Wanaka – Mountainbiken vor Bilderbuchpanorama

16. Oktober 2015 • Neuseeland • Views: 4037

Als wir über die Brücke, die die Grenze von Fox Glacier markiert, überqueren, stellt sich in unserem Auto Hochstimmung ein. So weit südlich waren wir noch nie vorher! Und: Wir fahren tatsächlich aus dem Einzugsgebiet der Gletscher heraus, nach Wochen monotoner Arbeit, Abenden vor dem Fernseher und ein paar eingestreuten Wanderungen! Es ist Mitte Mai, also Spätherbst, und wir sind auf dem Weg nach Wanaka.

Wanaka ist berühmt für verschiedene Dinge: Da gibt es einmal das Skigebiet Treble Cone, das als eines der besten Neuseelands gilt. Dann liegt Wanaka am gleichnamigen See, der mit den dahinter aufragenden, schneebedeckten Berggipfeln einen dramatischen Anblick bietet. Und dann gibt es da noch ein dichtes Netz aus Mountainbike Trails, die sich entlang des Sees und die Berge hinab schlängeln.

Leider gibt es im Mai noch keinen nennenswerten Schneefall hier. Daher haben wir unsere Mountainbikes auf dem Dach unseres treuen Honda Odysseys befestigt, alles, was wir an warmer Kleidung besitzen, eingepackt und uns auf ein klirrend-kaltes, aber vergnügliches Wochenende in Central Otago eingestellt.

Schon die Fahrt nach Wanaka entpuppt sich als ein absolutes Highlight. Die Westküste zeigt sich heute ausnahmsweise von ihrer sonnigen Seite und beschert uns wunderschöne Aussichten auf wilde Strände, dichten, grünen Regenwald und den ungezähmten Südpazifik.

Ab Haast geht es dann in die Berge. Wir folgen dem gleichnamigen Fluss in ein breites Tal, in das sich zahlreiche Wasserfälle ergießen, bevor wir die Gates of Haast, eine enge Brücke über einem besonders wilden Wasserfall, erreichen.

Wir sind allerdings schon spät dran, weil Malte unser Auto kurz vorher bei einem Rastplatz in einen Haufen Schlamm stellen musste. Fast wären wir nicht mehr rausgekommen. Das Auto ist jetzt über und über mit scheiße-braunen Sprenklern überzogen. Daher sehen wir uns heute weder die Gates noch den Haast Pass an, sondern lassen die Landschaft an uns vorüberziehen und beobachten, wie sich der Regenwald langsam in einen alpinen Mischwald verwandelt.

Nach einer Fahrt durch ein weiteres, Tal, das mit karg bewachsenen Bergen und einer Menge Schafe aufwartet, kommt der Lake Wanaka in Sicht. Er ist riesig! Atemberaubend! So haben wir uns Neuseeland vorgestellt!

Auch der benachbarte Lake Hawea ist beeindruckend. Ich habe eine ganz starke Erinnerung von vor neun Jahren, als wir genau hier auch stehen geblieben sind und die uns umgebende Stille mich überwältigte. Heute ist es allerdings windig, daher halten wir nur kurz, bevor wir Wanaka erreichen.

Zurück in der Zivilisation

Wir sind völlig von den Socken, wie viele Straßen, Restaurants und Menschen wir sehen. Wie Touristen aus der tiefsten Provinz (die wir ja quasi sind derzeit!) machen wir uns gegenseitig auf die urbanen Errungenschaften, die die 5.000-Einwohner-Metropole zu bieten hat. Ein Countdown! Eine BP-Tankstelle! Schau mal, ein mexikanisches Restaurant! Wir sind ekstatisch.

Erst checken wir jedoch beim hiesigen Top 10 Holiday Park ein. Da wir in einem weiteren Park dieser Kette arbeiten, lässt die Rezeptionistin uns eine Nacht umsonst hier übernachten – was wir anhand der gesalzenen Preise für ein Doppelzimmer dankbar annehmen. Mit Graden knapp über dem Gefrierpunkt ist es uns eindeutig zu kalt, um im Auto zu schlafen.

