Erzurum und Van – Irgendwie Heimat

9. November 2014 • Türkei • Views: 5718

Die Zugfahrt – 16.10.14

Die Zugfahrt war ein absoluter Genuss. In unserem Erste Klasse-Zweierabteil gab es nicht nur ein integriertes Waschbecken, Handtücher und eine Minibar, gefüllt mit Salzstangen, Schokolade und Aprikosensaft, sondern sogar ein paar Hausschuhe für jeden! Um 1 Uhr nachts, todmüde und erschöpft von der langen Wartezeit im Bahnhof, freute mich dieses Detail am meisten. Wenig später schliefen wir beide jedoch selig und Malte stand tatsächlich am nächsten Tag im Morgengrauen auf und beobachtete die vorbeiziehende Landschaft. Ich schlief bis neun aus und gesellte mich dazu – dramatische Bergmassive, in allen Farben von türkis über rot bis hin zu Kohle-Schwarz türmten sich links und rechts der Zugstrecke auf. Die Osttürkei versprach, ein Naturspektakel zu werden.

Im Frühstückswagen war ich mit den blonden Haaren beim Zugpersonal die Sensation. Ich frühstückte, eingequetscht zwischen zwei liebenswürdigen Schaffnern, gemeinsam mit sechs netten Herren, von denen keiner auch nur eine Silbe Englisch konnte. Wir lösten das Problem jedoch mit Hand und Fuß und dem geheiligten Google Translator. Malte wurde mit beifälligen Rückenklopfern fast das Kreuz gebrochen, als wir erzählten, dass wir schon 5 Jahre zusammen sind. Mir rutschte ein paar Minuten später jedoch das Herz in die Hose, als zwei grimmig aussehende Zwanzigjährige das Restaurant betraten, bewaffnet mit zwei Kalaschnikovs. Die waren wohl angestellt, den Zug zu bewachen. Eigentlich logisch, wir fuhren gerade durch das auch in der letzten Zeit von Aufständen gebeutelte Kurdistan. Dennoch schockierte mich der Anblick der Waffen, genauso wie die sehr starke Militärpräsenz am Bahnhof in Erzurum. Aber man gewöhnt sich an alles, nach einem Tag fielen mir die Soldaten schon nicht mehr auf.

 

Erzurum – Tag 1

In Erzurum trafen wir uns mit unserem Host Resul und seinem Freund Ahmet. Wir kamen in einer sehr netten Maschinenbauer-WG unter. Ich habe noch nie so eine unordentliche Küche gesehen und das Fehlen jeglicher Einrichtung zeugte davon, dass ich hier in einem richtigen Männerhaushalt gelandet war. Die süße, drei Monate alte Hundedame, die sich die Jungs von der Straße zugelegt hatten, hatte offenbar auch nicht vor, irgendetwas daran zu ändern. Das Willkommen war jedoch sehr herzlich und nach einem schnellen Abladen des Gepäcks ging es zu Fuß zurück in Richtung Innenstadt.

Erzurum ist das Innsbruck der Türkei. 2011 fanden hier die Youth Winter Olympic Games statt, daher kann die Stadt mit einer Curling-Halle, einer eingestürzten Skisprungschanze (wegen eines Erdrutsches) und einem top ausgebauten, nur 5 km entfernten Skigebiet aufwarten. Erzurum befindet sich auf 2000 m Höhe und liegt herrlich eingerahmt von schneebedeckten Gipfeln auf einer weiten Hochebene. Die Luft atmet sich wie daheim bzw. beim Skifahren. Die Innenstadt war sogar mit kitschigem Sternschmuck an den Laternen beleuchtet, als würde man sich auf Weihnachten einstellen. Ahmet erzählte uns jedoch, dass die das ganze Jahr dort hingen. Trotzdem, wären die drei Moscheen nicht gewesen und ein paar mehr Europäer auf den Straßen, hätte man genauso gut irgendwo in den Alpen sein können.

