich ihm leider nicht vermitteln. Nach den obligatorischen Iraner Gruppenfotos muss die Familie zur Moschee und wir werden in den Spätnachmittag entlassen. Eine tolle Erfahrung, und definitiv das kulinarische Highlight unserer Iranreise!

Nach dieser Fressorgie laufen wir nach einem letzten Cay in einem Teehaus zurück zum Hotel und treffen dort beim Einchecken Ryan, den Australier aus dem Zug, wieder. Wir verabreden uns für den nächsten Tag, wo wir einen Fahrer mieten wollen, der uns ein paar Orte in der Umgebung zeigen soll.

 

14.11.2014

In der Früh treffen wir uns mit Ryan und unserem Fahrer und fahren los zu unserem ersten Sightseeing-Punkt: eine heilige, zoroasthrische Stätte. Heute ist jedoch ein hoher Feiertag dieser Religion, weshalb wir lediglich die alten, verlassenen Gebäude direkt daneben besichtigen dürfen. Es gibt außerdem zwei Festungen auf zwei Hügeln, die wir beide erklimmen. Von oben sehen die alten Häuser aus wie eine Star Wars-Inspiration. Sehr wüstenmäßig.

Danach geht es dann richtig in die Wüste. Während wir zwischen tiefschwarzen Witzen und ernsthaften Diskussionen über DAS Endzwanzigerthema schlechthin, was will ich eigentlich vom Leben, hin- und herreden, fahren wir in eine dramatische Landschaft, wo sich aus der flachen Geröllwüste hohe Berge in allen möglichen Sandfarben erheben. Unser nächster Halt ist eine verlassene Lehmstadt, die allerdings komplett begehbar ist. Wir klettern eifrig in und auf den Häusern herum, und entdecken nicht nur an einer Stelle, wie dünn die Dächer, auf denen wir gerade stehen, eigentlich sind. Das absolute Highlight ist die Marching Bass Drum und die Trompete, die Ryan und ich auf einem Torbogen entdecken. Wir fangen sofort an, Krach zu machen. Diese Instrumente werden normalerweise bei den Ashuraprozessionen verwendet und sind wohl bei der letzten liegengeblieben. So machen Ruinen Spaß!

Und weiter geht es durch die Marslandschaft zu einem alten zoroasthrischen Tempel namens Chak Chak. Nach einem sehr anstrengenden Aufstieg in der Mittagshitze wurden uns vom Lonely Planet „dramatic views“ versprochen, und tatsächlich lässt sich der Blick von oben nicht treffender beschreiben. Einige Anhänger des Glaubens sind auch da und machen mit mir, dem blonden Mädchen mit den grünen Augen und dem zwei Meter großen Ryan Fotos. Malte ist nicht so interessant, der sieht aus wie ein Iraner. Und – wie es der Zufall will – treffen wir hier, am Ende der Welt, wen wieder? Na, wenn das nicht Stephan aus der Türkei/dem Zug nach Teheran ist! Inzwischen ist sein Bart wahrlich majestätisch und wir verabreden uns für den Abend zum Essen im Silk Road Hotel.

Zum Schluss werden wir noch zu einer Lehmburg gebracht, die jedoch nach der lustigen Kletterstadt ziemlich abstinkt. Die restaurierte Karavanserei kann uns architektonisch nach drei Wochen Iran auch nicht mehr besonders beeindrucken, allerdings sind die im Inneren ausgestellten alten Perserteppiche dafür ziemlich alt und faszinierend. Danach wollen wir alle drei nur noch eins: Dizzi! Diese Eintopfsuppe gibt dir alles, was du für eine cholesterinreiche Ernährung brauchst: Das Lammfleisch, Linsen, Kartoffeln und Gewürze, sollst du mit einem Stampfer zu einem Brei verarbeiten. Das ist dann der zweite Gang, nachdem du vorher die fettreiche Brühe abgegossen und einen kompletten Fladen, zerrissen in Stücke, darin eingeweicht und gegessen hast. Nach einem so aktiven Tag wie diesem genau das Richtige.