In die Stadt laufen, eingepackt in unsere Snowboardjacken (danke, Mama!), geht aber noch. Wir sind am Verhungern! Malte schlägt vor, dass wir den günstigen türkischen Schnellimbiss aufsuchen, den er vorhin gegoogelt hat. Als wir ihn finden, habe ich auf einmal einen dicken Kloß im Hals und muss fast weinen, als ich ganz verzagt bitte, ob wir nicht irgendwo essen können, wo es so richtig nett ist. Ich brauche das gerade, ein bisschen Kultur.

So landen wir in einem stylishen Café, das mir eine riesige Lachspizza macht. Dazu trinke ich einen Cider und fühle mich zivilisiert und wohl. Die jungen Leute (ha, gleichaltrig sind die nicht!) um uns herum geben uns das Gefühl, endlich wieder unter den Lebenden zu weilen. Nach einem kurzen Spaziergang durch die (objektiv betrachtet, winzige) Innenstadt zieht es uns dann dennoch wieder zurück in unsere Cabin.

Mountainbiken – so und nicht anders!

Wir wachen früh auf und bemerken erst jetzt, was für ein Ausblick sich von unserem Fenster bietet. Unsere Cabin steht auf einem Hang, der zum See hin abfällt. Und der ist, obwohl von Bäumen teilweise verstellt, jetzt schon schön.
Nach einem schnellen Frühstück heißt es warm einpacken und ab auf’s Rad. Wir fahren erst einmal in die Innenstadt, um Handschuhe und eine warme Mütze für Malte zu kaufen. Obwohl die fahle Wintersonne bereits am Himmel steht, hat es frostige vier Grad.
Unser Radweg führt uns am See vorbei. Die in voller Herbstfarbenpracht erstrahlenden Bäume und das funkelnde, tiefblaue Wasser sind genau so wie auf den Fotos – atemberaubend.

In einem Fahrradshop händigt uns eine nette Verkäuferin eine Karte mit allen Trails rund um Wanaka aus. Sie empfiehlt uns, am See entlang zu fahren und dann den Dean’s Bank Trail in Angriff zu nehmen. Diesen als Intermediate ausgezeichnete, 12 km langen Loop haben wir bereits im Vorfeld im Internet recherchiert. Wir kaufen im Supermarkt noch ein paar Dinge fürs Mittagessen und fahren los.

Die Fahrt am See entlang ist nicht nur fürs Auge ein Genuss. Man fährt nicht über Straßen, sondern über für Fußgänger und Radler eigens angelegte Wanderwege, die viel Raum für beide lassen. Sobald wir auf den als Easy gekennzeichneten Track entlang des Clutha River wechseln, wird es enger, aber auch abwechslungsreicher. Über Stock und Stein, aber angenehm flach, geht es weiter in Richtung Albert Town, wo angrenzend an den örtlichen Campingplatz der Deans Bank Trail beginnt.

Jetzt wird’s ernst. Wie immer schlägt mir das Herz bis zum Hals, als wir unsere Bikes über die Absperrung des Trails heben. Meine bisherigen Erfahrungen mit Mountainbiken waren sehr gemischt, und auch wenn ich teilweise echt viel Spaß hatte, gab es auch immer wieder Momente, in denen ich starr vor Angst war oder mein Rad in die siebte Hölle verflucht habe.

All meine Befürchtungen lösen sich nach dem ersten Aufstieg in Luft auf. Es ist affengeil hier! Nicht nur ist der Trail endlich mal keine technisch anspruchsvolle Todesfahrt, sondern schlängelt sich in lustigen Steilkurven durch sanfte Hügel, während blutrote Hagebuttensträucher den Wegesrand zieren. Das Ganze findet auf einem Plateau statt, von dem man einen einzigartigen Blick auf den Clutha River, Lake Wanaka und die Berge hat.

