Ich bin Migrantin

Finde den Flüchtling

3. September 2015 • Refugees Welcome • Views: 6876

Meine Mutter heiratete 1984 einen ungarischen Flüchtling, der zehn Jahre zuvor seine Heimat durch einen Eisenbahntunnel verließ. Er floh mit keinerlei Besitz außer den Klamotten, die er am Leib trug. Mein Vater war damals 20 Jahre alt und hatte am Konservatorium in Budapest Komposition studiert.

Er hatte unfassbares Glück, dass er in Deutschland geschnappt wurde und auf einen Grenzbeamten traf, der ihm anstatt eines Abschiebungsbescheids 100 Mark aus eigener Tasche in die Hand drückte und sagte: „Deutschland braucht mehr Künstler wie Sie. Willkommen.“

Damals wurden Asylanträge im Eilverfahren bewilligt, um der überwältigenden Flüchtlingsströme aus dem Ostblock Herr zu werden.

Der Bürgermeister von Lingen, der Ort, in dem mein Vater und sein Freund aufgenommen wurden, begrüßte die Flüchtlinge persönlich. Es gab statt Essenspaketen Bargeld und Gutscheine für das örtliche Kaufhaus, damit die beiden sich etwas Ordentliches zum Anziehen kaufen konnten.

Darüber beschwert hat sich damals übrigens niemand.

Eine Geschichte wie viele andere

Seine unermüdliche Arbeit und sein Bestreben, sich so schnell wie möglich zu integrieren, trugen bald Früchte. Mein Vater arbeitete sich von 5-Mark-Gagen in zwielichtigen Bars zu einem angesehenen Studiomusiker hoch. Deutsch brachte er sich selbst bei.

1988 erhielt der die deutsche Staatsbürgerschaft. Zum ersten Mal, seit er vor 14 Jahren geflohen war, durfte er nach Ungarn einreisen, ohne Verfolgung fürchten zu müssen. Als er über die Grenze fuhr, weinte er. Im Radio lief John Farnham – You’re the Voice.

Dieser Mann hat mit seiner Ehefrau gemeinsam drei Töchter großgezogen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es uns jemals an etwas gemangelt hätte. Meine Schwestern und ich haben alle Abitur und haben studiert bzw. tun es gerade. Mit Fremdenhass wurden wir glücklicherweise nie direkt konfrontiert, da wir alle drei zentraleuropäisch aussehen.

Eine Herzensangelegenheit

Die derzeitige Situation in Deutschland ist mir daher auch aus biographischer Sicht eine Herzensangelegenheit. Warum sollten die Menschen, die aufgrund von Krieg und Gewalt vertrieben werden, anders behandelt werden als damals die Flüchtlinge aus dem Ostblock? Damals war Osteuropa für die Westdeutschen terra incognita – ich wage zu behaupten, dass sich dies inzwischen geändert hat.

Auch der Mittlere Osten und Afrika werden uns mit der Zeit näher kommen. Dafür legen wir jetzt, heute, mit unseren Handlungen das Fundament.

Ich schreibe diesen Artikel, um auf die Initiative Blogger für Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Falls ihr es mir gleichtun möchtet oder jemanden kennt, dessen Geschichte ihr gerne aufgeschrieben hättet, meldet euch bei mir.

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7 Responses to Ich bin Migrantin

  1. Peter Dörfler sagt:

    Sehr geehrte Julia,

    leider ist der Vergleich zwischen ihrem Vater und vielen (bei weitem nicht allen, bitte verstehen sie mich nicht falsch!) Flüchtlingen der heutigen Zeit extrem unpassend.

