Patara und Olympos – Endlich am Meer

13. Oktober 2014 • Türkei • Views: 5361

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Reisetag nach Patara

Nach der ganzen Kultur, die wir uns die ersten Tage reingezogen hatten, freuten wir uns beide sehr darauf, endlich die Lykische Küste und das warme Mittelmeer zu erreichen. Was wir leider nicht bedacht hatten, ist, dass wir uns für unsere Reise nach Patara den Tag der zweitgrößten Völkerwanderung der Welt, nach dem chinesischen neuen Jahr, ausgesucht hatten: das islamische Opferfest, zweitwichtigster Feiertag des Islam nach dem Fastenbrechen am Ende des Ramadan. Zu diesem Anlass fahren wirklich ALLE Türken zu ihren Familien nach Hause, um mit ihnen gemeinsam vier Tage lang zu feiern. Am zweiten Tag wird hierbei rituell ein Tier, meistens ein Schaf oder eine Ziege, geschlachtet – ohne Betäubung. In Deutschland ist das sogenannte Schächten verboten, was mich, nachdem ich ein oder zwei Todesschreie von unserer Pension in Patara aus gehört habe, nicht weiter wundert. Massentierhaltung, bei der die armen Tiere unter widerlichsten Bedingungen aufwachsen, um dann am Fließband abgefertigt zu werden, ist für unsere fragilen Menschenseelen auf jeden Fall erträglicher als ein frisch geschlachtetes Schaf, das danach sofort auf den Grill gepackt wird.

Wie dem auch sei, einen Bus am Tag vor dem Opferfest zu kriegen stellte sich als schwierig heraus. Wir hatten Glück und ergatterten einen der letzten Plätze in einem Bus eines regionalen Anbieters. Da wir bisher gewohnt waren, dass die Busse nur an den Busbahnhöfen halten, um dort Leute ein- und aussteigen zu lassen, fühlten wir uns dieses Mal wie in einem Minibus: Wir hielten wirklich ü-ber-all. So wurde aus einer 270 km langen Fahrt ein fast fünfstündiges Spektakel mit wenig Beinfreiheit und einer Menge Leute, dafür aber atemberaubender Landschaft. Unser Weg führte uns von Denizli nach Fethiye durch das westliche Taurusgebirge. Spektakuläre Gipfel, weite Täler und sogar Schnee konnten wir beobachten, während die Sonner immer tiefer sank und gerade, als wir das Gebirge so langsam hinter uns ließen, in flammenden Farben unterging. So kamen wir um acht Uhr abends in Fethiye an.

In all der Aufregung, dem engen Bus so schnell wie möglich zu entkommen und den letzten Anschlussbus nach Patara zu erwischen, hatte ich leider meine Ukulele im Gepäckfach vergessen. Das fiel mir erst auf, als der Bus bereits Gott weiß wohin unterwegs war. Malte, mein Ritter, hat sich sofort auf die Suche nach jemandem gemacht, der uns helfen könnte, sie zu finden. Währenddessen musste ich all meinen blondeuropäischen Charme einsetzen, um uns noch zwei Stehplätze im letzten Bus nach Patara zu organisieren. Wir hatten Glück und der zuständige Mitarbeiter hat wirklich alles gegeben, um uns und sieben weitere Personen in diesen restlos ausgebuchten Bus zu bringen. Was die Türken wirklich zehnmal besser können als wir, dann ist es Service – wann immer sich eine Gelegenheit ergibt, Geschäfte zu machen, wird sie genutzt. In Deutschland wäre es undenkbar gewesen, auf eine einstündige Busfahrt Leute in den Mittelgang zu pferchen, egal, wie verzweifelt besagte Leute sind. So kamen wir nach einem langen, harten Reisetag abends um zehn in unserer Pension an, in der wir sogar noch etwas Köstliches zu essen serviert bekamen und danach wie tot in unser weiches, großes Bett fielen.

