Christchurch – Existenzgründung Down Under

6. November 2015 • Neuseeland • Views: 4045

Kurz nach Hokitika biegen wir auf den Alpine Highway ab, dem wir bis Christchurch folgen. Je höher wir kommen, desto kälter wird es und bald laufen wir auf Schnee, als wir bei verschiedenen Lookouts anhalten. Dafür strahlt die Sonne. Nach Arthur’s Pass, wo wir einen Kaffee trinken, geht es wieder bergab, bis wir eine wunderschöne Hochebene, durch die sich ein Fluss zieht, erreichen. Danach fahren wir an Castle Hill vorbei, eine exzentrische Ansammlung von Felsen, die tatsächlich ein bisschen wie eine Burg aussehen. Überhaupt, Burgen. Burgen würden an so vielen Stellen perfekt in die neuseeländische Landschaft passen! Leider waren die Maori keine besonders großen Fans von großen Steinhäusern auf strategisch günstigen Hügeln.

Die Dunkelheit ist bereits hereingebrochen, als wir die ersten Ausläufer der Stadt erreichen. Wir fahren vorbei an einer irrsinnigen Ansammlung an Motels, deren Namen von absurd bis lustig alles zu bieten haben. In unserer Aufregung, tatsächlich wieder in einem urbanen Umfeld zu sein, lesen wir uns wieder sämtliche Schilder vor und stellen fest, dass das wohl eines unserer „Pärchensachen“ ist.

Die Motelstraße, die wir später als Riccarton Road kennen lernen, nimmt irgendwann an einem Park ein Ende. Wir schlängeln uns durch das Gewirr an Einbahnstraßen, die den Innenstadtverkehr hier regeln und erreichen schließlich unser Hostel, ein süßes, rot angemaltes, altes viktorianisches Familienhaus. Innen geht es genauso gemütlich zu wie es von außen aussieht. Eine nette deutsche Backpackerin checkt uns ein und lotst uns durch das Haus hinaus in den Garten, wo wir ein geräumiges Gartenhaus, das wir ganz für uns allein haben, beziehen. Jackpot! So ein nettes Zimmer hatten wir in Neuseeland noch nirgends.

Nach einem netten Abend in der Küche mit anderen Travellern (das erste Mal, seit wir in Neuseeland sind), gehen wir bald ins Bett.

Sightseeing, ein Wiedersehen mit Folgen und Fahrräder

Am nächsten Tag schwingen wir uns (nach drei Monaten!) endlich wieder auf unsere Fahrräder, um die Stadt zu erkunden. Juhuu! Wir sind tatsächlich in einer Stadt, ein Ort, an dem Fahrräder sinnvoller sind als ein Auto!

Die Sonne scheint ein fahles Winterlicht, als wir als ersten Anlaufpunkt den Cathedral Square aufsuchen, wo wir unsere Bekanntschaft aus Franz Josef, John, wiedertreffen. Die Freude ist groß und wir sehen uns gemeinsam erst die Kathedrale, dann die RE:Start Mall und Hagley Park, der genauso aussieht wie der Englische Garten, an. Generell fühlt sich die ganze Stadt ein wenig wie München an. Die Berge sind in der Ferne zu sehen, die Luft ist kalt und feucht.

Es gibt nur einen großen Unterschied: Christchurch wurde im Jahre 2011 von einem Erdbeben der Stärke 6,3 getroffen. Große Teile der Stadt erlitten schwere Schäden und 185 Menschen starben beim Einsturz des CTV-Gebäudes in der Innenstadt. Da das Beben in lediglich 5 km Tiefe stattgefunden hat, besaß es eine ungeheure Zerstörungskraft, dessen Ausmaß man bis heute sieht. Große Teile der Innenstadt wurden dem Erdboden gleichgemacht oder abgerissen, da die Gebäude als einsturzgefährdet galten. Teilweise stehen immer noch leere Häuser herum, für deren Abriss noch kein Geld gefunden werden konnte. Es herrscht eine einzigartige Atmosphäre hier, besonders nachts oder frühmorgens, wenn der Lärm der unzähligen Baustellen verstummt ist und man die riesigen leeren Flächen, die entweder als Parkplätze oder für gar nichts genutzt werden, für sich alleine hat.

Als Wahrzeichen der Zerstörung dient die von Christchurchern heißgeliebte Kathedrale, deren Turm bei dem Erdeben eingestürzt ist. Die Kirche steht nach wie vor, aber ist von Absperrgittern umzäunt und wurde nicht restauriert. Möwen nisten auf den nun sichtbaren hölzernen Dachbalken.