    Neben Menschen die aus Angst vor Verfolgung, Krieg und menschenunwürdigen Zuständen aus ihre Heimat fliehen, um sich in Ländern der europäischen Union ein neues Leben aufzubauen (was aktive Eigenarbeit voraussetzt, und in meinen Augen jederzeit willkommen sind!), drängen gleichfalls viele Wirtschaftsflüchtlinge herein, die keinerlei Ambitionen haben sich in unsere Gesellschaft zu integrieren, gänzlich andere Wertvorstellungen besitzen, sowohl Religiös, materiell als auch zwischenmenschlich, speziell auch im Umgang mit Frauen, und diese im schlimmsten Fall gar über das Wohl Anderer stellen.
    Dafür gibt es, trotz des erst relativ kurz bestehenden Stroms an Flüchtlingen bereits Präzedenzfälle, falls man der Sprachen mächtig ist, empfiehlt es sich beispielsweise Berichte aus den Ländern der Erstaufnahme zu verfolgen, die leider ein gänzlich anderes Bild vieler Flüchtlinge zeichnen, als es das Weltbild vieler linksliberaler Menschen, oder gar der Kuschelkurs der Bundesregierung gerne hätte.
    Oft hört man in diversen Abwandlungen Beispielsweise die Antwort auf die Frage, warum Flüchtlinge beispielsweise nicht in Griechenland oder Makedonien bleiben möchten die Antwort “Wir wollen nach Deutschland, dort muss man nichts tun und es ist alles umsonst”, obgleich das nicht der ganzen Wahrheit entspricht, ist unser System in dieser Hinsicht relativ offen und dementsprechend anfällig für einen möglichen Missbrauch.

    Obgleich dies (hoffentlich) nicht die Einstellung der Majorität der Flüchtlinge darstellt, zeichnen diese leider ein sehr negatives Bild, das zu unrecht Flüchtlinge mit lauteren Absichten in´s Hintertreffen geraten lässt.

    Davor haben viele Menschen zurecht Angst. Solange diese Seite der Medaille jedoch zwangsweise unter Fremdenfeindlichkeit abgestempelt, und weder medial noch politisch in irgendeiner Form aufgearbeitet oder eingedämmt wird, muss man den Menschen eine negative Haltung gegenüber Flüchtlingen schlichtweg zugestehen.

    Dies spiegelt nicht meine eigene Meinung wieder, und sollte in einer modernen Gesellschaft nicht bestimmend sein.
    Jedoch gehört es auch zu einer modernen Gesellschaft ein Thema aus allen Richtungen offen (!) zu beleuchten.
    Es besteht ein sehr großer Unterschied zwischen Fremdenfeindlichkeit und berechtigter Skepsis!
    Alleine der humanitäre Aspekt genügt der Gesellschaft in weiten Teilen nicht als Rechtfertigung, diese erwartet ein umfassenderes Konzept, das es allem Anschein nach jedoch nicht Wert ist dieser mitgeteilt zu werden.
    Solange dies jedoch weder von der Politik noch Teilen der Gesellschaft akzeptiert und berücksichtigt wird, sehe ich für eine funktionierende Migration in der europäischen Union keine Zukunft, sondern schlichtweg (sehr viel) potentiellen Zündstoff.

    Mit besten Hoffnungen für eine bunte Zukunft,

    Peter Dörfler.

    • Julia sagt:

      Vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Dörfler.

      ich möchte mich kurz fassen:

      Völlig unabhängig davon, warum manche Menschen Angst vor Flüchtlingen haben, können wir uns wohl dennoch darauf einigen, dass Hassparolen, Brandstiftung und Hetze im Internet ein inakzeptables Verhalten darstellen, oder? Das Verhalten dieser Leute ist völlig ungerechtfertigt und erweckt auch bei Ihnen keinerlei Verständnis, egal, ob es sich um Wirtschaftsflüchtlinge oder politisch Verfolgte handelt, oder?

