Konya und Kayseri – religiöse Städte, freie Menschen

8. November 2014 • Türkei • Views: 4044

10.10.12

Als wir am Otogar in Antalya unseren Bussteig suchen und von allen Seiten gefragt werden wo wir hinwollen, merke ich, dass sich eine gewisse Unbekümmertheit bei uns eingestellt hat und wir nun wirklich angekommen sind in der Türkei.

Nach kurzer Wartezeit steigen wir in unseren Luxusliner der Firma Kamilkoc, welcher bei nur drei Plätzen pro Reihe viel Platz bietet und mit Android-Tablets aufwartet auf denen ich Robo-Defans und wir Backgammon gegeneinander spielen. Julia meinte zwar sie würde das Spiel schon kennen, ich glaube ihr aber nicht, da sie wirklich sehr schlecht spielt und ich es nicht schaffe sie gewinnen zu lassen.

Auf der 350km langen Fahrt wird die Landschaft immer schroffer, bis wir in der Hochebene von Konya angelangen, welche einer Wüste anmutet.

Auf der 350km langen Fahrt wird die Landschaft immer schroffer, bis wir in der Hochebene von Konya angelangen, welche einer Wüste anmutet.

 

Gleich bei der Einfahrt in die Stadt fällt auf, dass hier unglaublich viele neue Hochhäuser stehen und Wikipedia verrät mir, dass sich Konyas Einwohnerzahl in den letzten vier Jahren von einer auf zwei Millionen verdoppelt hat. Die Landflucht ist in der Türkei viel größer als bei uns.

Wir fahren an diesem Abend mit Turgay, seiner Freundin Ebru und einer anderen Couchsurferin Kashia zum Essen. Hier lernen wir Etli Ekmek kennen, was „Fleischbrot“ bedeutet und die Ursprungsform von Pide darstellt. Der Unterschied ist, dass die Konyaer Originalvariante zwei Meter lang und hauchdünn ist. Omnomnom….. Anschließend geht’s weiter in einen umgebauten Ziegenstall, der jetzt ein sehr nobles Kaffeehaus mit traditioneller Musik beheimatet. Hier lernen wir Turgays Mitbewohner Emin kennen und ich lese seine und meine Zukunft aus Kaffeesatz. Wählen sie 0190 4583763 und ich lese auch ihre Zukunft.

Zurück fahre ich zum ersten Mal selbst Auto im türkischen Straßenverkehr und bringe alle sicher nach Hause. Hier werden dann noch gefühlte 5000 Zigaretten geraucht und wir fallen erschöpft ins Bett.

 

11.10.2014

Julia Kashia und ich sind schon früh im Stadtzentrum von Konya und erstehen viele leckere Sachen fürs Frühstück auf einem kleinen Markt. Hier können wieder Mal einige der Händler nicht glauben, dass ich kein Türke bin und es gibt wieder einmal einen lustigen Plausch auf deutsch mit ehemaligen Gastarbeitern.

Anschließend besuchen Julia und ich das Mevlana Museum, wo man den kleinsten Koran der Welt bestaunen kann. Die Legende sagt, der Schreiber sei bei der Herstellung erblindet. Ich kann nur sagen, dass er wirklich sehr klein ist. Auf einem Foto wäre er sicherlich nicht sichtbar. Außerdem war das Fotografieren hier verboten.

Als wir danach am anderen Ende der Stadt ein Busticket kaufen wollen, stelle ich fest, dass mein Geldbeutel weg ist. Zurück im Museum darf ich überglücklich einem türkischen Polizeibeamten die Hand schütteln, der mich schon ohne Nachfragen erkennt und mir mein Portemonaitl mit komplettem Inhalt überreicht. Wenn man etwas verliert, ist ein heiliger Ort ganz gut dafür geeignet.

Abends dürfen wir den Tanz der Derwische bewundern. Die, an eine Wüste erinnernde Musik gibt ihnen den Takt vor für ihre tranceartige Tanzzeremonie. Als der ganze Saal am Ende zusammen laut betet, haben wir beide eine Gänsehaut und fühlen die Energie im Saal.

Zurück in der WG werden wir mit einem Tischfeuerwerk empfangen und stoßen überraschenderweise zu Gökcels Geburtstag an. Turgay hatte schlicht vergessen das zu erwähnen, was die Stimmung aber nicht trübt.

 

12.10.2014

Nach dem Aufstehen beschließen wir nur noch bei Gastgebern zu schlafen, die nicht in der Wohnung rauchen. Wir frühstücken zusammen mit unseren Gastgebern und nehmen dann nachmittags einen Bus ins 500km entfernte Kayseri.

