Istanbul – Viel zu viel auf einmal

25. September 2014 • Türkei • Views: 4949

Goodbye Germany – Hello World!

Nach einem tränenreichen Abschied von unseren Familien sind wir am 20.09.2014 dann tatsächlich losgeflogen und auf Weltreise gegangen. Bereits als wir im Flugzeug gesessen sind und Bayern unter uns in den Wolken verschwinden sehen haben, hat sich endlich die Aufregung, auf die wir beide die letzten Tage gewartet haben, eingestellt. Wir gehen tatsächlich weg! Komplett ganz raus aus allem! Wie oft haben wir in den vergangenen Monaten von anderen gesagt bekommen, wie mutig sie das finden, dass wir mit Ende 20 unsere jungen Karrieren pausieren, unsere Wohnungen aufgeben und unser Hab und Gut verkaufen, bis alles in nur einen Rucksack passt. Im ganzen Vorbereitungsstress hatten wir gar nicht wirklich Zeit, uns über die Konsequenzen dieser Entscheidung ernsthaft Gedanken zu machen. Jedenfalls traf mich und auch Malte diese Erkenntnis zum ersten Mal im Flugzeug, so ungefähr über den Alpen bei Linz, mit voller Wucht. Wir sind einfach abgehauen. Geil!

 

Erster Tag

Da unser Flugzeug auf der asiatischen Seite Istanbuls gelandet ist, stand uns als erste Herausforderung die Wahl des richtigen Busses zurück nach Europa bevor. Das war überhaupt kein Problem, da unser AirBNB-Host Celal uns sogar die Busfirma in seiner Wegbeschreibung zur Wohnung genannt hat. Aufgeregt, jedoch leider immer müder werdend, haben wir den asiatischen Teil Istanbuls an uns vorbeifahren lassen – um dann das Highlight der Anreise, die Überquerung des Bosporus über die berühmte Brücke, selig schlafend zu verpassen.

Unsere Wohnung lag im Szeneviertel Beyoglu, nur 10 Minuten zu Fuß vom Taksim-Platz entfernt. Unser Host Celal war überglücklich, dass wir bereits nach einer Stunde Fahrt da waren – er wollte sich mit seinem Freund und noch einem weiteren Freund so schnell wie möglich in die Istanbuler Schwulenszene stürzen. Als wir genauer nachgefragt haben, wohin er da geht, meinte er nur augenzwinkernd, dass für so solche ungezogenen Etablissements noch ein wenig zu jung wären. Der Mann ist 25. Wir haben es als Kompliment aufgenommen!

Wir sind dann natürlich auf eigene Faust losgezogen. Nach einem köstlichen Meze-Abendessen sind wir in die Seitenstraßen rund um den Taksim gezogen. Malte ist erstmal komplett ausgeflippt: So viele Menschen auf einmal hatte er noch nie gesehen! Es herrschte eine unfassbare Lautstärke, überall wurde gesungen, laut gelacht, Cay getrunken und geraucht. Wir haben ein paar saugute Straßenmusiker gehört, die, wie alle Nationen mit Emotionen im Blut, die deutsche Volksmusik weit in den Schatten stellen. Und als wir eigentlich schon wieder heimgehen wollten, haben wir eine Metalbar mit einer geilen Coverband gefunden, die astrein Rammstein gecovert haben. Hier gibt’s wirklich alles.

Man hat allerdings auch sofort verstanden, warum es in Istanbul zu Aufständen gegen die Unverschämtheiten der türkischen Regierung kommen kann und sich in Deutschland die braven Bürger anhand von Petitionen und angemeldeten Demonstrationen empören.

 

Zweiter Tag

Nachdem wir uns erstmal gründlich ausgeschlafen haben, sind wir dann losgezogen. Der Plan war, sich zuerst das Standardprogramm mit Hagia Sofia, blauer Moschee und Topkapi-Palast reinzuziehen. In Sultanahmed, dem Stadtviertel in dem all diese Bauten stehen, hatte Malte aber erstmal Hunger. “Lass uns kurz in einer Seitenstraße was essen” wurde zu einem dreistündigen Streifzug durch das Viertel, durch verlassene Shoppingstraßen über einen florierenden Schwarzmarkt, der auf einmal hektisch abgebaut wurde, als die Polizei kam (und wir mittendrin!) bis zur Süleymani-Moschee, die wir bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatten. Die haben wir uns dann als erstes angesehen und waren hin und weg von der fremdartigen Schönheit einer anderen Religion. Der hier singende Muezzin gilt als der beste in ganz Istanbul. Beim Zuhören habe ich Gänsehaut bekommen.

Gegessen haben wir dann eine köstliche Hammelsemmel von einem Straßenstand eines, der Körperfülle nach von seinem Produkt wirklich begeisterten, Jungen. Später gab es dann noch sehr teure, aber leckere Pide, einen Cay in einem netten Straßencafé, in dem alle Backgammon gespielt haben und abends Gözleme, ein mit allem möglichen gefüllter Fladen.

Abends sind wir dann kurz nach der Schließung der blauen Moschee wieder dorthin zurückgekehrt. Auf den Bänken zwischen der Moschee und der Hagia Sofia haben wir zwei österreichische Kurden kennen gelernt, die uns eine sehr interessante Einführung in den Islam und muslimische Kultur gegeben haben. Die Frau war wohl streng religiös, sie wollte Malte zum Abschied nicht mal die Hand geben. Ihr Bruder war da entspannter und hat uns von seinen Sonnenblumenkernen etwas abgegeben.