      Und meine letzte Frage, die sich nach der Lektüre Ihres Kommentars für mich stellt, ist: Behaupten Sie etwa, dass nicht alle Flüchtlinge einen makellosen Charakter haben oder gar Werte, die von denen des Westens abweichen, wenn sie hier ankommen? Du liebe Güte, da sollten wir aber unbedingt ein paar Moralapostel in deren Heimatländer abbestellen, um sie im Vorfeld korrekt zu schulen. 😉

      • Philip sagt:

        sehr geehrter herr dörfler, meiner meinung nach sprechen sie hier über sonderfälle, die es selbstverständlich gibt, aber einen weit geringeren teil ausmachen als sie wohl annehmen. weiterhin sollte ihnen bewusst sein, dass es immer noch eine funktionierende asylpolitik gibt, in dem sinne, dass weit über 40% der anträge abgelehnt werden (ich hab jetzt nicht nochmal recherchiert – vermutlich liegt die zahl höher) – darunter dann genau auch die von ihnen so gefürchteten “schwarzen schafe” … es geht hier aber nicht um sonderfälle, sondern um MENSCHEN im allgemeinen. sie formulieren so als wollten sie nicht alle über einen kamm scheren, machen dann aber genau das. meiner meinung nach ein verkapptes “ich bin ja nicht ausländerfeindlich, aber …” symptom.

        wenn ich mir dann noch anschaue, wer hier “zurecht angst” hat, kann ich nur noch vollends die augen verdrehen. diese sog. “besorgten bürger” kann doch schon lange niemand wirklich mehr ernstnehmen – auch ihre “argumente” wurden hinreichend wiederlegt und müssen nicht immer wieder neu erklärt werden. ich glaube das ist sogar schon in der “welt” angekommen und gedruckt … man soll es kaum glauben.

        ich skype dann mal eben mit freunden, die nach finnland wegen dem bildungssystem oder nach holland wegen dem gesundheitssystem “geflohen” sind ….

      • Peter Dörfler sagt:

        Hallo Julia,
        ich behaupte wohl zurecht dass kein Mensch einen makellosen Charakter besitzt, auch abweichende Werte wird jeder Mensch haben, ganz unabhängig von seiner Herkunft, das an sich stellt auch überhaupt kein Hindernis dar!
        Obgleich in der westlichen Welt zwar oft kein Verständnis für Menschen mit anderen Werten herrscht, so ist hier jedoch insgesamt betrachtet unbestreitbar immer mehr Toleranz für anders denkende und andersartige Menschen vorhanden.
        Leider ist Toleranz gegenüber andersartigen Menschen, anderen Religionen, anderen Denkweißen und anderen Traditionen unter vielen Flüchtlingen weitaus weniger verbreitet und oftmals auch nicht zu vermitteln.
        Dass soll beileibe nicht bedeuten, dass ich diese Eigenschaft allen unterstelle, es gibt hier unter den Flüchtlingen bestimmt auch weltoffene, tolerante Menschen. Auch muss nicht jeder westeuropäische Werte annehmen, Integration bedeutet schließlich nicht Assimilation.
        Mein Punkt ist ein ganz anderer. Die Fähigkeit zur Toleranz, sowie eine gewisse Strebsamkeit sich einen Platz in unserer Gesellschaft zu erarbeiten ist schlichtweg unentbehrlich zur Integration.
        Nun nehmen leider auch Menschen die Flucht aus ihrer Heimat unter falschen Voraussetzungen auf, vornehmlich der dass Westeuropa das Land “in dem Milch und Honig fliessen” sei, und man sich hier eben nichts erarbeiten muss.
        Das ist schlichtweg ein Trugschluss. Neben dem Willen sich hier eine neue Sprache anzueignen, bedeutet das Leben in Westeuropa, Deutschland ist ein noch extremeres Beispiel, immer Arbeit, und das von Kindertagen an. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erarbeiten sich in Schule, Lehrzeit und während eines Studiums Wissen, und dann weitere Jahrzehnte einem Beruf nachzugehen.
        Wird an dieser Einstellung jedoch festgehalten, gepaart mit mangelndem Willen zur Toleranz, so haben wir hier das Integrationsproblem, welches viele Menschen nicht zu unrecht fürchten und langfristig der Gesellschaft großen Schaden zufügen kann.
        Zu allem Übel überschattet dies, wie ich bereits ansprach, leider das Ansehen aller Flüchtlinge, und damit auch der, die mit dem festen Willen hierher kommen, sich ein neues Leben zu erarbeiten.
        Problematisch hieran ist jedoch, dass auch Flüchtlinge ohne Absicht zur Integration oftmals nicht, oder nicht nur, wegen wirtschaftlicher Gründe aus ihrer Heimat fliehen. Der Umgang mit genau dieser Gruppe wird ganz Westeuropa noch vor große Herausforderungen und moralische Fragen stellen.
        Bereits zu akzeptieren, dass Integrationswillige Menschen hier aufgenommen werden sollen fällt vielen Teilen der Bevölkerung nicht leicht!