 

Patara – Hippiefeeling und Beach Life

In Patara war unsere oberste Devise das gepflegte Nichtstun. Nach dem ganzen überwältigenden Input der letzten zehn Tage wollten wir vor allem entspannen, ausschlafen und das schöne Wetter genießen. Das haben wir am ersten Tag auch erstmal ausgiebig getan. Patara ist ein winziges, tiefenentspanntes Dörfchen, zu dessen Strand man durch eine zwei Kilometer breite Dünen- und Ruinenlandschaft gelangt. Der Strand selbst ist 18 Kilometer lang, eine Besonderheit für die zerklüftete Felsenküste der Türkei. Immer wieder sind Teile des Strandes gesperrt, damit Schildkröten ihre Eier legen können. Das gesamte Gebiet direkt dahinter ist außerdem ein Naturschutzgebiet, so dass es hier nie zu den grauenhaften Bettenburgen kommen wird, die andere Teile der Türkei verschandeln. Das Wasser hatte mit 26° C Badewannentemperatur, die Sonne war warm und die Leute nicht zu viele. Patara bietet nur für ein paar Hundert Leute Platz zum Übernachten – man ist wirklich unter sich.

Malte war nach zwei Stunden Rumliegen und Lesen stinklangweilig und ging deshalb ein bisschen spazieren. Ich hingegen genoss es, mich endlich in mein Buch zu vertiefen, den Wellen zuzuhören und im Schatten eines großen Sonnenschirms an meiner dezenten Bräune zu arbeiten. Abends wurden wir von der Frau des Besitzers unserer Pension bekocht. Sie ist eine wahre Königin am Herd, am Schluss wollten Malte und ich sie beide heiraten oder wenigstens entführen. Was außerdem eine tolle Überraschung war, war, dass wir das kanadische Paar, Dimitri und Catherine, aus Selcuk wiedergetroffen haben. Dimitri hat Cat auf dem Felsen, den ihr auf einem der Strandfotos seht, einen Heiratsantrag gemacht und sie hat angenommen! Das Lustigste war, dass er keinen wertvollen Ring mit durch die Türkei schleppen wollte – deshalb hatte er auf seinem iPhone ein Foto von einem dabei. Wir haben uns kaputtgelacht, was für eine coole Idee!

Am nächsten Morgen fuhr Malte mit dem Besitzer der Pension in die nächste Stadt, um einen Motorroller auszuleihen. Er kam zurück mit einer 150ccm-Rakete, die wir in Deutschland beide garantiert nicht fahren dürfen. Mit großem Herzklopfen meinerseits chauffierte er mich erstmal mit waghalsigem Tempo 15 durch unser kleines Hippiedorf zu einem Gözleme-Restaurant. Nach unserer Stärkung ging es dann 20 Kilometer lang über eine umwerfend schöne Küstenstraße mit Bergen und Steilklippen und Gott sei Dank wenig Verkehr. Die ersten 15 Kilometer war ich eine Eissäule, völlig verkrampft klammerte ich mich an den Haltegriffen des Rollers fest oder hielt meinen Helm fest. Inzwischen bin ich der totale Profi-Beifahrer und durfte auf einem geraden, ebenen Stück Straße auch selbst fahren.

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Ganz generell liefen unsere Tage in Patara so ab, dass wir den Vormittag darauf verwendeten, endlich die fehlenden Blogbeiträge zu schreiben, unser Iranvisum zu organisieren und unsere restliche Türkeireise zu planen. Nachmittags ging es dann an den Strand und einmal zum Saklikent-Canyon. Dort wanderten und kletterten wir ca. 6 Kilometer durch das eiskalte Gebirgswasser, das sich hier einen Weg durch das Gebirge bahnt. An manchen Stellen war das Wasser so tief, dass Malte den Rucksack über seinen Kopf heben musste, während er bis zum Hals im Wasser stand. An ein paar Stellen wären wir ohne die Hilfe anderer Menschen nicht weiter gekommen, andere haben wir wie echte bayrische Bergziegen selbst erklommen. Unsere Abende verbrachten wir, nachdem Dimitri und Cat abgereist waren, mit Christine und Lutz aus Kiel. Sie waren zu Fuß auf dem Lykischen Weg, einem 500 Kilometer langem Wanderweg zwischen Fethiye und Antalya unterwegs und machten in Patara ein paar Tage Strandpause.

