Adelaide und die Flinders Ranges

19. Februar 2016 • Australien • Views: 4000

30.12.2015

Adelaide fühlt sich an wie nach Hause kommen. Ryan, unser Reisegefährte aus dem Iran, öffnet die Tür und zeigt uns auf seine ruhige, unkomplizierte Art seine Wohnung. Er bietet uns sogar sein Schlafzimmer an – er schlafe derzeit eh auf der Couch, weil er mit Witcher 3-Spielen beschäftigt ist. Seine Freundin ist für ein paar Wochen in Guatemala. Durch das Wohnzimmerfenster können wir den hauseigenen Swimmingpool erkennen, der verheißungsvoll in der Abendsonne glitzert.

Nach unserem doch recht anstrengenden Roadtrip entlang Australiens Südküste steht uns der Sinn nach Entspannung und etwas Luxus. Wie passend, dass Ryan in West Beach, einer der besseren Gegenden Adelaides, in diesem Traumhaus lebt. Abgesoffenes Zelt, kalte Nächte, steckengebliebener Camry und über 1.000 Kilometer Fahrt fallen von uns ab, als wir mit Arschbombe und Kopfsprung in den perfekt temperierten Pool springen. Abends passiert neben einem Abendessen mit Ryans Freunden im Pub nicht mehr viel – außer, dass wir feststellen, dass dies das erste Bier ist, das wir vier gemeinsam trinken. Im Iran gab es keinen Alkohol.

31.12.2015

Und wieder einmal nähert sich die Nacht der Nächte, in der alle Hütten abgerissen werden, Exzesse stattfinden und die legendärsten Parties aller Zeiten stattfinden. Zumindest in anderer Leute Leben. Ganz ehrlich, Silvester verliert für mich Jahr für Jahr mehr an Reiz. Die beste Party der letzten Jahre war die, wo ich drei Freunde in meine Laimer Wohnung zum Abendessen eingeladen hatte und wir vor Mitternacht nicht mal den Küchentisch verlassen haben. So sind wir bei Parties gelandet, die bereits in vollem Gange waren und konnten entscheiden, ob wir bleiben wollen oder nicht.

Aber all diese Überlegungen und Lehren lösten sich im Nichts auf, als wir auf die Idee kommen, mal wieder Gin Tonic zu trinken. Auf einmal waren sie wieder da, die großen Partypläne, die Träume von niemals endenden Nächten und jugendlicher Melancholie bei Sonnenaufgang. Und ehe wir uns versehen, wandert die Gin-Flasche in den Einkaufskorb, neben Bier, Cider und den Zutaten für ein wahrlich episches Mahl: Nacho Mountain.

Wie ihr euch bestimmt denken könnt, wird aus der Nacht der Nächte wieder nichts. Der Fehler war der Nacho Mountain. Die Menge an Hackfleisch, Refried Beans, Käse, Nachos und Dips plus zwei Bier pro Person sind einfach zu viel für unsere armen, dreißigjährigen Körper, die nicht anders können als sich dem Food Coma zu ergeben. Gegen zehn Uhr liegen wir alle auf verschiedenen Bestandteilen von Ryans Couchlandschaft und fragen uns, ob wir wirklich bis Mitternacht wach bleiben müssen.

Gegen halb zwölf bringen wir es dann doch noch zustande, das Haus zu verlassen und zum fünf Minuten entfernten West Beach zu gehen. Hier ist die Hölle los. Feuerwerk selbst abfeuern ist in Australien nicht erlaubt, weshalb sich die Leute Knicklichter in allen Farben besorgt haben und sich selbst damit dekorieren. Ansonsten ist es dunkel am Strand und in der Ferne sieht man Glenelg, das Partyviertel, leuchten. Dort wird um Mitternacht dann auch ein schönes Feuerwerk abgebrannt, das wir uns ansehen, uns ein frohes neues Jahr wünschen und dann wieder nach Hause laufen. Um zehn vor eins sind wir im Bett.

01.01.2016

Aufgrund der unfassbaren Strapazen des Jahreswechsels unternehmen wir heute nichts. Der Pool ist unser bester Freund.

02.01.2016

Auf die dringende Empfehlung verschiedener Australier hin machen wir uns heute auf den Weg in den 461 Kilometer entfernten Flinders Ranges National Park. Wir waren uns ursprünglich nicht sicher, ob sich diese Reise von Adelaide aus lohnt und ob wir nicht lieber die Stadt erkunden sollten, so wie wir es in Melbourne getan haben. Nun ist Adelaide allem Anschein bzw. Ryans Auffassung nach, und der ist immerhin hier geboren, ziemlich fad. Wer South Australia gesehen haben will, sollte ins Outback fahren. Coober Pedy, die unterirdische Opalstadt, ist leider tatsächlich zu weit weg, vor allem mit unserem Camry. Also packen wir unsere Siebensachen und brechen auf in Richtung Wilpena Pound.