        Warum Menschen Angst oder Bedenken wegen der Aufnahme von Flüchtlingen haben, ist jedoch ein ganz entscheidender Ausschlag für deren Reaktion. Radikalismus ist immer extrem kritisch zu sehen, aber auch ein klares Indiz. Haben sie kritische Beiträge in den Medien bezüglich der Aufnahme von Flüchtlingen registriert? Gibt es eine Initiative von “Bloggern für Reflektion&Migration”?
        Die gesamte Berichterstattung in Deutschland ist “Pro Flüchtling”, bestenfalls neutral, jedoch keinesfalls kritisch.
        Manche Schichten der Bevölkerung ist jedoch mit dem Fakt, dass es weder eine kritische Berichterstattung, noch eine klare Perspektive von der Seite der Politik für die in dieser Zeit extrem zunehmende Migration gibt.
        Diese Schicht hat, oder sieht zumindest, da sie weder in den Medien noch von der Politik ihre Interessen vertreten sieht, kaum eine andere Möglichkeit als sich auf diesem Wege Gehör zu verschaffen.
        Das ist nicht schön. Geradezu kriminell, jedoch nicht nur von Seiten dieser Leute aus, sondern auch seitens unserer Regierung und Berichterstattung, die ihre Aufgaben beiderseits extrem vernachlässigen.
        Insgesamt betrachtet ist diese Eskalation nur ein Ausdruck seit Jahren währender Unzufriedenheit. Zu allem übel unter Umständen nicht nur einer kleinen radikalen Schicht, sondern evtl. weiter Teile der Bevölkerung, die arttypisch für den Deutschen, diese Zustände hinnimmt, sich jedoch bei derem fortbestehen evtl. zunehmend radikalisiert.

        Dementsprechend ist es, ich wiederhole es erneut, sehr wichtig zu ergründen WARUM radikal gegen Flüchtlinge vorgegangen wird. Ausschließlich mit dem blinden verurteilen dieser Taten ist es dabei nicht abgetan.
        In dieser Thematik steckt so viel Zündstoff, dass hier umgehend gehandelt und aus allen Perspektiven aufgeklärt werden muss, ansonsten rettet keine Bloggerinitiative oder die Beschwichtigungsversuche unserer Regierung mehr diese Situation.
        Die Aufnahme derartig großer Mengen von Migranten hat Folgen für die Gesellschaft, diese zu verneinen ist nicht nur kurzsichtig, sondern schlichtweg dumm. Diese Folgen müssen dargestellt und vermittelt, sowie klare Konzepte für den Umgang mit diesen als Perspektive aufgezeigt werden!

        Ich bitte mich nicht falsch zu verstehen, weiter oben schrieb ich von Toleranz.
        Problematisch ist, dass zwar eine Toleranz gegenüber Flüchtlingen bei der Bevölkerung vorausgesetzt wird, jedoch noch keinesfalls klar ist, ob Toleranz und Integration auch von diesen gelebt wird.
        Zu allem übel erfahren jedoch kritische Stimmen kaum oder überhaupt keine Toleranz, egal von welcher Stelle. Die Folgen davon sind nicht absehbar!
        Oder glauben sie ernsthaft ein Beitrag wie meiner wird sich jemals als Leserbrief in einer Tageszeitung finden, oder gar inhaltlich verarbeitet?