Was vor 5 Jahren eine Katastrophe für die Stadt war, hat sich durch die unermüdliche Arbeit der Stadtverwaltung, unzähligen freiwilligen Helfern, Unternehmen und Arbeitern aus aller Herren Länder in eine einzigartige Chance verwandelt. Die Baubranche boomt und ein Spaziergang durch die Innenstadt zeigt nachhaltige Communityprojekte, moderne, gewagte Architektur und tolle, alternative Konzepte, den freigewordenen Raum zu nutzen. Da gibt es zum Beispiel die RE:Start Mall, ein Freiluft-Einkaufszentrum bestehend aus mobilen Containern. Hier essen wir mit John eine deutsche Bratwurst zu Mittag und trinken einen sehr guten Kaffee, bevor wir uns die verschiedenen Boutiquen und Shops ansehen, die hier ein neues Zuhause gefunden haben.

Danach fahren wir mit unseren Rädern durch den hübschen Hagley Park und stellen fest, dass dieser offenbar nicht wie in München ein Treffpunkt zum Draußen Abhängen, Frisbeespielen oder Trommel üben ist – geschweige denn für nackt Sonnenbaden. Stattdessen findet sich hier ein Golfplatz auf der Wiese und eine Vielzahl an Rugby- und Netballfeldern (die dominierenden Sportarten in Neuseeland).

 

Zum Mittagessen lädt uns John in das Haus ein, in dem er momentan lebt. Sein Volleyballtrainer hat ihm angeboten, ihn zu beherbergen, bis er mit uns gemeinsam eine Bleibe gefunden hat – und hat dieses Angebot auch auf uns ausgeweitet. Mark, der Trainer, und seine Frau überlegen, eine Wohnung in der Stadt zu mieten und das Haus uns zu überlassen. Wir dürfen davor quasi probewohnen. Wir freuen uns über das Angebot, das definitiv günstiger ist, als noch länger im Hostel zu wohnen und nehmen an.

Am nächsten Abend suchen wir den hiesigen Ableger des Bike Kitchen-Projekts auf. In Christchurch heißt es RAD Bikes und hat ein komplett anderes Setup als der Mechanical Tempest in Wellington. Hier wird trotz der Kälte im Freien geschraubt, Werkzeug und Ersatzteile werden in einer mobilen Holzhütte gelagert, die Räder in Bearbeitung in einem Überseecontainer. Ich denke, es gibt kaum etwas, was den Spirit von Christchurch besser wiedergibt als diese außergewöhnliche Variante einer Fahrradwerkstatt. Ach ja, natürlich befindet sich das Ganze auf einer Freifläche, auf der früher mal ein Haus stand.

RAD Shed

RAD Shed

Die Freiwilligen hier sind dafür genauso freundlich wie schon in Wellington, mit dem Untschied dass fast keiner aus Neuseeland ist. Mit der Zeit entwickle ich die Theorie, dass es daran liegt, dass außer Reisenden oder Saisonarbeitern kaum jemand in die Innenstadt fährt – es ist ja nach wie vor fast alles zerstört. In Christchurch bleibt man meistens in seinem Viertel. Daher fühlt es sich für uns nach einer Weile auch eher wie eine Ansammlung an Kleinstädten an, nicht wie Neuseelands zweitgrößte Stadt.

Beim Schrauben lernen wir ein deutsch-irisches Paar, Peter und Lena kennen, mit denen wir im Anschluss direkt ein Bier im Smash Palace trinken gehen. Der ist direkt nebenan und eine superlässige Ruinenbar mit leckerem Bier, Cider und den meiner Meinung nach besten Burgern der Stadt. Adé, Traumfigur.

Mit den beiden verstehen wir uns auf Anhieb so gut, dass ich innerhalb kürzester Zeit am Schreien vor Lachen bin. Peter wird dem Stereotyp, dass Iren hervorragende Geschichtenerzähler sind, mehr als gerecht und Lena, anfangs etwas zurückhaltender, wartet mit pechschwarzem Humor auf. Die beiden sind mit dem Rad von Irland nach Griechenland gefahren, dann nach Asien geflogen und nun seit ein paar Tagen in Neuseeland – da gibt es natürlich von beiden Seiten eine Menge zu erzählen.

Überhaupt, jemandem etwas erzählen, was er noch nicht gehört hat. Nach unserem Exil sind wir seit nunmehr drei Tagen endlich wieder umgeben von einer Menge neuer Leute, die unsere Geschichten tatsächlich noch nicht kennen. Und wir bekommen auch Neues zu hören! Ich merke in Christchurch mal wieder, wie wichtig sozialer Austausch für mich ist. Die geborene Labertasche, ich seh’s ja ein.

