Izmir – Return of the Rahmschwammerl

4. Oktober 2014 • Türkei • Views: 4775

Der Reisetag

Nach einem herzlichen Abschied von unseren neuen Freunden in Canakkale machten wir uns auf den Weg nach Izmir. Uns standen etwa 5 Stunden Busfahrt bevor und zum ersten Mal auf unserer Reise wurde unser Sinn für Pünktlichkeit auf die Probe gestellt: Unser Shuttle zum Busbahnhof war ursprünglich für halb eins geplant und kam um halb zwei. Unser Bus fuhr um viertel vor zwei. Der Shuttlefahrer trat erstmal eine Rundfahrt durch Canakkale an, um noch sehr viele weitere Fahrgäste aufzulesen. Noch innerhalb der Stadt mussten wir einmal Shuttle wechseln, da unser Fahrer in den Mittag ging… wir waren also erst um 14 Uhr am Busbahnhof und wirklich nicht sicher, ob der Busfahrer nach Izmir eine ähnlich relaxte Haltung zum Thema Pünktlichkeit hat wie seine Kollegen. Es stellte sich heraus, dass dem so war – unser Anschluss hatte eine dreiviertel Stunde Verspätung! Gott sei Dank hatten wir uns keinen Stress gemacht! Die Fahrt selbst führte entlang der nordägäischen Küste und bot fantastische Landschaften und einen ersten Blick auf das Meer. Unser Busfahrer rauchte immer wieder heimlich eine Zigarette, was mich am Anfang zur Weißglut trieb und mir irgendwann tatsächlich egal war. Sein Kollege, Erkan, der kein Wort Englisch sprach, machte diese Unannehmlichkeit nämlich durch seine ansteckend gute Laune und seine unermessliche Neugier auf uns wieder wett. Fröhlich textete er uns auf türkisch zu, bot uns Zigaretten und Tee an und rekrutierte irgendwann eine Mitreisende, die Englisch sprach, zum Übersetzen. Es stellte sich heraus, dass er es absolut großartig fand, dass wir in seine Heimatstadt Izmir fahren und sein Wortschwall von gerade eben Weggehempfehlungen gewesen waren. In Izmir trennten sich unsere Wege, was er offenbar sehr schade fand – hätte er Englisch gekonnt, bin ich mir sicher, dass er uns zu sich nach Hause eingeladen hätte.

So trafen wir jedoch wenig später auf Tayfun und Rabia, unsere Couchsurfing-Hosts. Tayfun, ein Chemieingenieur, war der erste überzeugte Radfahrer, den wir bisher in der Türkei kennen lernen durften. Er und seine Frau haben kein Auto und machen alles zu Fuß, per Rad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. In Izmir ist das auch viel leichter als in Istanbul, wo Radfahren lebensgefährlich ist. Die Stadt hat ein viel entspannteres Flair als Istanbul, obwohl sie so viele Einwohner wie Berlin hat. Ich glaube, dass Meeresnähe die Menschen überall beruhigt.
Aber zurück zu unseren Hosts. Tayfun und Rabia leben nicht in Downtown Izmir, sondern in einem ruhigen Wohnviertel. Sie haben eine kleine Katze, die noch keinen Namen hat und nur am Raufen ist. Will man sie streicheln, haut sie ab. Wir kamen sehr spät bei ihnen zuhause an, und trotzdem wurde uns sofort Tee und Käsetoast serviert, zusammen mit einem süßen Pudding, der entfernt an Griesbrei erinnert. Die beiden waren wahnsinnig freundlich und offenherzig. Rabia, die wirklich wenig Englisch spricht, nutzte ihren Ehemann als Dolmetscher, um sich uns über alles mögliche mitzuteilen. Tayfun war am Anfang noch etwa schüchtern, was sich jedoch am nächsten Tag, als wir gemeinsam die Stadt erkundeten, änderte. Wir gingen relativ früh ins Bett – Reisetage schlauchen einen ganz schön.

 

Izmir – Tag 1

Nach einem kleinen Frühstück mit Cay und Müsli fuhren wir mit der Izbahn (S-Bahn, Izbahn… lustig!) in die Innenstadt. Izmir hat ca. 300 Tage Sonnenschein im Jahr – der heutige Tag war leider keiner davon. Dafür wehte ein fieser Wind, der unseren Spaziergang auf dem Kordon Boulevard nicht so romantisch werden ließ wie erhofft. Wir merkten außerdem, dass wir beide eine unfassbar schlechte Laune hatten. Was war nur los? Der Wind konnte doch nicht so schlimm sein, dass wir hier Trübsal blasen. Als ich ein paar Meter weiter die Worte “Coffe Bean Go” las, war es mir auf einmal sonnenklar: Unser Frühstückstee war viel zu schwach, unsere Koffeinsucht ist stärker als wir dachen – wir brauchen jetzt sofort einen Kaffee! Nach dieser kurzen Pause war alles gleich viel besser.

