Melbourne – die geilste Stadt Australiens

19. Januar 2016 • Australien • Views: 4808

17.12.15

Die Sommerhitze Melbournes trifft uns mit voller Wucht, als wir das Flughafengebäude verlassen. Endlich, nach zehn Monaten (minus zwei Wochen Fiji für mich) fröstelnd bis schlotternd im windigen, regnerischen Neuseeland freuen wir uns auf fünf Monate Sonnenschein und Strand.

Wir fahren in die Stadt und steuern als Erstes die Royal Botanical Gardens an, wo sich das erste Wiedersehen von vielen in Australien anbahnt: Mein Ex-Mitbewohner Tom und seine australische Freundin Lisa, die ebenfalls für vier Wochen bei uns in der Au gewohnt hat, sind über Weihnachten bei ihren Eltern eingeladen und seit ein paar Tagen in Melbourne. Wir haben unseren Flug extra auf Donnerstag gebucht, um mit den beiden noch einen Tag zusammen verbringen zu können, bevor sie nach Canberra weiterfahren.

Es wird ein herrlich entspannter Nachmittag mit Picknick, Ratschen und im Schatten dösen. Bei diesen Temperaturen kann man sonst auch nicht viel machen. Abends gehen wir noch in die Kneipe, in der Lisas Schwester Olivia arbeitet. Ich kann mich irgenwann vor lauter Müdigkeit kaum noch wachhalten (wir sind immerhin seit 5 Uhr früh unterwegs) und sinke innerhalb von Sekunden, nachdem ich meinen Kopf auf Olivias Wohnzimmercouch gebettet habe, in einen tiefen Schlaf.

18.12.15

So schön das erste Wiedersehen war, so schnell ist es auch wieder vorbei. Nach einem gemeinsamen Frühstück verabschieden wir uns von Tom und Lisa und nehmen den Zug nach Frankston, wo unser Couchsurfing-Host fürs Wochenende lebt.

Wir haben es beide versäumt, das gesamte Profil von Brad, unseres Hosts, zu lesen. Ansonsten hätten wir gewusst, dass Frankston nicht mehr Melbourne ist, sondern eine Stadt eine Stunde südöstlich von hier. Das wird uns klar, als wir nach einer kleinen Ewigkeit die Endstation unseres Zugs erreichen und dort eine weitere Stunde auf den Bus warten müssen – unser Host kann uns gerade nicht abholen, weil er auf die Kinder seines Bruders aufpasst.

Es stellt sich heraus, dass er mit seinem Bruder gemeinsam in dem kleinen, etwas schäbigen Haus lebt, da er momentan kein eigenes hat. Das Wohnzimmer stinkt nach Hundeurin und sieht aus, als hätte eine Spielzeugbombe dort eingeschlagen. Ein fröhlicher Dreijähriger sitzt in all dem Chaos und starrt auf den großen Flachbildschirm, auf dem Cartoons laufen. Brad bietet uns die Couch in diesem Zimmer als Schlafplatz an oder, als Alternative, den Garten und ein Zelt. Wir entscheiden uns sofort für das Zweite.

Nach etwas Smalltalk mit Brad zeigt er uns seine aktuellen Fahrradprojekte, der Grund, warum ich bei ihm angefragt habe – ich ging davon aus, einen gleichgesinnten Hobbybastler voller Elan und Ideen vorzufinden. Die Räder sind dann auch recht cool und er bietet uns sofort an, zwei auszuleihen und die Strandpromenade Frankstons mit ihnen zu erkunden. Wir nehmen an, froh, so schnell aus dem muffigen Haus zu entkommen.

Frankstons Beachfront ist randvoll mit Jugendlichen, die in die Sommerferien starten. Wir finden einen schattigen Platz unter einem Baum und lassen das bunte Treiben an uns vorbeiziehen – mehr gibt es hier allerdings dann auch nicht zu tun. Wir haben bereits beschlossen, statt des ganzen Wochenendes bereits morgen wieder abzureisen und zurück nach Melbourne zu fahren.

Später kaufen wir für Brad, seinen Bruder und uns ein Sixpack Cider aus dem Supermarkt und verbringen den Abend nett ratschend in der Küche. Brad zeigt uns verschiedene Kuriositäten aus seiner Sammlung, wie zum Beispiel eine alte Reiseschreibmaschine und ein Keyboard direkt aus den Achtzigern.