Was für eine großartige Idee! Wir nehmen die Route über das Clare Valley und ein paar wirklich verschlafene Outbacknester, auf deren Straßen sich nicht mal Hunde blicken lassen. In Quorn besichtigen wir eine der alten Haltestellen des Ghan, dem legendären Langstreckenzug von Adelaide nach Darwin, bevor wir endgültig eintauchen in die rote, mit verdorrten Büschen gesprenkelte Wüstenlandschaft eintauchen, für die Australien berühmt ist. Wenig später beginnt es zu regnen. Sowohl Malte auch mir fallen die Augen raus, als auf einmal ein Känguru mitten auf der Straße hockt und aus einer Pfütze im Asphalt trinkt. Und dann noch eines. Und noch eines.

Getreu unserer bisherigen Routine freuen wir uns, als ein Schild mit den Worten „Scenic Drive 29“ uns vom Highway lockt. Es stellt sich schnell heraus, das wir mal wieder mitten in einem Abenteuer gelandet sind. Die Straße ist hier eine rote Sandpiste und um uns herum wimmelt es buchstäblich von Kängurus in allen Größen und Farben. Ich fahre höchstens Zwanzig, um keines der Tiere versehentlich umzufahren. Sogar eine Känguru-Mama mit Baby im Beutel entdecke ich, neben locker zwei Meter großen Männchen. Und dann kommen auch noch scharenweise Emus an!

Nach fast zwei Stunden Offroad-Adventure wissen wir, dass die 29 auf dem Schild eine Kilometerangabe war. Wir haben außerdem den Highway gewechselt und sind nun wo völlig anders, als wir sein wollten. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als über den Highway und eine weitere Sandpiste zurück auf unsere Straße zu fahren. Hierbei überfahre ich fast einen beeindruckenden Emu, der vor lauter Panik über seine eigenen Füße stolpert und knapp neben meiner Fahrspur der Länge nach hinfällt. Sauknapp, aber saulustig.

Wir verbringen die Nacht auf der Willow Springs Sheep Station. Die nette Dame, die uns empfängt, erlaubt uns, unser Zelt auf der überdachten Veranda des Küchenbereichs aufzuschlagen. Wir seien sowieso die einzigen Gäste, warum also riskieren, dass wir über Nacht im Regen liegen? Wir sind sehr dankbar für dieses Angebot – der Horror von Torquay sitzt uns immer noch in den Knochen. Sonderlich authentisch ist unsere Buschcamping-Erfahrung jetzt jedoch nicht mehr. Seis drum, die Sterne schimmern in der pechschwarzen Nacht, es ist absolut still um uns herum und wir fühlen uns, als wären wir ganz allein auf der Welt.

Bushcamp

Bushcamp

03.01.2016

Wir wachen quasi mit der Sonne auf und besteigen einen der Hügel des Farmgeländes. Die alte Schäferhündin der Farm begleitet uns. Auch hier: Überall Kängurus, wenngleich sie hier viel mehr Abstand zu uns halten als auf dem Highway. Wir sehen außerdem eine Menge Känguru-Skelette und eine tote Echse. Die Stille ist fast absolut und ich komme mir vor wie in einem postapokalyptischen Setting á la Fallout.

Danach geht es in Richtung Wilpena Pound, unserem eigentlichen Ausflugsziel. Hier gibt es einige Wanderwege, von denen die längeren jedoch alle geschlossen sind – die Temperaturen klettern hier momentan täglich über 35 Grad und anscheinend nehmen viele Wanderer das nicht ernst genug.

Wir suchen uns eine leichtere Route mit schönem Blick über die komplett bewaldete Ebene, die von einer Bergkette umgeben ist und nur einen Eingang hat. Hier haben im 19. Jahrhundert ein paar Wahnsinnige versucht, Schafe zu halten und Weizen anzubauen. Beides ging aufgrund des extremen Wetters (Dürre folgt Überschwemmung etc.) ziemlich in die Hose.

Danach haben wir leider einen Anfall an Rastlosigkeit und anstatt den sehr interessant klingenden Geological Trail noch abzufahren, verlassen wir den Flinders Ranges National Park und fahren zurück Richtung Port Augusta und Küste. Dies stellt sich als ein Fehler heraus, da der Highway an Langweiligkeit nicht zu überbieten ist. Schöne Strände finden wir leider auch keine. Erst, als wir spätnachmittags Moonta, ein nettes Städtchen auf der Yorke Peninsula, erreichen, setzen wir uns für eine Weile ins knietiefe, badewannenwarme Wasser, bevor wir uns im Inland einen kostenlosen Campingplatz suchen.

04.01.2016

Wir erreichen bereits vormittags Adelaide und verbringen den Tag mit einer Shoppingtour durch die Innenstadt, Mariokart und dem Swimmingpool.