Wohnungssuche, das rätselhafte Schweigen, ein großer Schritt

Unser Haus ist zwar ganz nett, aber eine kurze Recherche auf dem Ebay, Amazon und wg-gesucht Neuseelands, TradeMe, ergibt, dass wir auch günstiger davonkommen würden. John, Malte und ich intensivieren unsere Recherche über die folgenden Tage und machen ein paar Besichtigungstermine aus. Ich bin natürlich noch den Alptraum von Wohnungssuche aus München gewohnt und ziehe daher zum ersten Termin mein bestes Outfit an, lege Make-Up auf und blecke die Zähne zum Gewinner-Lächeln. Voller Verkaufsmodus.

Was wir dann erleben, ist das absolute Gegenteil zu allem, was ich bisher gewohnt war. Wir sind die Einzigen, die das sehr hübsche Haus in der Nähe der Innenstadt besichtigen besichtigen – keine Konkurrenz weit und breit. Der Besitzer führt uns persönlich herum, ist mindestens genauso nervös wie ich und bietet uns gleich im Vorfeld einen günstigeren Mietpreis an als im Inserat steht.

Ich bin total auf Overdrive und lobe das Haus von oben bis unten, reiße blöde Witzchen und gebe wirklich alles, damit der Kerl mich liebt. Als wir nach etwa 15 Minuten wieder gehen, sind wir seine „Lieblingskandidaten“.

Scheinbar herrscht in Christchurch zum Winter Mietermangel. Ich habe noch nie erlebt, dass mir ein besseres Angebot für eine Wohnung gemacht wurde, und das sogar ohne zu fragen. Dieser Eindruck verfestigt sich über die weiteren Besichtigungstermine und am Ende verhandle ich mit Maklern und Eigentümern wie ein Fischweib. Alle wollen uns als Mieter – drei Backpacker, wohlgemerkt, nur für befristet da, nicht als ruhige Mieter bekannt.

Am Ende entscheiden wir uns für ein ca. 120 qm großes Einfamilienhaus mit großem Garten hinterm Haus, Garage und breiter Einfahrt, die Platz für zwei Autos bietet. Das Haus hat 3 Schlafzimmer, eine gemütliche Küche und ein separates Wohnzimmer. Alles voll möbliert und mit Internet inklusive für 450 Dollar pro Woche. Das sind 1100 Euro pro Monat für über 200 qm Grund. Geschenkt.

Ein paar Tage nach unserer Besichtigung ziehen wir ein. Malte und ich nehmen das freundliche Zimmer mit Ostfenster, John das genauso große Zimmer gegenüber. Das dritte, sehr kleine Zimmer vermieten wir vorerst über AirBnB unter, bis Kest, ein netter Engländer aus dem RAD, aus Bali zurück ist. Der erste Teil unserer Existenzgründung am anderen Ende der Welt ist abgeschlossen.

Der zweite Teil ist die Arbeitssuche. Ich habe nach Franz Josef von Minimum Wage und unqualifizierter Arbeit gründlich die Schnauze voll und konzentriere mich in Christchurch voll darauf, meine Selbstständigkeit voranzutreiben. Aus Jux und Dollerei erstelle ich mir auf Upwork, einer globalen Freelancerwebsite, ein Profil als Content Writer und stoße auf Gold.

Die Arbeit als Bloggerin macht mir sogar noch mehr Spaß als Webseiten bauen und Adwords. Meine Kunden geben mir tolles Feedback auf meine Artikel, die ich sowohl auf deutsch als auch englisch schreibe. Ich kann es kaum fassen, dass ich nicht früher darauf gekommen bin, es mal beruflich mit dem Schreiben zu probieren. Schließlich war mein Großvater Journalist. Schritt zwei – so halbwegs abgeschlossen. Ich verdiene nicht genug, um mich tatsächlich unabhängig von meinem Ersparten über Wasser zu halten.

Aber ehrlich gesagt versuche ich das auch gar nicht so sehr. Ich habe mich vor der Reise eineinhalb Jahre mit zwei Jobs und der Band ziemlich verausgabt. Ich darf’s auch mal etwas ruhiger angehen lassen.

Malte sieht das mit der Arbeit nicht ganz so locker wie ich. Er bewirbt sich bei einer Veranstaltungstechnik-Firma und bei zwei Zeitarbeitsfirmen. Drei Tage später hat auch er einen Job in einer Metallfabrik gefunden, den er allerdings mit einer solchen Inbrunst hasst, dass mit ihm für die nächsten Wochen nicht gut Kirschen essen ist. Er muss dort den ganzen Tag Metallträger bohren und schleifen und anschließend in Schlumpfblau lackieren. Grauenvoll.