Er erzählt uns außerdem, dass er eigentlich Mathelehrer ist, der aber hier in der Gegend keine Anstellung findet. Deshalb arbeitet er momentan saisonweise im Northern Territory, 500 Kilometer entfernt von Darwin in einer Aborigine-Community. Für mich klingt diese Arbeit total spannend, er zuckt jedoch nur mit den Schultern. Es ist schon sehr wenig los dort oben und er ist weit entfernt von seinen Kindern, die hier in Victoria bei der Mutter leben.

Auch über Frankston können uns die beiden Brüder eine Menge Geschichten erzählen. Früher war diese Gegend wohl ein recht hartes Pflaster, in dem ganz besonders viele so genannte Bogans gewohnt haben. Ein Bogan ist äquivalent zu unserem Assi: Dicke Karre, wenig Bildung, entweder muskelbepackt oder übergewichtig, aber auf jeden Fall eine große Klappe. Inzwischen, meinen die Brüder sarkastisch, würden hier eher “cashed-up bogans” wohnen, daher wäre es nun ruhiger. Außer vor ein paar Wochen, wo ein Meth-Junkie in ein Haus eingebrochen ist, einen Menschen abgestochen und den anderen lebensgefährlich verletzt hat.

Einen stärkeren Kontrast zu unserem ersten Tag in Melbourne, den wir mit jungen, hippen Studenten verbracht haben, können wir uns nicht vorstellen. Australien, Land der Extreme.

Schließlich wollen wir dann alle ins Bett. Wir entscheiden uns schließlich dazu, nur die Luftmatratzen im Garten aufzubauen und unter freiem Himmel zu schlafen. Es hat immer noch gut über 20 Grad und der Sternenhimmel ist groß und weit. Außerdem stellen wir uns so gleich unserer Angst vor giftigem Getier, die in Australien ja nicht unbegründet ist. Das einzige, was wir nachts von der Tierwelt mitbekommen, ist ein Possum, das aus einem Baum auf ein Wellblechdach springt.

19.12.15

Gegen 11 Uhr sind wir auf dem Weg zurück in die Stadt. Während wir im Zug sitzen, buchen wir uns ein Hotel etwa 400 Meter von Olivias Wohnung entfernt und machen spontan einen Besichtigungstermin für ein Auto aus, das wir dann auch kaufen. Für 900 Dollar erstehen wir einen himmelblauen Toyota Camry aus dem Jahre 1998, mit knapp 250.000 Kilometern auf der Uhr, einem Gastank, der so empfindlich ist, dass man ihn nur auf dem Highway nutzen sollte und einer fetten Delle in der Fahrerseite. So richtig schön abgeranzt.

Wir und unser Camry

Wir und unser Camry

Wer sich nun fragt, ob es wirklich Sinn macht, für drei Wochen ein Auto zu kaufen, kann ich nur rechtgeben: Unter normalen Umständen hätten wir das wohl nicht getan. Aufgrund der anstehenden Weihnachtszeit sind die Mietwagenpreise jedoch derart gestiegen, dass wir für eine Woche im Kleinwagen stolze 1200 Dollar hingelegt hätten – und das bei einer hohen Selbstbeteiligung.

Ansonsten finden wir heute wenig Zeit für Sightseeing. Der Autokauf hat fast den ganzen Nachmittag in Anspruch genommen. Außerdem ächzt Melbourne unter unmenschlichen 42 Grad Celsius, wirklich kein Wetter für körperliche Betätigung über dem Mindestmaß. Wir gehen in einer Sushibar zum Essen, laufen die Chapel Street in South Yarra einmal auf und ab und gehen früh ins Bett.

20.12.15

Für heute hat der Wetterbericht Regen angekündigt und die ganze Stadt wartet sehnsüchtig auf ihn. Wir verbringen den Vormittag auf dem lustigen Queen Victoria Market, der genau den gleichen Ramsch anbietet, den man auch auf asiatischen Märkten finden kann. Nachmittags, als der Regen beginnt zu fallen, suchen wir im Australian Centre of the Moving Image (ACMI) Unterschlupf und landen in einer tollen, interaktiven Ausstellung über die Geschichte des bewegten Bilds.