Nach einem Chai mit Zitrone (gibt’s nur in Erzurum) in einem traditionellen Häuschen, das aussieht wie eine Tiroler Jagdhütte, ging es mit Ahmet ab zum Bouldern in die Kletterhalle. Diese befand sich im Keller eines Outdoorsportladens. Die Besitzer und Ahmet haben sie selbst gebaut und klettern hier privat. Ahmet ist seit Jahren Profikletterer und hat mir und Malte verschiedene Routen vorgegeben, von der ich keine einzige vervollständigen konnte. Malte hat sich natürlich wieder viel geschickter als ich angestellt und baumelte bald fröhlich von irgendeinem der Deckensteine.

 

Erzurum – Tag 2 – 17.10.14

Tags drauf gingen wir gleich morgens zur iranischen Botschaft, um endlich unser Visum zu beantragen. Wir waren die Einzigen dort, weshalb die Prozedur recht schnell vonstatten ging. Wir hatten inzwischen den Authorization Code des iranischen Außenministeriums und auch sonst alle Unterlagen vorbereitet. Der Botschaftsmitarbeiter stellte uns ein paar Fragen (z.B. was wir momentan arbeiten, hihi…) und erklärte uns dann, wo wir wieviel Geld hinüberweisen sollen. Am Montag (es war Freitag) sollten wir wiederkommen, unseren Antrag und die Pässe abgeben und am Nachmittag wäre das Visum fertig. Eine neugierige Frage konnte er sich dann doch nicht verkneifen: „Tragen Sie nicht mal im Winter Kopftuch? Was tragen Sie denn sonst?“ – „Eine Mütze!“ Da musste er dann doch grinsen.

Nach einer köstlichen Stärkung in einem Suppenrestaurant verbrachten wir den Nachmittag mit ein bisschen Sightseeing und Slacklining. Auch hier habe ich wieder glamourös versagt, während Malte immerhin ein paar Schritte darauf laufen konnte. Ahmet und Resul waren da schon geübter und Resul lief bei ca. 8°C sogar noch barfuß auf dem Seil herum. Um uns scharten sich, kurz nachdem wir angefangen hatten, eine Gruppe männlicher Teenager, die endlos von unserer Akrobatik fasziniert waren. Einer traute sich sogar, es mal auszuprobieren und war sehr angetan. Vielleicht ein neuer Rekrut für diesen Sport? Ich bin es wahrscheinlich nicht. Aber eigentlich ist das auch nicht weiter verwunderlich. Ich habe in meinem Leben so viele Trendsportarten ausprobiert, von diversen Brettsportarten über Bouldern bis hin zum Snowboarden und bei keiner habe ich irgendein auffälliges Talent gezeigt. Da fahre ich doch lieber Fahrrad und Ski, das hab ich als Kind gelernt, da merkt keiner, wie untalentiert ich in Wirklichkeit für Sport bin.

 

Georgische Täler und Kackar-Gebirge – 18.-19.10.14

Am nächsten Morgen fuhren wir mit unserem Mietauto in die Berge, in das Kackar-Gebirge (spricht man Katschkar) und ein paar Täler, die früher zum Königreich Georgien gehörten. Neben der wie im Zug schon angekündigten atemberaubenden Landschaft haben wir ein paar wirklich steinalte Kirchen besichtigt. Das Schönste war jedoch immer der Weg dorthin. Einmal sind wir zum Beispiel eine 7 Kilometer lange, in den Fels gehauene Bergpiste hochgefahren. Ich kann überhaupt nicht in Worte fassen, wie schön es dort war. Am Besten, ihr seht es euch in dieser Galerie hier an:

Bei der Fahrt in eine Stadt namens Artvin sind wir außerdem an einem riesigen Damm vorbeigekommen, der mehrere hundert Meter in die Tiefe ging. Das Tal dahinter war komplett mit Wasser geflutet, das Tal davor durch die Bauarbeiten verunstaltet und hässlich. Dieses Dammprojekt ist offenbar heiß umstritten – ein anderes Tal, das wir durchfahren haben, wird in der nächsten Zukunft offenbar ebenfalls geflutet. Dort leben eine Menge Menschen, die dann umgesiedelt werden und das Tal selbst ist so wunderschön, dass einem fast die Tränen kommen könnten aufgrund eines solchen Verbrechens. Die Regierung rechtfertigt das Projekt so, dass das Land mehr auf Wasserkraft bauen will und so weniger Strom importieren muss. Ist das also der Preis für eine solche grundsätzlich lobenswerte Idee?