 

Olympos – Das erste Mal Backpackeroase

Auch unsere Reise nach Olympos fiel auf einen türkeiweiten Reisetag – schließlich müssen die Massen an Menschen ja wieder zurück in die Städte, aus denen sie kamen. Diese Busfahrt war noch schlimmer als die davor, da der Busfahrer unbedingt mehr Leute mitnehmen wollte, als Platz im Bus war. Erst wurde Malte gezwungen, seinen Sitzplatz aufzugeben, Neben mir saß dann ein alter türkischer Mann, der mir die ganze Fahrt in Endlosschleife erzählte, dass er 5 Jahre in Deutschland gearbeitet hat und Malte zunächst eine Reihe vor mir neben einem Jungen. Der Sinn dieser Aktion war uns nicht ganz klar. Wenig später kam der Busfahrer dann mit Maltes Rucksack an, den er wieder ausgeladen hatte und ziemlich achtlos in den Mittelgang schmiss. Dann bedeutete er einem Jungen, sich auf den Rucksack zu setzen, wovon wir den Busfahrer nur mit lautstarken Protesten abbringen konnten. Malte hat einen MIDI-Controller dabei, auf den setzt sich ganz bestimmt niemand! Irgendwann ist Malte dann aufgestanden und hat der dicken Frau, die die bisherige Fahrt im Stehen verbracht hat seinen Sitzplatz angeboten. Daraufhin haben ihm der alte Mann und der Mann neben ihm die Hand geschüttelt und ihn zu einem guten Menschen erklärt – deshalb also die Sitztauschaktion von vorhin! Frauen stehen im Bus nicht, wussten wir nun. Es stellte sich zusätzlich als großes Glück heraus, dass Malte aufgestanden war, da der kleine Junge, sein Sitznachbar, wenig später das Kotzen anfing und die dicke Frau auch etwas davon abbekam.

Endlich in Olympos angekommen, entpuppte sich unsere Pension als Backpackerhimmel auf Erden. Hängematten, Pavillons mit ottomanischen Sitzgruppen, einfache Holzbungalows und Halbpension zu einem absolut fairen Preis – willkommen in Olympos! Wir waren sehr froh, nicht zur Hauptsaison hier zu sein. Das ganze Dorf ist nur auf Backpackerbedürfnisse ausgerichtet und im Sommer muss es hier zugehen wie zur Wiesn. So waren es nur wir, ein paar andere Spätreisende und ein idyllischer Strand mit türkisem, noch wärmerem Wasser als Patara und wunderschöner Berglandschaft um uns herum. Und ratet mal, wen wir hier getroffen haben: das australische Paar aus Selcuk, Amanda und Dan! Sie waren zuvor auf einem Boot von Fethiye nach Olympos gefahren und hatten unterwegs sehr nette Engländer kennen gelernt, mit denen wir unsere Zeit hier dann verbrachten.

Außer einer Tour zum Chimärenberg, ein Berg, der seit 3000 Jahren in Flammen steht und keiner so genau weiß, warum, haben wir hier in Olympos nichts wirklich unternommen. Wir waren aber auch nur zwei Tage dort, wovon wir einen Tag am Strand und den zweiten in der Pension verbracht haben und absolut nichts getan haben zur Abwechslung. Reisen ist ganz schön anstrengend, stellen wir fest. Man läuft die ganze Zeit durch die Gegend und schaut sich Sachen an, hat anstrengende Bus- oder Zugfahrten, bleibt lang wach und steht trotzdem relativ früh wieder auf. Irgendwann wird einem der ganze Input zu viel und man braucht, genauso wie zuhause, einfach mal einen gammligen Tag auf der Couch. Dafür war Olympos absolut ideal. Kein Kulturschock weit und breit, gutes Essen, ein traumhaftes Freiluftwohnzimmer und nichts zu tun außer Strand, Shoppen und Schlafen. Nach dieser kurzen Erholungspause ging es nach insgesamt einer Woche am Meer wieder weiter. Um acht in der Früh (ihhh) bestiegen wir den Bus nach Antalya, wo wir in den bisher luxuriösesten Bus nach Konya umstiegen.

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