Als wir das Museum wieder verlassen, ist es deutlich kühler. Bis zum nächsten Morgen werden wir einen Temperatursturz von 20 Grad erleben – auf immernoch sehr angenehme 21 Grad.

Abends sind wir mit unseren nächsten Freunden Down Under verabredet. Dan und Amanda kennt ihr vielleicht schon aus unseren Berichten in der Türkei, wo wir mit den beiden ein paar Tage gemeinsam in Ephesos und Olympos verbracht haben. Wir treffen uns vor unserem Hotel und gehen gemeinsam mit Freunden von Ihnen zum Essen in einem Pub.

21.12.15

Nach zehn Monaten Outdoor, Arbeit und ländlichem Leben sind unsere Körper zwar fit und wohlgenährt wie nie zuvor, unsere Geister jedoch sehnen sich nach neuem Gedankenfutter und Kultur. Daher steht heute die fantastische Ausstellung Andy Warhol – Ai Weiwei auf unserem Programm. Der nicht besonders Backpacker-freundliche Preis ist gut investiertes Geld.

Wir bleiben vier Stunden lang in der Ausstellung, die so kontrastreich die Unterschiede zwischen dem hedonistischen Warhol und dem politischen Weiwei darstellt, aber auch gleichzeitig die Gemeinsamkeiten betont: Beide haben es verstanden, einen großen Personenkult um sich entstehen zu lassen. Neben eindrucksvollen Installationen, Fotos, Gemälden und tonnenweise Filmmaterial erinnere ich mich am liebsten an ein achtstündiges Video eines Transvestiten, der auf die frivolste Art und Weise eine Banane nach der anderen verspeist.

Danach sind Malte und ich so ausgelaugt, dass wir erstmal im Garten der National Gallery sitzen und uns sammeln müssen.

Nach einem Abstecher in die St-Pauls-Kirche direkt am architektonisch eindrucksvollen Federation Square laufen wir noch für eine Weile durch die Avenues der Innenstadt. Mit all den Hochhäusern und netten Gässchen dazwischen wirkt Melbourne auf mich wie New York in etwas kleiner. Die Weihnachtshektik hat die Einkaufsstraßen und Malls fest im Griff. Mit einem leckeren Erdbeersmoothie in der Hand lassen sich die Menschenmassen dann jedoch wieder gut ertragen und wir entdecken an fast jeder Ecke Street Art, nette Restaurants und schließlich Chinatown, in dem es von überall her köstlich duftet.

Dann müssen wir weiter zum nächsten Treffen mit Reisebekanntschaften. Heute hat uns Patrick, ein junger Künstler, den wir in der iranischen Wüste kennen gelernt haben, zu einer “Mushroom and Alan Rickman Appreciation Party” eingeladen.

Wer hier an Drogen denkt, ist auf dem Holzweg: Patrick und seine Freundin haben es sich vielmehr zur Aufgabe gemacht, nur Essen zu kochen, das aus Pilzen besteht – auch der Nachtisch. Als Patricks Freunden diesen vor allem anderen probiert, fängt sie sofort das prusten an. Es schmeckt, ganz im Gegensatz zu allen anderen Gängen des Abends, furchtbar. Auf dem Laptop läuft eine Collage aus Alan Rickman-Filmen, natürlich auch mit Harry Potter. Wer hätte gedacht, dass diese Appreciation Party so prophetisch für seinen Tod ein paar Wochen später sein könnte?

22.12.15

Wir ziehen heute aus unserem Hotel in ein AirBnB ins hippe Brunswick im Norden der Stadt um. Nach drei Nächten im Stockbett-Doppelzimmer haben wir den Süden und das Zentrum der Stadt nun genug erkundet und außerdem wollen wir mal wieder nebeneinander schlafen.

Wir holen also unser Auto vom kostenlosen Park&Ride-Parkplatz etwas außerhalb der Stadt ab und fahren zu Renato und Penny, die in einem alten viktorianischen Holzhaus wohnen, das türkis angestrichen ist und einen direkt in die Provence transportiert. Wir treffen die beiden erst nachmittags. Bis dahin erkunden wir die nahe gelegene Sydney Road.

