Canakkale – Entspannen in Troja

30. September 2014 • Türkei • Views: 6527

 

 

“So früh bist Du ja noch nie aufgestenden!” Einer meiner Lieblingssprüche, um meine liebste Julia zu ärgern. Diesmal hat es vielleicht sogar gestimmt, da wir nach MEZ um 4:15 aufstehen mussten, um 45min später die erste Metro um 6:00 Istanbuler Zeit erwischen mussten, um pünktlich beim Ferribot (Autofähre) mit Ziel Bandirma anzukommen.  Diese brachte uns dann auch sicher und ohne uns seekrank zu machen ans Ziel (der Sturm vom Vortag hatte sich glücklicherweise gelegt). Von Bandirma gings dann, im schicken Otobüs mit Android-Tablets an jedem Sitzplatz, zum Preis von 20 TLR (ca. 7,- €) auf die dreistündige Reise in unser erstes Ziel an der Ägäis, Çanakkale.  Die Busbegleiter wollten übrigens nichts abhaben von meinen Nüssen. Die stehen wohl nicht so auf Luxus.

Hier empfing uns unsere Gastgeberin Kevser und brachte uns zu der Wohnung, wo wir dann erstaml ungestört ankommen, auspacken und strandpromenadenfein machen konnten. Beim ersten Rundgang durch die 116.000-Einwohnerstadt sahen wir das riesigen trojanischen Pferd, das in dem gleichnahmigen Hollywoodfilm verwendet wurde. Man konnte im Stadtbild, vorallem an der schicken Seepromenade sehen, dass der Filmdreh der Stadt Geld eingebracht hat. Außerdem entdeckten wir das Hamam, in dem wir uns verwöhnen lassen wollten. Nach einem leckeren Eiscafé  in der Sonne gings zurück in die Unterkunft, wo wir von der herzlichen Gastgeberin Kevser bekocht wurden (Suppe von ihrer Mutter und Pasta mit Ziegenkäse von ihrer Schwiegermutter). Wir haben uns mit ihr und ihrem Mann Ali auf Anhieb sehr gut verstanden, nicht zuletzt deshalb, dass die beiden ab Januar eine einjährige Reise nach Südamerika planen. Ali arbeitet als Biologe im örtlichen Krankenhaus und Kevser als Psychologin bei der Führerscheinstelle, sowie nebenbei als Notfallpsychologin für die Polizei, wodurch sie die Runde verlassen musste, da sie zu einem Einsatz gerufen wurde. Julia und ich haben Ali nach dem Essen Uno beigebracht und haben  trotz der Sprachbarriere, wegen Alis eingerostetem Englisch und unserem mikrigen Türkisch eine Menge Spaß gehabt und das erste Eis gebrochen.  Die beiden erzählten von ihrer Wanderung auf dem lykischen Weg und hatten uns schließlich mit den unglaublich schönen Fotos soweit, dass wir uns entschlossen, auch dorthin zu fahren und die Region zu genießen.

Der darauffolgende Morgen wurde ohne Wecker und mit dem Ziel eines entspannten Tages eingeläutet. Dafür hatten wir am Vorabend Müsli, Milch und O-Saft besorgt um mal wieder etwas “Normales” frühstücken zu können. Komplettiert wurde das ganze mit österreichischem Kaffee(Hofer) der Gastgeber. Anschließend machten wir uns auf den Weg ins Hamam, wo wir komplett von oben bis unten durchgeknetet, abgeschrubbt (ich glaube es muss 400er Schleifpapier gewesen sein) und gewaschen wurden.  Julia hatte zudem das Vergnügen, dass ihr Fuß mit dem “Dödel”, “Schlongel” oder auch “Pimmel” (hihi Penis) des Masseurs geschrubbt wurde. Er war laut ihrer Aussage aber zu keinem Zeitpunkt hart. Mein Masseur stand offenbar nicht auf Männer.