Am Sonntag Abend kehrten wir zurück in unsere liebgewonnene WG und ich wurde erstmal krank. Den nächsten Tag verbrachte ich, bis auf einem Ausflug in die iranische Botschaft, im Bett. Die Jungs waren superleise und brachten mir nachmittags sogar ein Rührei mit Brot und Tee ans Bett. Ich fühlte mich richtig wie zuhause und zwischendurch kam auch noch der Hund zum Kuscheln!

Dennoch bin ich froh, dass sich unser Aufenthalt in der Türkei langsam dem Ende zuneigt. Gerade in der letzten Woche, die wir nicht in Hotels, sondern bei Couchsurfern verbracht haben, wurde deutlich, wie eine Frau in der Türkei noch anders wahrgenommen wird als in Deutschland. Niemand war unfreundlich zu mir, aber einige unserer Kontakte, vor allem die Jungs in Erzurum und Kayseri (außer unserem Emre natürlich) hatten ihre Schwierigkeiten, mich in ihrer Welt einzuordnen. Daher wurde relativ wenig mit mir gesprochen und mir war teilweise ziemlich langweilig. Wo waren sie, die starken, selbstbewusstn Türkinnen, wie ich in Canakkale eine in unserer Gastgeberin Kevser kennen lernen durfte? Warum haben all diese jungen Männer keine Frau an ihrer Seite? Ich hoffte, dass ich im Iran mehr Kontakt zu Frauen haben würde, um auch ihren Blick auf den Mittleren Osten kennen lernen zu können.

 

Van – 21.-23.10.14

Am Dienstag morgen um 7 stiegen wir in den Bus Richtung Van, unserer letzten Stadt in der Türkei, von der aus wir den Zug in den Iran nehmen würden. Ich habe mich mit Schmerzmitteln vollgepumpt und mit Kräutertee bewaffnet und überlebe die anstrengende Busfahrt irgendwie. Landschaftlich wurden wir, wie üblich, wieder belohnt: Hinter einer harmlosen Hügelkuppe blickte ich in die Ferne und fragte mich, was für ein seltsam geformter Wolkenberg das dort am Horizont ist. Ein paar Sekunden später haute es mich total um: Es war der Ararat! Der heilige Berg! Mitten in der Landschaft! In schwindelerregende Höhen ragte er mitten aus einer sonst total flachen Landschaft heraus, Wolken hingen an seinem schneebedeckten Gipfel fest und er sah wahrlich majestätisch aus. Ungefähr eine halbe Stunde blieb er in meinem Blickfeld und ich konnte mich kaum sattsehen.

Kurz wurden wir noch in die Realität zurückgeholt, als wir die Grenze zum Bezirk Van passierten. Grimmige Polizeibeamte kontrollierten den Bus, die Maschinengewehre sind zurück. Wir waren nun in einer Provinz der Türkei angelangt, für die zum Zeitpunkt unseres Besuchs eine Reisewarnung ausgesprochen wurde. Die irakische Grenze ist nicht mehr so fern und die Kurden in den Städten protestieren.

In Van angekommen, liefen wir kurz durch die Innenstadt und orientierten uns. Die Spannung zwischen Türken und Kurden war spürbar. Außer einem kleinen Zwischenfall, bei dem ein Junge völlig unprovoziert eine Frau mit einem größeren Stein beschmeißt, sahen wir keine Gewalt oder Auseinandersetzungen. Alle waren wie gewohnt sehr freundlich und hilfsbereit. Den lässig in einer Seitengasse parkenden Wasserwerfer und die am Boden gestapelten Polizeischutzschilde konnte man da fast übersehen.

