Christchurch – Willkommener Alltag

26. November 2015 • Neuseeland • Views: 4263

Innerhalb weniger Tage hat mich der Alltag in Christchurch wieder. Wir haben unseren temporären Mitbewohner Ammon gegen den eigentlichen Mieter des Zimmers, Kest, ausgetauscht. Dieser Mann passt wie Arsch auf Eimer zu Malte und mir (John redet immer weniger mit uns) und zu dritt verbringen wir unsere Abende entweder in der Küche, beim RAD, der DIY-Fahrradselbsthilfewerkstatt, bei der wir uns ehrenamtlich engagieren oder beim Mountainbiken in den Port Hills, die südlich von Christchurch mit einem dichten Netz an Downhilltrails aufwarten. Ja, ich mache das jetzt als Hobby. Die Liebe ist vollends erwacht.

Malte gefällt es in seinem neuen Job sehr viel besser als in der Metallfabrik. Mit Ammon und neuerdings auch Peter, unserem irischen Freund, verbringt er seine Tage auf einer fetten Großbaustelle in der Innenstadt Christchurchs, verlegt Kabel und isst Instant-Nudeln. Dies hat er mit Kest gemeinsam. Zusammen kommen sie sicherlich auf ca. 6 Kilo Instantnudeln pro Woche. Ich mag seinen neuen Job auch sehr gern, nachdem der Chef die Belegschaft plus Anhang zum Go-Kart-Fahren einlädt und Malte, sein Vorarbeiter Chris und ich einen legendären zweiten Platz erfahren. Die Rennanzüge waren sehr kleidsam.

Auch inspiriert durch Kest und seinen Freund Kieran, gehen wir jetzt außerdem jede Woche mindestens einmal zum Klettern ins Roxx Climbing Centre. Bei dieser Sportart springt der Funke sofort auf mich über: Klettern ist die perfekte Mischung aus Kraft, Ausdauer und Strategie. Ich bin zwar weder besonders einfallsreich noch besonders stark, dafür aber stur und werde so mit der Zeit zu einer nicht besonders guten, aber begeisterten Kletterin. Malte zum Glück auch, denn zum Klettern braucht es ja einen Partner.

 

Skifahren – An Authentic Kiwi Experience

Noch zweimal gönnen wir uns einen Skipass diesen Winter, einmal in das Club Skifield Broken River und einmal nach Mount Hutt, eines der kommerziellen Gebiete hier in Neuseeland. Neuseeland macht das mit dem Wintersport nämlich anders als alle anderen.

Die meisten Skigebiete in Canterbury und Otago werden von privaten Clubs betrieben. Das bedeutet einerseits eine sehr familiäre Atmosphäre am Berg, andererseits jedoch auch, dass man hier als Anfänger eher nichts verloren hat. Planiert wird zumindest in Broken River nicht, was Neuseeland zum Mekka für Tiefschneefans macht. Nach Schlepp- oder gar Sesselliften hält man ebenfalls vergeblich Ausschau. Dafür gibt es so genannte Rope Tows. Und die haben es in sich.

In Deutschland, Österreich oder der Schweiz sind Rope Tows meistens an Kinderhängen zum Erlernen des Liftfahrens zu finden. Es sind einfache Seile, dick und langsam, an denen man sich lediglich festhalten muss, um im Schneckentempo den eigentlich flachen &Hang& hinaufgezogen zu werden. In Neuseeland sind die Seile ebenso dick – und so schnell wie hierzulande ein Sessellift. Sie ziehen den Passagier alle Hänge, egal wie steil oder eisig in rasender Geschwindigkeit nach oben, über mehrere Rollen hinweg, denen man nur ausweichen kann, indem man einen Nutcracker verwendet. Die sehen aus wie, ihr habts erraten, Nussknacker, sind aus Metall und müssen zu Beginn des Höllenritts in einer komplizierten Prozedur um das Seil geschlossen werden, ohne sich gleichzeitig vom bereits erwähnten superschnellen Seil von den Füßen reißen zu lassen. Der Nutcracker ist durch ein Seil an einem Harnisch, den der Liftfahrer trägt, befestigt. Das ganze sieht wie folgt aus:

Ich habe innerlich Gott auf Knien gedankt, dass ich mich heute für Ski anstatt ein Snowboard entschieden habe. Nach ein paar Anlaufversuchen habe ich den Dreh so halbwegs raus und fahre (das ist hier bewusst ein aktives Verb) den ersten Lift nach oben. Sogar das Loslassen bringe ich erfolgreich hinter mich. Und dann warte ich etwa eine halbe Stunde auf den armen Malte, der das Ganze seitwärts auf einer Kante seines Snowboards meistern muss und verständlicherweise etwas länger braucht. Ich fahre die Hälfte der mit Bruchharsch überzogenen Piste wieder nach unten, um zu sehen, ob er nicht irgendwo verletzt in der Liftspur liegt. Doch da kommt er dann auf einmal angefahren und erklärt mir, dass er den halben Berg hochgelaufen ist, da es mit dem Fahren einfach nicht geklappt hat. Bei den anderen Liften sieht es noch schlechter aus, da er diese entweder Fakie fahren muss oder von hinten angreifen. Habe ich erwähnt, dass unsere brandneuen Skihandschuhe bei der ganzen Aktion natürlich auch hopsgegangen sind? Die Seile erzeugen natürlich Reibung, die das Gummi der Handinnenflächen zum Schmelzen bringen. Daher haben alle Clubmitglieder einen Überhandschuh aus Schweinsleder. Und wir haben noch über die lustigen Dinger in der Auslage an der Kasse gelacht.

Wenigstens hatten sie leckere Pizza und ein gutes Bier auf ihrer coolen Hütte. Ich versuche mich noch an einem anderen Hügel, bei dem ich mit der Hüfte eine der Tragstützen ramme und mir das Seil beim Loslassen fast den Finger abdreht. Da ich Bruchharsch jedoch ungefähr genauso wenig leiden kann wie diese Lifte, beschließen wir bereits um 2 Uhr, den Berg gewinnen zu lassen und treten die Heimreise an.

Angenehm anderer Alltag

Wir sind in Christchurch also hauptsächlich mit Sport und Arbeit beschäftigt, ein perfekter Ausgleich zur immer noch präsenten Kultur-Überdosis aus Asien. Und natürlich mit unserem neuen Freundeskreis, der durchgehend aus Leuten mit Machereinstellung besteht. Das zeigt sich darin, dass, was auch immer jemand vorschlägt, auch tatsächlich stattfindet. Mountainbiken am Samstag? Na klar. Klettern in einer Stunde? Mindestens vier Leute sind am Start. Kino? Läuft.

Oder ein bald wöchentlich stattfindendes Ritual, die Cake Night. Jede Woche ist jemand anders Gastgeber, jeder bringt Kuchen oder Alkohol mit und nüchtern geht keiner heim. Der Wochentag spielt hierbei eine untergeordnete Rolle.

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Ein besonderes Highlight ist auch das Cycle Cinema, das Catarina, meine amerikanische Freundin von einem anderen Communityprojekt erworben hat. Hier wird ein Generator durch schwitzende Menschen auf ihren Rädern betrieben, um den Laptop und den Projektor während des Films mit Strom zu versorgen. Das passt natürlich wunderbar zu unserer radaffinen Clique. Nach einer Einführung, wie die Stationen aufgebaut werden, probieren wir es gleich aus und sehen uns Die Hard an. Bruce Willis hatte in diesem Film noch Haare, ein Fakt, der mich über die Maßen begeistert.

