Franz Josef Glacier – 3 Monate der Prüfung

12. Oktober 2015 • Neuseeland • Views: 4318

20.03.2015

Nach einem herzlichen Willkommen durch Cameron, einen Iren, wie er im Buche steht, holt er seine Frau Melissa. Melissa wirkt extrem gestresst und redet wie ein Offizier, während sie uns über das weitläufige Gelände führt. Dieser Campingplatz wird für die nächsten drei Monate unser Zuhause sein. Es gibt viele Zimmer in mehreren Kategorien, die unterschiedliche Reinigungsroutinen haben.

Uns schwirrt der Kopf, als sie uns am Ende für das Wochenende freigibt und uns bittet, die Umgebung zu erkunden und ein paar der Wanderwege abzugehen. Als gute Rezeptionisten sollten wir Franz Josef Glacier so schnell wie möglich wie unsere Westentasche kennen, um unseren Gästen gute Ratschläge zu geben. Bei einer Einwohnerzahl von 300 Personen sollte dies keine Schwierigkeit darstellen.

Danach ziehen wir in unsere erste Unterkunft ein. Derzeit sind sowohl das kleine Haus als auch die beiden Motelzimmer mit anderen Teammitgliedern belegt. Wir werden die erste Woche daher in einem stillgelegten, idyllischen Campinganhänger verbringen.

Unser Kühlschrank befindet sich auf der Terasse unseres Badehauses, den Camper selbst können wir lediglich mit der strombetriebenen Herdplatte heizen. Dies ist bitter nötig, da es nachts bereits empfindlich kalt wird. Ende März ist wie Ende September in Deutschland. Dafür ist das Setting sehr romantisch und die Sicht atemberaubend.

Nach dem etwas holprigen Empfang packen wir unser Auto aus und richten uns ein. Es ist unglaublich eng, Romantik hin oder her und wir sind froh, hier nur eine Woche sein zu müssen. Ansonsten würden wir uns wahrscheinlich bald sehr auf den Zeiger gehen.

21.-23.03.15

Das Wochenende verbringen wir damit, zum Franz Josef-Gletscher zu wandern. Wir nehmen unsere Räder und fahren die 8 Kilometer zum Besucherparkplatz. Von dort sind es etwa 45 Minuten bis zur Gletscherfront.

Franz Josef Glacier ist, gemeinsam mit seinem Zwilling Fox Glacier, einzigartig in der Welt. Die bitterkalten Südwinde und die Höhe der Southern Alps, gepaart mit der tropischen Luft aus Australien, sorgen für ein besonderes Klima. Die neuseeländischen Alpen sind hier gerade mal 19 Kilometer vom Meer entfernt. Der Franz Josef-Gletscher erstreckt sich also von vierstelligen Höhen bis auf 200 Meter über Null – mitten in den Regenwald. Bis zum Jahr 2008 konnte man den Gletscher vom Tal aus bewandern. Die globale Erwärmung der letzten Jahre hat jedoch ihren Tribut gefordert und der Gletscher zieht sich in einem atemberaubenden Tempo zurück.

Für mich ist der Anblick des Gletschers ein Schock. Vor neun Jahren, im Jahr 2006, habe ich die Eiswanderung noch aus dem Tal unternommen und habe Franz Josef ganz anders in Erinnerung. Heute müssen die Touristen mit Helikoptern zu einem höher gelegenen Einstiegspunkt geflogen werden. Die Ice Explorer-Tour hat damals 69 neuseeländische Dollar gekostet. Heute sind es 280.

Das Tal, durch das sich der wilde Waiho River schlängelt, ist nach wie vor wunderschön. Links und rechts türmen sich die dicht bewachsenen Felshänge auf. Zwei Wasserfälle bahnen sich ihren Weg durch den Stein – einen davon habe ich noch von damals in Erinnerung. Wie ein wilder Pinselstrich eines Landschaftsmalers rauscht sein Wasser in einem aus der Ferne dünn wirkendem Strahl in die Tiefe.

Nach unserem Ausflug kehren wir in einem der Cafés im Ort ein. Wir merken, es gibt viele Reisende hier, die die Gastronomie und Hotellerie am Leben erhalten. Durch unsere etwas isolierte Lage außerhalb des Orts sind wir jedoch nicht sicher, ob wir es schaffen werden, regelmäßig im Ort zu sein.

Dann ist das Wochenende vorbei und unser erster Arbeitstag steht an.

Minimum Wage am Ende der Welt

Die erste Woche verläuft relativ angenehm. Wir lernen nach und nach unsere Kollegen kennen, die in den darauffolgenden Wochen jedoch nach und nach alle weiterziehen. Wir sind quasi die Nachhut einer extrem anstrengenden Hauptsaison, was uns bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben wird. Vor allem Nick und Michael, die generell ziemlich viel von sich halten, werden nicht müde zu betonen, dass wir ja keine Ahnung von Stress haben, weil wir erst jetzt kommen, wo es wieder ruhiger wird. Der Fakt, dass wir seit Monaten nicht gearbeitet haben und uns jedes einzelne Bett, dass wir beziehen und jedes Klo, das wir putzen, trotzdem anstrengt, wird im Gegenzug zu ihren erlittenen Strapazen als unwichtig abgetan. Soviel zum Teamgeist.