Der grießgrämige Busfahrer fährt wie eine besengte Sau und raucht wie ein Türke, bringt uns aber sicher ans Ziel wo wir von Emre und Serkan empfangen und in deren WG mitgenommen werden, die für die nächsten Tage unser Zuhause sein wird. Wir werden sehr herzlich empfangen und ich bin erstaunt darüber, dass die Wohnung so geräumig ist, obwohl das fünfzehnstöckige Haus von außen nach eingefärbtem Sowietbau aussieht. Schon am Abend fällt auf, dass auch Kayseri ein großes Wachstum erlebt hat, hier aber mehr leben zwischen den Häusern herrscht.

 

13.10.2014

Nach einem sehr erholsamen Schlaf gehen wir um 8 aus dem Haus und fahren mit Emre und Akif im weißen BMW in deren Büro. Alle Bewohner der WG, bis auf einen Medizinstudenten, arbeiten im selben Betrieb, den die Jungs vor ein paar Jahren gegründet haben. Sie vermessen, vermitteln, und bebauen Grundstücke in der Region um Kayseri. Emre z.B. ist Landschaftsarchitekt.

Wir frühstücken zusammen mit den Jungs und lernen dabei auch Macej kennen. Er kommt aus Polen und ist ein weiterer Couchsurfinggast von Emre. Zusammen mit Macej und Emre gehen wir zum Turkcell-Shop um zu klären warum Julias Guthaben auf unerklärliche Weise immer weniger und weniger wird. Die Mitarbeiterin findet heraus, dass Julias Karte auf den Namen Ahmed Ahmed läuft. Als wir unsere Karten im Turkcell Shop in Istanbul gekauft haben wurden wir nicht nach Namen oder Ausweis gefragt und wurden hierbei wohl übers Ohr gehauen. Komischerweise hat nur Julia Probleme mit schwindendem Guthaben, obwohl meine Karte auf den selben Namen läuft. Zu dem Zeitpunkt spielt Julia zwar mit dem Gedanken den betreffenden Turcell Laden anzuzeigen, verwirft die Idee aber wieder, da wir ja mittlerweile Wissen wie es um die Englischkenntnisse von türkischen Polizeibeamten bestellt ist. Wir verbuchen das ganze einfach auf dem Lehrgeldkonto.

Biking in Kayseri

Biking in Kayseri

Macej und ich lassen Julia in einem Café in der Shoppingmall zurück und erkunden zusammen ohne Plan und Ziel die Stadt. Er ist ebenfalls ein Fahrradfreak und hat schon viele Orte in Europa mit seinem Drahtesel bereist. In der Türkei ist er allerdings ohne Rad, dafür mit dicken Wanderstiefeln unterwegs und er erzählt mir von einigen Bergen, die er hier bestiegen hat. Als wir zurück in der Mall sind und dort auf Julia treffen, hat sie den gefürchteten  Shoppingblick drauf und ich rette sie vor einem Fehlkauf. Der Cardigan den sie kaufen wollte bestand quasi nur aus Löchern und Kunstfaser.

Anschließend schlendern wir zu dritt durch die Stadt und finden dabei einen Musikladen, der eine kleine Gitarre im Schaufenster hat und als Ersatz für Julias verlorene Ukulele dienen könnte. Obwohl sich das Instrument als Schrott herausstellt bleiben wir hier hängen, da wir in der angeschlossenen Musikschule das Klavier benutzen dürfen und eine kleine Jamsession entsteht. Hier spiele ich zum zweiten Mal Sas und bin fasziniert von diesem Instrument. Wenn die Begeisterung bis zum Iran anhält, kaufe ich mir dort vielleicht eine.

Julia am Klavier

Julia am Klavier

Macej am Klavier

Macej am Klavier

Zurück in der WG machen wir (schon)wieder Semmelknödel mit Rahmschwammerl. Leider gelingt die Soße diesmal nicht so gut, da die Menge an Pilzen für die kleine Pfanne zu viel war und aus Mangel an Mehl für eine Mehlschwitze die Pilze verkocht waren durch den Versuch die Soße durch langes Kochen zu reduzieren. Satt wurden trotzdem alle und nach einer netten Plauderrunde gings auch schon ins Bett.

 

14.10.2014

Wir lassen uns im BMW nahe des 1850m hohen Alidai absetzen und starten unseren Aufstieg zum Gipfel. Leider bleibt die suche nach einem Morgen-Cai vergeblich und wir (vorallem Julia) starten missgelaunt die Wanderung. Die erste kleine Brotzeit machen wir mit schönem Blick über das in leichtem Smog liegende Kayseri.