Danach kehren wir zurück ins Hotel und ich gebe mich meiner Krankheit hin. Im Fernsehen laufen Youtube-Videos, immer wieder unterbrochen von Werbung für einen automatischen Gebetsteppich, den man sogar aus Deutschland bestellen kann. Auch auf der Straße wurden wir von einem Herren angesprochen, der fließend Deutsch sprach und in Hannover wohnte. Er erklärte uns, dass ganz viele der Immigranten in Deutschland aus ebendieser Region kommen. Tatsächlich sind uns die Gesichtszüge der Stadtbevölkerung hier vertrauter als bisher. Wir vermuten, dass in Deutschland wahrscheinlich gar nicht mal so viele Türken, sondern vor allem Kurden leben.

Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Bett, Malte holte mir Suppe von draußen und pflegte mich. Am Tag unserer Abreise ging es mir wieder gut und wir liefen durch die Stadt, um letzte Besorgungen zu machen. Ich verabschiedete mich schweren Herzens von meinen geliebten Vans, die ich nach drei Jahren so fertiggemacht hatte, dass ich ein Loch in das Wildleder über dem großen Zeh gelaufen hatte. Es war Zeit. Ich besitze nun ein paar sehr gut gefakte Adidas. Außerdem habe ich mir statt der geplanten einen Jeans zwei aufschwatzen lassen, von denen eine so perfekt sitzt, dass ich am Liebsten in ihr schlafen würde. Oh Türkei, du Shopping-Mekka! Für Malte gab’s nur Duschgel und eine Sonnenbrille. Nachmittags aßen wir dann noch ein letztes Mal so richtig westlich im Café Berlin, am Van-See….

Abends wurde es dann spannend. Wir fuhren schon um 7 zum Bahnhof und warteten im kleinsten Warteraum aller Zeiten auf die Ausstellung unserer Zugtickets. Der Bahnhof in Van besteht derzeit nur aus Baustellencontainern, da das Gebäude kernsaniert wird. Bald zogen wir in einen größeren Container um, wo wir uns die Wartezeit mit tollen Gesprächen mit drei iranischen Flüchtlingen, die ihre Eltern zum Zug brachten, versüßten. Offiziell sollte der Zug um halb zehn losfahren – daraus wurde halb 1. Völlig übernächtigt, aber aufgeregt und frohen Mutes stiegen wir in den Trans-Asia-Express Richtung Teheran ein und machten uns auf die Reise in das wohl abenteuerlichste Land unserer Reise: Iran.

4 Responses to Erzurum und Van – Irgendwie Heimat

  1. Stefan sagt:

    Hallo Julia und Malte,

    schön zu lesen, dass es euch gut geht. Toll, dass ihr eure Erlebnisse so spannend bloggt. Hier ist es nur kalt und neblig. Dank euch kann man ein bisschen träumen.

    Viele Grüße
    Stefan

    • Malte sagt:

      Hey Stefan,

      schön, dass Du Freude am Lesen hast und danke für das Kompliment von einem so fähigem Schreiber.
      Zwischen neblig und kalt ist doch bestimmt noch ein bisschen Platz für warme BK Abende 🙂
      Die fehlen mir schon sehr!

      Liebe Grüße

  2. Caro sagt:

    Hey ihr!
    Auch von mir schöne Grüße, ich habe mit Genuss heute euren Blog durchgelesen und er hat mich zu Tränen gerührt. Ich bewundere euren Mut, beneide euch und freue mich mit euch über jede Sekunde eures Abenteuers. Und Malte, Respekt, dass du den Ring so lange mit dir rumgetragen hast! Glückwunsch zu eurer Verlobung, ich freue mich ungeheurlich.

    Ich liebe übrigens euren ehrlichen und wunderbaren Schreibstil. Ihr habt ein Talent fürs Schreiben. Das kann man nicht lernen, sondern entweder man kann es oder nicht. Ich bewundere jeden, der dieses Talent besitzt, denn mir fehlt es leider.

    Safe travels!
    LG eure Caro
    (Polo-Caro, falls euch die Zuordnung fehlt)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.