Am Mittwoch sitzen wir dann doch noch ganz nett zusammen im Werkzeugschuppen und feiern Lukas‘ Geburtstag.

 

Lukas Geburtstag

Lukas Geburtstag

 

Wir fanden es schon etwas befremdlich, dass sich die Abende vorher niemand gemeldet hat und gefragt, ob wir vielleicht gemeinsam einen Film schauen wollen oder ähnliches. Wir werden bald herausfinden, dass das hier ganz normal ist. Offenbar sind wir am einzigen Ort in ganz Neuseeland gelandet, an dem die Traveller, die sich gemeinsam für 8 Euro die Stunde ausbeuten lassen, keine eingeschworene Truppe sind.

Ähnlich geht es die nächsten Wochen weiter. Die anderen ignorieren uns, Malte und ich vergraben uns in unserem Anhänger (und als die Deutschen ausziehen, in einem potthässlichen Ex-Motelzimmer mit Dachschräge). Wir fragen uns, was genau wir falsch gemacht haben, ob wir durch das monatelange Zusammenreisen vielleicht sozial völlig inkompetent geworden sind und innerhalb eines Abends (dem des Geburtstags) die komplette Crew angepisst haben. Zwar hatten wir bisher noch nie das Gefühl, dass uns die Leute meiden wollten, vor allem nicht in Wellington. Aber man weiß ja nie.

Ich frage mich außerdem, warum ich eingewilligt habe, eine meiner Lieblingsstädte gegen ein weiteres Kaff, in dem außer Arbeit nichts passiert, einzutauschen. Ich kenne das doch schon aus Australien!

So gehen die Tage zwischen Selbstzweifeln, stumpfem Fernsehen und harter, körperlicher Arbeit dahin. Ein Lichtblick ist es, als ein lieber Bekannter aus Deutschland, Hubsi, mit seinem Kumpel Stephan auf einmal in Franz Josef auftauchen und wir einen lustigen Tag beim Wandern, Kochen und Trinken zusammen verbringen.

Ein Ausflug nach Hokitika

Nach drei Wochen nutzen wir dann endlich die Gelegenheit, Hokitika noch einmal zu erkunden. Es gibt dort einen Mountainbike-Park, den wir uns genauer ansehen wollen. Außerdem hat die 140 km entfernte, 7.000-Einwohner-Stadt einen echten Supermarkt. Und ein Kino!

Die Trails stellen sich mal wieder als eine Zumutung für mein Hasenherz heraus. Meine Angstschwelle ist mit all den negativen Vibes auf unserem Campingplatz nicht gesunken, weshalb ich auch hier mehr als die Hälfte aller Trails zu Fuß abgehe statt sie zu fahren. Aber schön ist es auch hier wieder.

Trail

Trail

Dafür gönnen wir uns abends eine Whitebait-Pizza (lokale Spezialität) und gehen ins Kino. Es ist riesig! Die ganze Stadt würde hier locker Platz finden. Wir sind dann allerdings doch nur zu sechst und sehen uns „Get Hard“ an, während wir uns mit Cider und Bier betrinken. Übernachten tun wir auf dem Parkplatz in unserem Auto.

Am nächsten Tag besuchen wir nach einem großen Frühstück in einem Pub das Hokitika Museum. Anscheinend war dieses verschlafene Nest einmal der Haupthafen der Westküste. In der Umgebung gab es ein großes Goldvorkommen, weshalb die ganze Region in den 1860ern einen Mini-Goldrausch erlebte. Es gab in Hokitika alleine über 100 Hotels. Das kann man sich heutzutage beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Hier liegt der Hund zwar nicht so tief begraben wie in Franz Josef, aber los ist trotzdem nichts.

Zu allem Überfluss regnet es jetzt auch noch. Habe ich erwähnt, dass die Westküste Regenwald-Gebiet ist? Es regnet die ganze Zeit. Wenn es schön ist, könnte man glauben, man lebt im Paradies. Meistens schüttet der Regengott jedoch massive Wasserwände vom Himmel, die jegliche Outdoor-Aktivitäten unterbinden. Leider ist das jedoch das, was Neuseeland ausmacht. Ein kulturelles Angebot ist außerhalb der größeren Städe nonexistent.

Also gehen wir zum Abschluss unseres Ausflugs noch im Warehouse und im Baumarkt shoppen, bevor wir zurück in unser Exil fahren.

Es ist nicht alles schlecht

Zwei unschlagbare Vorteile hat unsere soziale Isolation in Franz Josef: Wir sparen unglaublich viel Geld und wir kommen nach sechs Monaten Dauerinput so richtig zur Ruhe. Wenn man irgendwo die inneren Akkus so richtig aufladen kann, dann ist das wohl hier.

Wir richten unser Zimmer mit einfachsten Mitteln so wohnlich wie möglich ein. Für ein paar Wochen haben wir sogar zwei Räume, da Michael, unser Nachbar, Mitte April abreist. Unsere erste gemeinsame Wohnung ist ein Motel.