        • Peter Dörfler sagt:

          Hallo Philipp,

          ihr Beitrag steht stellvertretend genau für einen Teil von dem, was ich darstellen möchte. Man kann sich nichtmehr kritisch äussern, ohne die Karte der Ausländerfeindlichkeit zugeschoben zu bekommen. Das ist traurig und auch ein Teil des Problems, welches auf uns zukommt.
          Ob wir uns hier über Einzelfälle unterhalten (bei 800.000 im Jahr rein Verhältnismäßig ist das Wort “Einzelfall” schwierig einzuordnen, bereits 1% wären 8000 Menschen…), wird die Zeit zeigen.

          Da jedoch nach meiner Meinung zu diesem Thema gefragt wurde, ich versuche schlichtweg keine Meinung zu diesem Thema zu haben, bis seitens der Politik eine klare Aussage zur Handhabe erfolgt.
          Selbst in diesem Fall wird es jedoch schwierig mir persönlich Ausländerfeindlichkeit nachzusagen, schlimmstenfalls eine negative Haltung zur Migration nach den Maximen der Bundesregierung.
          Das eine richtet sich gegen eine Gruppe von Menschen, das andere gegen ein System.

        • Julia sagt:

          Hallo Herr Dörfler,

          ich bin beeindruckt, wie reflektiert und umfassend Sie sich dem Thema angenommen haben. Eine solche Stimme habe ich bisher in meiner Online-Welt tatsächlich noch nicht zu hören bekommen. Bei einem Telefonat mit meinen Eltern (die Ihren Kommentar übrigens super fanden) wurde ich darauf hingewiesen, dass mein recht kurzer Kommentar Ihrer Meinung nicht genug würdigen würde. Jetzt, am Sonntag Abend, stimme ich ihnen zu. Jetzt nehme ich mir gerne die Zeit und versuche, Ihnen zu antworten.

          Ich muss zugeben, dass ich mich an Ihrem ersten Absatz, in dem Sie den Menschen (teilweise) unterstellen, sie kämen nur aus Habgier zu uns, etwas gerieben habe. Vielleicht ist es Naivität, vielleicht ist es die Erfahrung, die ich auf meinen bisherigen Reisen gemacht habe, die mir ein völlig anderes Bild von Menschen mit verschiedensten Hintergründen gezeigt hat, vor allem bei Moslems. Ich möchte nicht glauben, dass es mehr als nur ein paar Ausnahmen sind, die ihre Heimat für immer hinter sich lassen, um in einem völlig fremden Land von vorne anzufangen. So wie hierzulande manche Menschen, die keine Fremdsprache sprechen und nicht reisen, Angst vor Ausländern haben, muss es doch umgekehrt genau so sein, oder? Zumindest mir ging es so, als mein Verlobter und ich uns in die Osttürkei und nach Iran aufgemacht haben. Inzwischen sind wir große Fans des Mittleren Ostens und der dortigen Kultur, natürlich nicht uneingeschränkt, aber das ist man ja nicht mal bei der eigenen.

          Die Entscheidung, komplett zu migrieren, und dann auch noch ohne Besitz oder Sicherheit, kann für die meisten Flüchtlinge doch nur der letzte Ausweg gewesen sein anstatt der ersten Wahl. Natürlich beeinflusst die wirtschaftliche Stärke Westeuropas bei manchen die Entscheidung, den langen und gefährlichen Weg zu uns zu wählen anstatt zu versuchen, im Nachbarland Zuflucht zu finden (was die meisten ja übrigens tun, zumindest die Syrer). Die Wirtschaftsflüchtlinge werden außerdem, soweit ich informiert bin, fast ausnahmslos abgewiesen und wieder zurückgeschickt, oder? Wie viele davon kommen überhaupt aus muslimischen Ländern? Hier handelt es sich doch meistens um Menschen aus den Balkanstaaten oder Osteuropa?