 

Dritter Tag

Unsere erste Mission am dritten Tag war: Weg mit Maltes Helmfrisur! In unserer Straße gab es ungefähr 20 Friseure und wir haben uns anscheinend für den teuersten entschieden. 50 TL wollte er haben – das sind umgerechnet 17 Euro, also ganz normale deutsche Preise. Das mit dem Verhandeln müssen wir noch lernen.

Auf dem Weg zur Iranischen Botschaft hat mich dann die Erschöpfung und Übermüdung der letzten Tage und Wochen übermannt. Mir ist auf einmal wahnsinnig schwindlig geworden. Malte hat sich im Internet sofort auf die Suche nach einem Park gemacht, in dem ich mich ausruhen kann. So sind wir ungefähr eine Stunde im wunderschönen Gölhane-Park gelegen und haben Freundschaft mit einer Babykatze geschlossen, die nach kurzer Eingewöhnungszeit selig auf meinem Bauch eingeschlafen ist. Süüüß! Überhaupt gibt es in Istanbul wahnsinnig viele Straßenkatzen. Ihnen scheint es gut zu gehen, kaum eine sah krank oder abgemagert aus. Ich glaube, in so einer Stadt zu leben muss das Höchste für eine Katze sein. Man ist permanent draußen, hat tolle Dächer zum Klettern und die Einwohner der Stadt stellen abends Fressnäpfe vor die Tür.

Als es mir wieder besser ging, sind wir weiter zur Iranischen Botschaft gegangen. Sie war an diesem Tag leider schon geschlossen. Gut, dachten wir uns, dann lass uns heute doch die Blaue Moschee und die Hagia Sofia von innen sehen… die Hagia Sofia hat montags zu und die Blaue Moschee war wegen der Gebetszeit ebenfalls gerade geschlossen. Na toll. Wir haben es während unserer Zeit in Istanbul tatsächlich nicht geschafft, diese Gebäude von innen zu sehen, weil entweder zu war oder die Warteschlange sich einmal um das ganze Haus gezogen hat! Wir sind dann wieder zurück nach Hause gefahren, da ich immer noch am Schwächeln war. Ich bin dann ins Bett gegangen und abends sind wir mir unseren Mitbewohnern noch etwas in unserer Straße essen gewesen.

 

Vierter Tag

Nachdem wir die Nacht zuvor schon um elf im Bett waren, sind wir am letzten Tag in Istanbul zeitig aufgestanden, um endlich unser Iran-Visum zu beantragen. Ich war es schon so leid, die ganze Zeit in langer Hose und langem Oberteil rumzulaufen, bloß damit ich dort einen guten Eindruck mache! In Istanbul hatte es durchgehend über 20 Grad, ich bin also zerflossen. Davor haben wir jedoch endlich mal wieder einen Cappuccino zum Frühstück gefunden, die Tage davor gab es nur Cay.

In der iranischen Botschaft war man unglaublich freundlich und hilfsbereit zu uns, und es hat dem Botschaftsbeamten auch unglaublich leidgetan, dass er uns ohne Authentification Code, türkischer Wohnadresse und bei Anreise mit dem Zug leider kein Visum ausstellen kann. Warum wir denn nicht einfach fliegen, da gäbe es momentan einfach am Flughafen ein Visum. Wir probieren es also jetzt noch in Ankara, an ein Visum zu kommen, ansonsten müssen wir wohl nach Istanbul zurück und fliegen. Blöde Bürokratie.

Da die iranische Botschaft um die Ecke von den bereits bekannten Sights liegt, dachten wir uns, dass es vielleicht heute mit dem Besichtigen klappt. Leider war die Moschee schon wieder zu, die Hagia Sofia schon wieder überfüllt und der Topkapi-Palast hat – ratet mal! – am Dienstag geschlossen! Aber der Große Basar hatte auf. In den sind wir dann gegangen und ich habe mir mein erstes Kopftuch gekauft. Ich habe den Verkäufer sogar von 35 auf 20 Lira runterhandeln können – das hat Malte mit seinem Einkauf leider nicht so ganz geschafft. Im Ägyptischen Basar hat er sich von einem sehr freundlichen Verkäufer ca. 1 Kilo Nüsse für umgerechnet 30 Euro andrehen lassen. Diese Tatsache hat mir am Tag darauf auf der Busfahrt nach Canakkale einen einstündigen Lachkrampf verschafft – ihr müsst euch die Situation vorstellen! Malte möchte ein wenig von diesen Nüssen und etwas von jenen, und der gute Mann schaufelt ihm fröhlich zwei mittelgroße Plastiktüten voll. Bei der Frage nach einem Discount erlässt er uns 9 ganze Lira und Malte isst seitdem nur noch Nüsse. Herrlich!

Abends sind wir dann nochmal auf Streifzug durch ein nahegelegenes Viertel ohne Touristen gegangen und sind in einem winzigen Laden, der nur Cigköfte verkauft, eine sehr leckere Paste im Dürümfladen. Der Verkäufer hat riesige Augen gemacht, als wir reinkamen – scheinbar sieht er Touristen nicht oft. Er hat uns erstmal eine kleine Portion zum Probieren gegeben. Als wir absolut begeistert die große Variante bestellt haben, hat er sich richtig gefreut. Zum Abendessen lief dann noch ein türkischer Actionfilm, dessen Handlung man auch ohne Sprachkenntnisse verfolgen konnte. Wir sind dann wieder früh schlafen gegangen, da unsere Fähre nach Bandirma, unser Umsteigeort nach Canakkale, schon um 7 Uhr früh fuhr. Hier sitze ich auch gerade in einer sehr schönen Wohnung und schreibe euch diesen Mammutbericht. Ich verspreche, dass die zukünftigen kürzer ausfallen!

One Response to Istanbul – Viel zu viel auf einmal

  1. marko sagt:

    nais. malte the nut-boy. das bild mim kätzchen ist cool =)

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