Dieser Teil der Stadt ist fest in mediterraner Hand: Türken, Lebanesen, Griechen und Italiener betreiben hier friedlich nebeneinander ihre Restaurants, Bäckereien, Autowerkstätten und Juweliere. Dazwischen finden sich Dutzende verrückter Opshops, die Malte und ich nach lustigen Accessoires für unsere Karre durchforsten. Am Ende kaufen wir eine Australienflagge mit Plastik-Clip zum Einklemmen im Fenster, eine goldene Winkekatze für die Hutablage, eine himmelblaue Christbaumkugel für den Rückspiegel und einen rosa-goldenen chinesischen Fächer für die Armaturenablage.

Renato ist ein sehr netter Musiker Mitte Dreißig, der uns mit seiner entspannten Art das Gefühl gibt, zu Hause zu sein. Wir verbringen den Nachmittag mit ihm im verträumen Garten des Hauses, bevor wir beide ungeplant ein kleines Nickerchen in unserem riesigen Zimmer mit Altbaudecken halten. Abends gehen wir auf der Lygon Street im Italienerviertel eine leckere Pizza essen. Es ist so eine Wohltat für die Seele, mal wieder in einer multikulturellen Metropole zu sein!

23.12.15

Wir schlafen lange aus und mieten uns nachmittags zwei Räder, um die Waterfront und die Docklands zu erkunden. Wir finden hier nicht besonders viel Inspirierendes. Die Docklands sind ein auf schick gemachter, riesiger Bürokomplex, der anscheinend halb leer steht. Überall sind “For Sale” oder “For Lease”-Schilder angebracht.

Da gehen wir doch lieber zum Abendessen nach Chinatown in eine Dumpling-Eatery, wo wir uns für wenig Geld den Magen mit köstlichen Dumplings vollschlagen. Danach fahren wir nach Carlton zu einer Rooftop-Bar mit dem Namen Satan in the Sky, von der aus wir die Melbourner Wolkenkratzer im Sonnenuntergang bewundern.

Danach ziehen wir weiter ins Tote, auf Empfehlung eines Freundes von Patrick. Das Tote sieht aus die das Flex in München: Eine etwas heruntergekommene Punkkneipe, tapeziert mit Konzertpostern und leicht düster im schummrigen Licht. In einer Ecke hat sich eine Band postiert, die ziemlich schrägen Synthie-Punk macht. Zum Glück spielen sie nur eine halbe Stunde und werden von einer wütenden, jungen Stonerrock-Band abgelöst, die sich auf der Bühne streitet wie ein altes Ehepaar. Der Sound ist allerdings ziemlich gut und ich ertappe mich dabei, wie ich auf meinem Barhocker mit dem Kopf nicke und meine Hände mittrommeln.

24.12.15

Unser zweites Weihnachten im Ausland beginnt mit unserem ersten Trip im neuen Auto nach St. Kilda, wo wir den Tag mit Essen und Baden verbringen. Es ist wieder ziemlich warm, weshalb wir außer diesen beiden Aktivitäten nicht viel unternehmen. Abends gehen wir im berühmten Hellenic Republic – ihr habt’s erraten – sehr lecker griechisch essen und verbringen die restliche Weihnachtsnacht mit Renato und Richy, einem Freund von ihm, ganz mediterran-besinnlich mit Rotwein und Musik. Ein himmelweiter Unterschied zu unserem Weihnachten in Kambodscha, ganz zu schweigen vom kalten Deutschland. So richtig möchte die feierliche Stimmung nicht aufkommen.

nach dem Weihnachtsessen

nach dem Weihnachtsessen

Am nächsten Morgen müssen wir dann endgültig Abschied nehmen von Melbourne. Nach einem letzten, wunderbar-entspannten Morgen mit Renato packen wir unsere Rucksäcke in den Camry und brechen auf zum zweiten Teil dieser Australienreise: Die Great Ocean Road.

Ciao

Ciao

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One Response to Melbourne – die geilste Stadt Australiens

  1. In St.Paul's habe ich Kerzen für Etus und Jozsi gespendet :-). Das Foto von der Kuh im Baum habe ich auch. Hach! Melbourne! Wie schön!

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