Meinen dreißigsten Geburtstag zelebrieren wir in überraschend großem Stil mit Maltes und meiner ersten Partie Laser Tag nachmittags und einer perfekt ausgeleuchteten Grillparty in unserem Garten. Malte durfte sich von der Firma, bei der er als Veranstaltungstechniker arbeitet, umsonst jede Menge Beleuchtung ausleihen und hat unseren Garten damit perfekt in Szene gesetzt. Ich habe bei einem Ausflug mit Catarina nach Lyttelton sechs kleine Fläschchen mit Glitzer gekauft und verteile diese fröhlich, mit Haargel vermischt oder auch pur, unter meinen Gästen.

Und dann geschieht Mitte Oktober ein kleines Wunder: Wir drei, Malte, Kest und ich sitzen an einem Dienstag Abend relativ entspannt am Küchentisch und beginnen langsam darüber nachzudenken, ins Bett zu gehen. Da öffnet sich die Tür zum Flur und herein kommt John. Er grüßt uns (!!), gefolgt von der Frage, ob wir Lust auf zwei Liter Weißwein hätten. Das Restaurant, in dem er arbeitet, hätte ihm diese geschenkt. Ich frage ihn, ob diese zwei Liter heute getrunken werden müssen, worauf er todernst antwortet: „Yes.“

Wir vernichten im Laufe dieses Abends nicht nur den Wein, sondern auch gleich noch den Gin von meiner Party, den Rest zweier Whiskyflaschen, Bier und ich glaube noch mehr Wein. Der Abend artet in eine laute Party zu viert aus, mit Fail-Stories aus unserer Jugend, Youtube-Karaoke (John gibt einen kanadischen Hockeysong zum Besten) und am Ende sehr viel homoerotisches Tanzen und Anfassen. Wirklich, ich habe keine Rolle in diesem Spiel. Irgendwann kommen die drei zu einer tiefempfundenen Gruppenumarmung zu mir, bei der die sexuelle Spannung im Raum jedoch null komma nichts mit meiner Weiblichkeit zu tun hat.

Jetzt, wo John sich dazu entschlossen hat, seine Schüchternheit mit Alkohol zu überwinden, ist er ein sehr lustiger Geselle, der Malte und Kest in Albernheit in nichts nachsteht. Bis er dann gegen halb vier Uhr morgens auf einmal auf seinem Stuhl zusammensackt und ich nach einem Eimer rufe. Es folgen zwei Stunden des John-ins-Bett-Tragens, Kopf-über-den-Eimer-Haltens, während er sich die Seele aus dem Leib kotzt.

Was für eine Nacht.

Unsere vier Monate in Christchurch waren perfekt, um unsere Köpfe freizubekommen und die Bankkonten wieder aufzufüllen. Anfang November heißt es jedoch, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, die Zelte in dieser außergewöhnlichen Stadt abzubrechen und sich auf die Heimreise zu begeben. Wir verbringen unseren letzten Samstag mit einer lustigen Radel-Schnitzeljagd durch die Stadt, die uns Christchurch noch einmal von der Sightseeing-Seite näherbringt. Veranstalter dieses Events ist der lokale Fahrradkurier, der sein vierjähriges Bestehen feiert. Wir müssen eine Liste mit unzähligen Aufgaben abarbeiten und von allen gefundenen Orten, nachgestellten Situationen oder entdeckten Kunstwerken ein Foto mit Fahrrad machen. Eine Best-Of-Auswahl haben wir hier zusammengestellt – Christchurch ist wirklich eine sehenswerte Stadt, wenn auch vielleicht nicht auf den ersten Blick.

Nach einer rauschenden Abschiedsparty in unserem liebgewonnenen Haus packen wir unser Auto, verabschieden uns von Kest und John und fahren los in Richtung Mount Cook.

Die nächsten sechs Monate werden wir wieder unterwegs sein, erst in Neuseeland und Australien, dann wieder in Asien. Unsere geplante Route könnt ihr euch hier ansehen.

One Response to Christchurch – Willkommener Alltag

  1. […] und unsere Motorräder wieder abgeben. Gegen Nachmittag kommt dann Felix, ein Bekannter aus der RAD-Crew aus Christchurch, […]

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