Den einzigen Luxus, den wir uns gönnen, ist eine gebrauchte XBox mit 45 Spielen. Diese nutzen wir über die nächsten drei Monate exzessiv. Ich finde endlich Zeit für Assassin’s Creed – Black Flag, Malte tobt sich mit GTA V und Forza aus. Zusammen spielen wir Halo – Reach im Co-Op. Dabei stopft Malte sich tonnenweise Chips rein, lernt Brot und Laugenstangen zu backen, während ich mich über Berge von Schokolade hermache und großartige Auberginencurrys zaubere. Gammeln im Pärchenmode.

 

 

Die Arbeit wird mit der Zeit auch besser. Wir sind die körperlichen Strapazen langsam gewohnt. Klos putzen und 15 Betten beziehen schütteln wir inzwischen aus dem Hangelenk. Die Nebensaison ist nun endgültig da und wir ziehen neben der täglichen Arbeit eine Intensivreinigung aller Zimmer durch.

Mit unseren Kollegen Nick und Frieda ist es in den Arbeitspausen immer sehr nett, auch wenn außerhalb der Arbeit keinerlei Kontakt stattfindet. Vor allem Frieda ist eigentlich echt eine gutgelaunte, sonnige Person. Ihr Verlobter hingegen ist ein Narzisst in Reinform, der es fast nicht über sich bringt, bei einer zufälligen Begegnung im Supermarkt mit uns zu reden. Warum, wissen wir bis heute nicht. Eigentlich hätten wir eine Menge gemeinsam: Er hört auch Metal, er reist auch gerne, er zockt jeden Abend auf seiner eigenen XBox die neuesten Games.

Auch unsere Chefs sind nette Leute. Melissa schimpft zwar den ganzen Tag über entweder Kunden, ihren Boss, ihren Mann oder das Wetter. Dafür hat sie einen schwarzen Humor und packt mit an, anstatt sich in ihrem Büro zu vergraben. Ihr Sohn Andy, ein dreijähriger Halb-Ire-halb-Maori, ist ein absoluter Goldschatz und „hilft“ begeistert mit beim Putzen.

 

 

Außerdem gehen wir viel Wandern. Solltet ihr unserem Blog schon länger folgen, erinnert ihr euch vielleicht, dass wir uns beide immer gegen diese Art von Zeitvertreib ausgesprochen haben: zu langweilig, zu langsam, zu monoton. Wir lernen auf den vielen Wanderwegen rund um Franz Josef, dass das alles nicht stimmt. Klar, man ist langsamer als auf dem Rad, dafür kommt man richtig mit der Natur in die Berührung und hat stundenlang Zeit zum Ratschen, Philosophieren, Lachen und Blödeln.

Diese gemeinsamen Wanderungen erhalten unsere Beziehung aufrecht, davon bin ich überzeugt. Beim Wandern lassen wir unsere vier Wände, all die verblödenden Bildschirme und Beschäftigungen hinter uns und haben den Kopf frei zum Reden. Wir sitzen unter der Woche auf engem Raum aufeinander, ohne direkten Kontakt zur Außenwelt. In einer Extremsituation wie dieser kommt es natürlich zu Reibereien, teilweise auch ernsthaften Auseinandersetzungen.

 

Silberstreif am Horizont

Irgendwann reisen dann auch Nick und Frieda ab. Michael ist schon Anfang April verschwunden. Nach vier einsamen Wochen, in denen außer Arbeit und einem tollen Ausflug nach Wanaka (wir werden berichten) nichts Besonderes passiert, bekommen wir wieder neue Kollegen.

Beatrice und Grant, aus Verona und Edinburgh, verstärken unser Team ab jetzt. Gott sei Dank sind die beiden keine hochnäsigen Schnösel wie ihre Vorgänger, sondern herzliche, warme, freundliche Menschen voller Leben. Wir verstehen uns auf Anhieb.

 

 

Nach einem weiteren Ausflug, dieses Mal nach Queenstown, Milford Sound und Invercargill, arbeiten wir noch zwei weitere Wochen im Holiday Park und machen Gebrauch von unserer Rolle als Rezeptionisten. Wir nehmen an einer kostenlosen Kayaktour über den schwarzen, stillen Lake Mapourika teil, eines der geilsten Dinge, die wir hier unternommen haben. Dort lernen wir auch John aus Kanada, unseren zukünftigen Mitbewohner, kennen.

Und dann, Mitte Juni, ist unsere Zeit in Franz Josef plötzlich um. Unseren ursprünglichen Plan, den Winter in Queenstown oder Wanaka zu verbringen, haben wir geändert, nachdem wir in keinem Skigebiet einen Job gefunden haben. Außerdem ist uns nach drei Monaten Landleben nach Stadt zumute. Ein letztes Wochenende mit B’s italienischen Kochkünsten, Wein und Wanderungen vergeht und dann verlassen wir nach einer frostigen Nacht Franz Josef in Richtung Christchurch, Neuseelands zweitgrößte Stadt.

 

frostig

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