Vollkommen tiefenentspannt ging es dann zum Einkaufen, um unseren Gastgebern Semmelknödel mit Rahmschwammerln servieren zu können.  Interessant gestaltete sich hierbei die Suche nach altem Brot, weil uns die Mitarbeiter des Marktes zwar freundlich, aber wie Geisteskranke behandelten.  Nichtsdestotrotz waren die Semmelknödel ein voller Erfolg, obwohl Kevser beim Essen unterbrochen wurde und zu einem Einsatz musste. Ali und ich tranken danach Rakı, Julia bekam einen selbstgemachten Kirschlikör serviert. Bei unglaublich schöner persischer Musik saßen wir drei dann im Wohnzimmer, als Kevser wieder dazustieß und uns Bilder von ihrer heimlichen ersten Hochzeit in Nepal zeigte. Nach diesem schönen Abend gingen wir halbwegs früh ins Bett, um am nächsten Tag fit zu sein für die Ausgrabungsstätte von Troja.

Obwohl wir schon vor acht aufgestanden sind, saßen wir erst um zehn im Minibus nach Troja. Glücklicherweise weiß ich Julias temperamentvolle Ausbrüche zu handeln und konnte sie mit dem Versprechen nicht immer so lange zu trödeln wenn Programm ansteht besänftigen. Trödelbär habe ich später öfters zu hören bekommen.

Es war sehr spannend die bis zu 5000 Jahre alten Ausgrabungen von Troja zu besichtigen. Hier habe ich auch mein erstes Souvenir gefunden. Eine winzige Scherbe mit kleinen Ornamenten, die bestimmt irgendeinem Wissenschaftler zur Vervollständigung seines Lebenswerkes fehlt.

Wir haben auch hier einen neuen Freund gefunden. Eine kleine, einäugige Katze, die nach kurzen Streicheleinheiten nicht mehr von unserer Seite weichen wollte und lautstark noch mehr Liebe einforderte. Für Nahrung konnte sie trotz ihrer Behinderung offensichtlich sehr gut sorgen, da sie immer wieder erfolgreich kleine Käfer gejagt und verspeist hat.

Wieder zurück in Çanakkale haben wir in strömendem Regen bei 16° C den riesigen, überdachten Wochenbazar besucht. Ein Traum von einem Markt mit allem, was das Herz begehrt. Von Klamotten und Schuhen, über Messer und Sicheln, Kuhglocken und Halsbändern, Obst und Gemüse, Käse und Oliven und allerlei anderer nützlicher Dinge und Köstlichkeiten direkt von den ansässigen Bauern kamen wir aus dem Probieren garnicht mehr heraus. Mit reichlich Obst(teilweise geschenkt, da die Bauern über unsere Mengen nur müde lächeln konnten), ein wenig Käse und Oliven und einem Kopftuch für Julia schlenderten wir wieder zurück in unser zeitweiliges Zuhause. Der Schrittzähler hatte bis zu diesem Zeitpunkt 7314 Schritte gezählt. Daheim angekommen aßen wir wieder mit unsere Gastgebern zu Abend. Sie erzählten uns von zweien ihrer Freunde, einem schwulen Pärchen, die am kommenden Tag Hochzeit feiern würden. Auch diese würde heimlich stattfinden, da die Ehe, viel strenger als bei uns, als heilige Sache angesehen wird. Hierbei konnten wir uns noch über Hochzeitsrituale unserer Kulturen austauschen. Hier muss der Bräutigam tief in die Tasche greifen, bis er es geschafft hat, seine Braut ins neue Heim zu bringen. Das obwohl der Brautklau hier nicht üblich ist.

 

Der nächste Blogeintrag wird wieder von Julia kommen. Anders als sie werde ich nicht versprechen den nächsten Eintrag kürzer zu gestalten, da es einfach so viel zu erzählen gibt.

 

Çok teşekkürler(Vielen Dank) und güle güle (auf Wiedersehen) Kevser und Ali!

 

 

3 Responses to Canakkale – Entspannen in Troja

  1. Martha sagt:

    Wahnsinn, da seid ihr erst so kurz unterwegs und habt schon so viel erlebt!!
    Ich finde es echt spannend eure Reise auf diesem Weg verfolgen zu können.
    Ihr seid grad definitiv meine Lieblingsliteratur 😀

  2. Benni sagt:

    Malti schreib doch bitte oefter und vergiss nicht, immer wieder den kleinen Troll raus zu lassen 🙂

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