Den Abend verbringen wir gemeinsam mit Stephan und seinem Kumpel Andi im Silk Road Hotel, wo wir am nächsten Tag auch einchecken. Unser eigenes Hotel hat ziemliches Krankenhausflair, da sogar das Schlafzimmer bis zur Hälfte der Wand gefliest ist. Da sagt uns das in Erdtönen gehaltene Silk Road Hotel viel eher zu, vor allem, da klar ist, dass wir ein paar Tage Ruhe geben müssen. Malte ist immer noch nicht ganz gesund und mir stecken die ersten sechs Wochen unserer Reise auch in den Knochen.

 

15.11.-18.11.2014

In den nächsten Tagen machen wir außer Gammeln und Filme schauen nicht besonders viel. Im Silk Road Hotel treffen wir auch noch die Kronacher mit ihrem VW-Bus aus dem Alamut-Tal wieder. Generell versammeln sich hier viele Overlander, die mit ihren umgebauten Bussen von Deutschland nach Indien fahren – über Pakistan. Es ist also nicht ganz der alte Hippietrail, aber immer noch aufregend genug. Wir sind natürlich sofort wieder oberneidisch und sehr gespannt, wie es den Leuten wohl an der iranisch-pakistanischen Grenze gehen wird. Da kommt es immer wieder zu Ausschreitungen, so dass einige Reisende das gesamte Grenzgebiet im Polizeikonvoi fahren müssen. Die Overlander halten das für viel gefährlicher als einfach alleine weiter zu fahren – so signalisiert man doch den Räuberbanden, Terroristen und sonstigen Interessenten an wertvollen Gegenständen doch erst recht, dass hier ein potenzielles Ziel durch die Wüste fährt! Man hört immer wieder eine Geschichte, bei der ein solcher Konvoi angegriffen wurde und acht pakistanische Polizisten erschossen wurden. Einer der Reisenden hat den Überfall überlebt.

Die heftigste Geschichte haben jedoch die Kronacher am eigenen Leib erlebt: Sie wurden in Kurdistan (im türkischen Teil!) von einer kurdischen Bauernmiliz beschossen und anschließend von der PKK festgehalten und verhört – weil Johannes einen Vollbart hat, haben sie in ihm einen Überläufer zum IS vermutet. Als sie weiterfahren hätten dürfen, mussten die beiden feststellen, dass irgendein Hornochse die sündhaft teure Sportkupplung komplett ruiniert hat, da die PKK den Wagen unbedingt selbst zum Hauptquartier fahren wollte. Dieses kleine Intermezzo hat den beiden bis jetzt mehrer Tausend Euro Folgeschäden beschert, da die Ersatzteile aus Deutschland eingeflogen werden müssen. In Pakistan treffen die beiden sich mit dem Vorsitzenden des dortigen VW-Bulli-Clubs, der das Ersatzteil für sie in Empfang nimmt und verwahrt. Die Geschichte geht noch viel mehr ins Detail, aber das erzählen wir dann, wenn wir wieder daheim sind. So eine Story vergesse ich nicht!

Am Tag darauf verabschieden wir uns von Ryan, der weiter nach Shiraz fährt. Wir bleiben noch ein paar Tage in Yazd, kurieren uns aus und verlängern unser Visum um ein paar Tage. Wir haben bei der Buchung unserer Fähre von Bandar Abbas nach Dubai einen Fehler gemacht und uns bei der Gültigkeit unseres Visums um genau einen Tag verrechnet. Gott sei Dank ist der Prozess relativ unbürokratisch und im Verhältnis zum Originalvisum auch günstig – 30 Tage Verlängerung für ca. 5 Euro sind ein krasser Gegensatz zu 100 Euro Kosten für das erste Visum.

2 Responses to Yazd – Star Wars und Dramatik

  1. Laszlo Bencker sagt:

    sehr schön! Trotzdem Frage: wart ihr auch am Amirchakmagh – oder so – Mosche? Oder Square… Oder ist das nur ein Tor? Auf die Fotos von Google Earth – wo ich euch verfolge 😉 – schaut beeindruckend aus

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