Blick über Kayseri

Blick über Kayseri

Der Weg wird steiler, der Atem flacher und der Müll am Wegesrand weniger. Im Zickzack schlängeln wir uns immer weiter bergauf. An einer Wegzweigung entscheiden wir uns für den höheren der beiden Gipfel und steigen über einen Trampelpfad weiter bergauf. Oben angekommen kommt ein Polizist auf uns zu und ich grüße ihn freundlich. Er gibt mir daraufhin freundlich aber bestimmt zu verstehen, dass hier Ende der Wanderung ist und wir hier nicht sein dürfen. Uns wird erklärt, dass dieser Berg für den Polizeifunk genutzt wird und der komplette Berg vermint ist. Nach kurzem Schreck verstehen wir seinen Witz und Julia beruhigt sich wieder. Die Polizisten, die offenbar Mittagspause auf dem Berg gemacht haben, suchen nach einer Lösung uns im Polizeiauto mit runter zu nehmen, aber die Karre ist bis oben hin voll. Wir verabschieden uns uns machen uns auf einer Schotterpiste auf den Weg nach unten. Hier sehen wir auch einige Verkehrsschilder mit denen die Kollegen wohl Schießübungen gemacht haben.

Zurück in die Stadt geht’s per Anhalter und wir essen dort ein verdammt leckeres und verdammt scharfes Adana-Kebap. Omnomnom….

Vom Teppichhändler Mustafa bekommen wir eine Einführung ins Teppichgeschäft. Ganz nebenbei möchte er uns einen Teppich verkaufen. Er hat sogar ganz kleine im Angebot, die wir mit auf die Reise nehmen könnten und die er uns zum absoluten Freundschaftspreis geben würde.Wir bleiben dabei, dass wir nicht kaufen. Stattdessen staunt er nicht schlecht, als Julia ihn fragt, ob er denn eine Webseite hat und sie ihm eine bauen könnte und wir Geschäftspartner werden können.

Am Abend habe ich schreckliches Kopfweh. Obendrein wird die Busfahrt zur Odysee, da der Bus restlos überfüllt sind und wir viel zu früh aussteigen und auf den nächsten Bus warten müssen, der sogar noch voller ist. Hier werden dann unsere Fahrkarten kontrolliert. Glücklicherweise stört es den Kontrolleur nicht, dass Julia ihren Kaugummi ins Ticket geklebt hat.

 

15.10.2014

Auch heute fahren wir wieder im BMW in die Stadt, diesmal aber mit dickem Bass (Wiggle wiggle wiggle). Julia kauft sich einen schönen langen Manto für den Iran, ich finde neue Schuhe. Zu Mittag essen wir mit zwei deutsch-Türkinnen, die hier Medizin studieren. Allerdings ist der Altersunterschied von ca 10 Jahren wohl zu groß (wir werden gesiezt) und der Funke springt nicht so recht über. Vielleicht haben wir auch einfach zu viele Fragen an die beiden.

Wiggle Wiggle Wiggle

Wiggle Wiggle Wiggle

Abends sitzen wir mit Emre in der Küche, trinken Dosenbier und haben einfach eine gute Zeit mit unserem Gastgeber, der ganz auf unserer Wellenlänge liegt.

Später verabschieden wir uns dann am Bahnhof und wir beide müssen ein paar Tränen verdrücken.

Das Rattern des Nachtzuges nach Erzurum wiegt uns kurze Zeit später in den wohlverdienten Schlaf. Doch schon beim Einschlafen ist mir klar, dass ich mit den ersten Sonnenstrahlen am Fenster sitzen werde…

 

 

 

 

3 Responses to Konya und Kayseri – religiöse Städte, freie Menschen

  1. Flo sagt:

    Servus ihr beiden,

    schön wieder von euch zu lesen – bis zur Weltherrschaft von Rahm und Pilz habt ihr nimmer lang 🙂

    Grüße aus Augsburg!

    • Malte sagt:

      Hey Flo,

      dank deine email Adresse konnte ich glücklicherweise ermitteln welcher Flo es denn ist 🙂 Wobei auch schon der schreibstil Hinweis gegeben hat 😉
      Wenn uns beiden Rahmschwammerl nicht zum Hals raushängen würden, könnte das schon klappen…

      Ganz liebe Grüße aus Yazd

  2. Flo sagt:

    Hey Malte,

    entschuldige die Verwirrung. Dass euch die Schwammerl langsam nimmer schmecken wollen ist natürlich doof. Haltet uns auf jeden Fall auf dem laufenden wie es weiter geht!

    Grüße, Flo.

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