Als er nach zwei Wochen den Vorarbeiter um mehr Geld bittet, antwortet der wutentbrannt: „You better fuck off!“ Da nimmt Malte ihn beim Wort und verlässt die Firma noch in der Mittagspause. Er kommt völlig aufgewühlt zu Hause an, nachdem die Zeitarbeitsfirma ihm im Endeffekt erklärt hat, dass er ein solches Verhalten entweder akzeptiert oder sich was anderes suchen muss. Unmöglich.

Zum Glück ist Malte an einem Sonntag geboren, weshalb er auf die nächste Gelegenheit nicht lange warten muss. Unser Mitbewohner auf Zeit, Ammon, arbeitet für einen Elektriker auf einer Großbaustelle in der Innenstadt und stellt für Malte den Kontakt zu seinem Chef her. Der stellt ihn vom Fleck weg an, zahlt 5 Dollar mehr als die Zeitarbeitsfirma und Malte hat für die nächsten drei Monate ein angenehmes Auskommen in einer coolen Firma. Außerdem meldet sich wenig später auch die VT-Firma und möchte ihn als Gelegenheitsarbeiter einstellen.

Als er eines Nachts von einem Event nach Hause kommt, erzählt er mir: „Da sitze ich gerade in meinem eigenen Auto auf dem Weg nach Hause von meinem Zweitjob, vor mir liegt das Lichtermeer von Christchurch und ich merke, dass ich mir innerhalb von vier Wochen eine komplett neue Existenz aufgebaut habe – am anderen Ende der Welt. Wenn ich das hier schaffe, kann ich das überall.“ Ich kann ihm nur zustimmen. Das haben wir echt gut hinbekommen.

In den ersten Wochen gehen wir viel ins RAD, lernen haufenweise tolle Leute kennen und als besonderes Highlight fahren wir in die Southern Alps zum Skifahren. Das Wetter ist anfangs grauenhaft, Regen mit Sturmböen, klart dann aber zum Nachmittag hin auf und gibt den Blick frei auf die umwerfende Berglandschaft.

Das einzige, was unseren Traumstart in Christchurch ein wenig trübt, ist unser Mitbewohner John. Er entpuppte sich bereits in der Woche, als wir noch bei seinem Trainer gewohnt haben, als recht schweigsamer Geselle. Als wir in das neue Haus eingezogen sind, hört er quasi komplett auf, mit uns zu sprechen. Jeglicher Versuch, mit ihm zu interagieren, verläuft im Nichts. Noch dazu fängt er an, wegen Pfennigbeträgen mit uns zu verhandeln (natürlich nur auf Ansprache unsererseits) und möchte Beträge, auf die wir uns eigentlich bereits geeinigt hatten, auf einmal nochmal nachrechnen. Ich muss ihm bereits nach einer Woche derart gründlich den Kopf waschen, dass ich zittere, als ich mit ihm fertig bin.

Danach ruiniert er Maltes Rennrad, das dieser ihm für den Arbeitsweg zur Verfügung gestellt hat und schafft es die nächsten vier Wochen weder, es zu reparieren noch mit einer angemessenen Kompensation aufzukommen. Dass es kaputt ist, hat er ihm auch nicht gesagt – das hat Malte selbst entdeckt.

Kurzum, er treibt uns beide über die gesamte Zeit in Christchurch auf die Palme. Wir vermuten zwischenzeitlich, dass er vielleicht ein undiagnostizierter Autist ist. Er unternimmt nichts außer Arbeiten. Er scheint auch sonst keine Freunde zu haben. Stattdessen hängt er auf der Couch herum und schaut Serien. Da kann er dann auch auf einmal lachen. Wenn wir ihm einen guten Morgen wünschen, schafft er es meistens nicht, zu antworten. Er reist mit einem 40 Kilo schweren Hartschalenkoffer, in dem sich drei verschiedene Sorten Sportschuhe, weiteres Sportequipment und 20 Seifenstücke befinden. Waren im Angebot, erklärt er mir.

Als ich Anfang Juli beschließe, mir einen Flug nach Fiji zu buchen, weiß ich noch nicht, wie froh ich sein werde, das Haus für zwei Wochen zu verlassen. John, Maltes nachvollziehbare, jedoch trotzdem unerträgliche Laune und der feuchtkalte Winter im schlecht isolierten Haus setzen mir bereits nach vier Wochen zu. Nach zehn Monaten des gemeinsam Reisens wird dies zudem das erste Mal sein, dass ich Malte für zwei Wochen am Stück nicht um mich haben werde.

Im Bus zum Flughafen verspüre ich auf einmal ein leichtes Ziehen im Hals. Na toll, John, hast du mich etwa mit deiner verschleppten Grippe angesteckt, die du versuchst, mit Koffeintabletten zu kurieren? Schönen Dank auch! Ich bin reif für die Insel.

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