05.01.2016

Heute fahren wir mit Ryan in die Adelaide Hills und besteigen den höchsten Berg ebendieser mit dem wunderschönen Namen Mt Lofty. Auf dem Wanderweg wird mal wieder deutlich, was für eine Körperkult-Nation Australien eigentlich ist. Die einzigen Leute, die nicht in Sportkleidung wie von der Tarantel gestochen den Berg hoch- oder runterlaufen, sind dicke Menschen oder indische Großfamilien. Und wir. Sogar Ryan, der wirklich nicht der Klischee-Australier ist, kann eine persönliche Bestzeit für die vier Kilometer lange Strecke vorweisen: 35 Minuten.

Der Weg ist meiner Meinung nach auch im Schritttempo anstrengend genug. Man kann von uns ja momentan wirklich nicht behaupten, dass wir nicht in Form sind. 6 Wochen Mountainbiken und dann Bodyboarden sind gut für die Kondition. Wir sind trotzdem ganz schön aus der Puste, als wir den Gipfel erreichen. Für die Aussicht hat sich der Weg jedoch gelohnt.

Danach fahren wir nach Hahndorf, das genauso deutsch ist wie es klingt. Hier reiht sich ein auf deutsch gemachtes Wirtshaus am anderen, von überall dudelt Blasmusik und im Hahndorf Inn holen wir uns zum ersten Mal seit langem ein Weißbier bzw. einen Russen.

Bierselig

Bierselig

Leider war das auch schon das Einzige, was hier gut ist. Unser Essen ist nicht nur schweineteuer, sondern braucht auch 45 Minuten, um zu kommen. Ich habe mir eine Portion Obazda bestellt (hörthört!) und als sie ankommt, verliere ich die Fassung. 6,50$ für einen winzigen Kleks in einem winzigen Schälchen, in das man normalerweise beim Kontinentalfrühstücksbuffet seine Marmelade füllt? Es ist nicht mal genug, um meine ganze Breze (eine kleine für $4,50!!) damit zu essen. Die Bedienung verschwindet wortlos und ich ärgere mich, für diesen Service auch noch Trinkgeld gegeben zu haben. Wir haben im Voraus bezahlt.

des is a fucking Witz oda?

des is a fucking Witz oda?

Ein italienisches Eis soll meine Verstimmung richten, leider muss ich hier für meinen Pappbecher 50 Cent bezahlen, die nicht auf dem Preisboard stehen. Wie sonst soll ich mein Eis denn sonst transportieren, in meinen Händen? Hahndorf hat bei mir leider krass verloren und Ryan tut es sehr leid, uns hierher gebracht zu haben. Ich sage ihm, dass er sich keine Gedanken machen soll – für eine gute Story war unser Ausflug hierher auf jeden Fall gut.

Abends steht dafür wieder 100% Aussie an: Wir besuchen ein Cricketmatch im Adelaide Oval. Die Stimmung ist gigantisch, Adelaide spielt gegen Perth. Wir erhalten von Ryan und seinen Freunden eine Top-Einführung in die Regeln des Spiels und betrinken uns mit reingeschmuggeltem Gin Tonic. Ja, wir haben noch einen Nutzen für unsere Silvesterflasche gefunden. Ich juble mir die Stimme heiser und ich bin mir sicher, dass Adelaide nur wegen meiner hingebungsvollen Fanliebe gewinnt.

06.01.2016 – 08.01.2016

Unsere letzten Tage in Australien verlaufen weiterhin entspannt und ereignisarm. Wir gehen ins Kino und schauen den neuen Star Wars-Film, machen während einer sehr intensiven Siedler von Catan-Session den restlichen Gin und etliche Biere klar und fahren für einen Tag auf die Fleurieu Peninsula zum Bodyboarden. Ryan zeigt uns den „schönsten Strand der Welt“, ein wirklich sehr hübscher Sandstreifen zwischen Kalksteinkliffs. Wir trauen es uns fast nicht zu sagen, dass er gegen Neuseelands Coromandel Peninsula ganz schön abstinkt. Überrascht fragt Ryan uns, was diesem Strand denn bitte zur Perfektion fehlt. Unsere Antwort kommt fast unisono: „Schatten“.

Und dann ist der Tag unserer Abreise gekommen. Wir verkaufen unser Auto auf den allerletzten Drücker, nämlich auf dem Weg zum Flughafen, an Jimmys Tochter für einen Spottpreis. Wir sind trotzdem zufrieden – wir sind immer noch sehr viel günstiger davongekommen als mit einem Mietwagen.

Ryan fährt uns zum Terminal und nach einer kurzen, herzlichen Verabschiedung gehen wir zum Check-In-Schalter. Unsere Flugroute geht einmal quer über Australien und ich kann aus dem Fenster die gigantischen Salzseen des Outbacks erkennen, bevor die Sonne untergeht. Goodbye, Australia. Ich hoffe sehr, dass es nicht das letzte Mal war, dass wir hier waren.

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