  • Julia erklimmt die S-Kurven
  • oben angekommen
  • Blick hinab
  • technisches Waldstück beginnt
  • Deans Bank

So macht das Spaß! Warum kann es nicht immer so sein? Radfahren ist für mich nicht nur ein Sport, sondern ein Erlebnis für alle Sinne. Manchmal ist so ein Single Track bestimmt ganz nett, wenn man etwas besser ist als ich. Aber das hier, die kolossale Berglandschaft, die Sonne, die Landschaft – deshalb betreibt man doch Outdoorsportarten, oder nicht?

Ich kurve selig mit meinem Mountainbike durch die Gegend und finde sogar das Pinienwäldchen toll, in dem es dann doch wieder etwas technischer und steiler zugeht. Geil, geil, geil. Ich verstehe jetzt, warum das so ein Riesentrend ist.

Abends kommen wir nach insgesamt 50 Kilometern Abenteuer fix und fertig wieder in Wanaka an. Wir bringen es sogar noch fertig, zu duschen und zu Abend zu essen, aber dann ist relativ schnell Schicht im Schacht.

Illusionen und ein Irrgarten

Heute will keiner von uns beiden etwas von Mountainbikes wissen. Das Wetter ist grau und regnerisch, eine ideale Ausrede, um unsere geschundenen Körper zu schonen.

Also ab in die Puzzling World, eine weitere Attraktion in Wanaka. Der Name ist Programm: Das architektonisch sehr ausgefallene Haus beinhaltet jede Menge Illusionen und lustige Rätsel, mit denen wir uns ein paar Stunden die Zeit vertreiben. Höhepunkt des Besuchs ist das riesige Outdoor-Labyrinth. Wir brauchen fast zwei Stunden, um zum Ausgang zu finden. Ein Riesenspaß. Gott sei Dank spielt das Wetter mit – die Sonne kommt durch.

  • Puzzling World 1
  • Puzzling World 2
  • Puzzling World 3
  • Puzzling World 4

Nach einem Shopping-Nachmittag gehen wir abends noch ins örtliche Kino und schauen uns Woman in Gold an. Ein bisschen Kultur muss sein.

Ein weiteres Erfolgserlebnis

Am nächste Tag ist wieder Mountainbiken angesagt. Heute geht es entlang des Clutha Rivers, auf einem als einfach gekennzeichneten Trails. Dem ist auch so, der Weg folgt dem Fluss in sanften Hügelwellen, stets mir einem großartigen Blick auf den Fluss und die Berge.

Das Einzige, was uns zu schaffen macht, ist der Gegenwind. Und ich verfluche mein Rad mehr und mehr, je öfter ich mit ihm fahre: Der Rahmen ist mir zu groß. Meine Schultern tun schon ganz weh. Die Pedale sind eigentlich für diese unsäglichen Fußkäfige gemacht, die ich nicht habe. Daher drehen sie sich jedes Mal um, wenn ich den Fuß von ihnen nehme. Ich habe keine Federung. Jeder Stein fühlt sich an wie ein Erdbeben. Der arme Malte hört sich mein Gejammer geduldig an und versucht, mir mit Tipps und Massagen das Elend etwas zu erleichtern.

Am Ende sind wir jedoch beide froh, die Tour gemacht zu haben. Abends ziehen wir uns im Fernsehzimmer unseres Campingplatzes noch ein bisschen Junk TV rein, bevor wir wieder wie Steine in unser Bett sinken.

Und dann ist unser Kurzurlaub auch schon wieder vorbei. Wir kaufen noch schnell den halben New World Supermarkt leer, bevor wir gemütlich, wenn auch widerstrebend wieder zurück in die Provinz fahren.

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2 Responses to Wanaka – Mountainbiken vor Bilderbuchpanorama

  1. Brigitte sagt:

    wow!!!! Wie wunderschön!!! Schaut aus wie Norwegen! Oder Kanada! :-))
    Gruß Mama

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