Noch auf dem Kordon wurden wir von einer “Wahrsagerin” in die Zange genommen, die sich einfach nicht abschütteln lies. Sie prophezeite Malte ein langes Leben und mir Zwillinge und wollte dafür ein unglaubliches Geld haben. Auch sie bediente sich eines jungen Mädchens, die kurzerhand von ihrer Parkbank zum Dolmetschen herangezogen wurde. Als wir die Wahrsagerin los waren, blieb Yasemin noch ein paar Minuten bei uns und quetschte uns über unsere Reisepläne aus. Sie war wieder ein Beispiel für die grenzenlose türkische Gastfreundschaft, die wir hier jeden Tag erleben dürfen. Sie bot sich als Tourguide an, schrieb sich unsere Blogadresse auf und hat uns bereits eine E-Mail geschrieben.

Ein wenig später gesellte sich Tayfun zu uns. Mit ihm zusammen erkundeten wir die umgebauten alten Docks, den Bazaar von Izmir und aßen Köfte in einem von ihm empfohlenen kleinen Restaurant. Es war ihm sichtlich unangenehm, als wir ihn zum Dank für seine Gastfreundschaft einladen wollten und akzeptierte nur unter der Bedingung, das Abendessen zahlen zu dürfen. Unglaublich, er lässt uns kostenlos bei sich schlafen und will sogar noch unser Essen zahlen!

Nach dem Essen überzeugte er uns, die Agora zu besichtigen. Wir wollten ursprünglich nicht dorthin, da wir keine Lust auf noch mehr Ruinen zwischen Troja und Ephesus hatten. Was uns entgangen wäre! Die Agora ist ein antiker römischer Bazaar, dessen Tunnelgewölbe immer noch intakt und begehbar sind. Man konnte sich richtig vorstellen, wie hier früher das Markttreiben stattgefunden haben muss. Im Vergleich zu Troja war dies hier nicht ansatzweise langweilig oder fühlte sich wie ein kultureller Pflichtbesuch an. Malte verschwand immer wieder sehr lange in irgendwelchen Seitengassen, um sich mit seiner Kamera auszutoben. Die Atmosphäre war absolut magisch. Eine große Empfehlung!

Als letzten Punkt auf seiner Stadtführungs-Agenda zeigte Tayfun uns das Ethnographische Museum – von außen. Die zehn Lira Eintritt wollten wir uns alle drei sparen. Das machte aber nicht das Geringste, da sich vor der Tür des Museums ein Spektakel dramatischen Ausmaßes abspielte: die abendliche Fütterung der circa 30 Straßenkatzen, die sich genau zu diesem Zweck pünktlich vor dem Museum eingefunden hatten. Es wurde kläglich gemaunzt, um die besseren Plätze gekämpft und jeder, der das Museum betrat oder verlies, angeschmust und -geschnorrt. Nach ein paar Minuten erschien einer der Museumsmitarbeiter mit einer Tüte Trockenfutter in der Hand und der Pulk drehte völlig durch. Kennt ihr dieses Video von der Frau, die ungefähr 100 Katzen in ihrer Wohnung füttert? So in etwa war es. Viel sehenswerter als irgendwelche alten Grabinschriften.

Vom Museum aus gingen wir zur Anlegestelle der öffentlichen Fähren und fuhren durch die Bucht, die von Izmir umschlossen wird, zurück nach Hause. Der Himmel war den ganzen Tag wolkenverhangen und grau, doch jetzt, pünktlich zum Sonnenuntergang, brachen an drei Stellen dramatische Sonnenstrahlen hindurch und verwandelten den Himmel in eine apokalyptische Szene.

Zum Abendessen kochten wir wieder unsere Rahmschwammerl und stießen auch bei diesen Hosts auf große Begeisterung. Rabia war außerdem fasziniert davon, dass wir Zigaretten drehen und fand unseren Tabak, der ohne Zusatzstoffe ist, sehr lecker. Das ist uns tatsächlich schon öfter passiert hier. Die Leute kucken uns komisch an, wenn wir in Cafés oder auf der Straße das Zigaretten drehen anfangen – wir glauben, dass sie glauben, dass wir hier fröhlich in der Öffentlichkeit kiffen. Auch Erkan, unser Busbegleiter und Kevser, unsere Gastgeberin aus Canakkale fanden Gefallen an unserem Tabak und dem Ritual, seine Zigarette erst selbst zu drehen, anstatt sie schachtelweise blind in sich reinzurauchen.

Izmir – Tag 2

In der Früh verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebern, die sehr traurig darüber waren, dass wir sie bereits verließen. Sie hatten mitbekommen, dass mein Geburtstag anstand und hätten sich, glaube ich, sehr gefreut, wenn wir ihn mit ihnen gefeiert hätten. Ich habe dann am Mittwoch tatsächlich einen Anruf von Tayfun erhalten! Wie toll ist das denn? Wir haben innerhalb einer Woche nicht zwei, sondern gleich vier neue Freunde dazugewonnen, die sich sogar die Mühe machen, einer Person, die sie zwei Tage kennen, zu gratulieren. Ich war total gerührt und hoffe, sie alle bald wieder zu sehen.

Wir fuhren mit der Izbahn (hihihi) zu dem Bahnhof, bei dem wir vermuteten, dass unser Zug nach Selcuk fuhr. Leider war das falsch und wir bemerkten es erst, als wir unser Gepäck bereits für teure 2,50 € in einen Safe gesperrt hatten. Was Malte außerdem dort bewusst wurde, war, dass seine Kamera auf dem Herd unserer Gastgeber liegen geblieben war. Fluchend fuhr er also zurück, um sie zu holen, während ich mich alleine in der Nähe des Bahnhofs in irgendeiner Gasse in eine der zahllosen Imbissbuden setzte.

Außer mir waren dort nur Männer. Ich trug eine Jeansshorts und ein weißes Tanktop. Mit Push-BH. Offene blonde Haare. Ich war die Attraktion schlechthin! Innerhalb von Minuten saßen drei Männer mit mir am Tisch. Einer von ihnen sprach ganz wenig Englisch, der Rest ging dann mit Hand und Fuß. Ich komme aus Deutschland, mache hier Urlaub, ja, mein Ehemann kommt gleich, nein danke, ich möcht noch nichts essen, nein danke, ich möchte nicht mit Ihnen im LKW nach Bulgarien fahren. Wieder waren die Leute sehr freundlich und aufmerksam und nachdem meine anfängliche Nervosität nachgelassen hatte fühlte ich mich total sicher und willkommen. Der Besitzer des Ladens sprach dann zu meiner Überraschung sehr gut Deutsch, da er ein paar Jahre in Österreich gelebt hatte. Mit ihm unterhielt ich mich dann eine Weile, bis Malte mir per WhatsApp schrieb, dass er nun wieder am Bahnhof wäre. Der Cay ging aufs Haus und mir wurde ein Magnet mit dem Namen des Lokals und der Adresse in die Hand gedrückt, damit ich sein Restaurant weiterempfehle.

Wir holten unsere Rucksäcke wieder aus dem Schließfach und machten uns auf den Weg zum anderen Bahnhof, der nur drei Stationen entfernt war. Einmal mussten wir umsteigen und waren zu doof, um den Eingang zur Metro zu finden. Malte, mit seiner freundlichen und offenen Art, quatschte daher einfach einen Mann an und fragte ihn nach dem Weg. Dieser sprach wieder mal kein Wort Englisch und nach etlichen Versuchen, sich mit Händen und Füßen zu verständigen, winkte er mit seinem Autoschlüssel und winkte uns, mitzukommen. Mir schlug das Herz bis zum Halse – steige niemals in das Auto eines Fremden ein! Malte war da ganz unbekümmert und so wurden unsere Rucksäcke im Kofferraum verladen und wir in einem Affenzahn zu unserem Zielbahnhof gefahren. Unterwegs machte der Mann einen kriminell beladenen LKW mit der Hupe und verbal ziemlich zur Schnecke, was Maltes Theorie, dass die Hupe hier zur Kommunikation benutzt wird, bestätigte. Am Bahnhof wollte er kein Geld von uns, sondern bot uns sogar noch an, von seinem Telefon noch jemanden anzurufen, falls wir wollten! Ich habe mich sehr geschämt, diesem hilfsbereiten und guten Menschen auch nur eine Sekunde lang nicht zu trauen. Mit 20 hätte ich nicht eine Sekunde gezögert, so ein Angebot anzunehmen. Bin ich in den letzten Jahren immer weiter zu einer ängstlichen, sicherheitsbedürftigen Person geworden, die ein freundlich gemeintes Angebot gleich als Gefahr wertet und gut von böse nicht mehr unterscheiden kann? Oder wird man mit der Zeit einfach älter und sammelt seine Erfahrungen, und war ich früher einfach sehr naiv und hatte Glück? Malte scheint weniger Berührungsängste mit seiner Umwelt zu haben als ich momentan. Ich finde das sehr schön, da er mich hier ergänzt und mich immer wieder aus meiner Komfortzone rauszerrt. Ein wichtiger Teil einer solchen Reise würde mir ohne ihn vielleicht komplett entgehen.

Nach einem kurzen Spaziergang stiegen wir nachmittags dann in den Zug nach Selcuk. Eine Fahrt von 1 1/2 Stunden kostete pro Person nur 6 Lira – das sind nicht mal drei Euro. Der Zug war hochmodern, angenehm temperiert und steht deutschen Zügen in absolut nichts nach. Die vorbeiziehende Landschaft war bezaubernd und ein ereignisreiches Wochenende nahm so sein Ende.

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