          Ich denke außerdem, dass der mangelnde Integrationswille erst in Deutschland entsteht. Erst das langwierige Asylverfahren, dann die dreimonatige Arbeitssperre und dann (ich spekuliere hier) eine längere Phase der Arbeitslosigkeit – die meisten Asylanten leben in dieser Zeit doch meistens mit anderen Menschen aus ihrem Kulturkreis auf engstem Raum zusammen. Wahre Integration kann jedoch meiner Meinung nach nur stattfinden, wenn man mit Land und Leuten in Berührung kommt. Und am Besten lernt man als Erwachsener andere Leute doch kennen, wenn man in ihnen arbeitet. Denn das geschieht meistens auf Augenhöhe, ein gegenseitiger Respekt entsteht und beide Seiten erhalten Einblick in die Kultur des Anderen. Wäre ich gezwungen, ein Jahr lang in einem fremden Land in einer schäbigen Unterkunft herumzusitzen, umgeben von Landsleuten und ohne Beschäftigung, hätte ich in dieser Zeit mit Sicherheit jegliche Motivation verloren, mich zu integrieren. Erstens ist es viel leichter, weiterhin Deutsch zu sprechen und über Zuhause zu reden, und zweitens scheint es mein Gastgeberland ja eh nicht zu interessieren, was aus mir wird.

          Ihrem zweiten Absatz stimme ich uneingeschränkt zu. Medien sind Stimmungsmacher, sowohl im Guten als auch im Schlechten, wie man an der Flüchtlingskrise deutlich sehen kann.

          Ist es tatsächlich so, dass die Folgen, die die Aufnahme dieser Menge von Menschen haben wird, verneint bzw. ignoriert werden? Ich denke, dass die Menschen, die sich derzeit so engagiert für die Flüchtlinge einsetzen, sich diesen Folgen spätestens dann bewusst werden, sobald sie eine erste Unterhaltung mit einem hatten. Natürlich ist ein solcher Zustrom aus einer anderen Kultur etwas, was irgendwie verdaut und eingeordnet werden muss. Ich glaube jedoch nicht, dass irgendjemand aktuell ein klares Konzept, wie Sie fordern, erstellen könnte. Wer hat denn die passende Kompetenz? Das einzige, was wir alle, auf einer unpolitischen Ebene, ganz unkompliziert anbieten können, ist Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz für etwaige Unzulänglichkeiten seitens der Neuankömmlinge.

          Im Endeffekt kommt es also doch wieder zu meinem Lieblingsthema: Mehr Bildung für alle, weltweit. Intoleranz ist meistens das Produkt von Unwissenheit. Wenn wir nun ganz hochnäsig davon ausgehen, dass wir in Deutschland einen höheren Bildungsstandard als die zu uns Fliehenden haben, ist das, was Sie sagen, richtig: Wahrscheinlich sind wir toleranter als die. Unwissenheit und Angst baut man jedoch nur durch Freundlichkeit und Bildung ab – und wenn die einen das nicht mitbringen, ist es Aufgabe der anderen, ihnen das vorzuleben und beizubringen. Der Klügere gibt nach, oder?

  2. Ich war als dreijähriges Kind Asylant. Wir flohen vor der Schikane des sowjetkommunistischen Regimes in Ungarn. Wir kamen mit Demut, Dankbarkeit und Ehrgeiz nach Deutschland. Ebenso sehe ich teilweise unter den Syrern eine ähnliche Einstellung, jedoch nicht nur. Trotzdem gibt es einen Unterschied: 1. Wir haben uns assimiliert und wollte nicht unsere Kultur in Deutschland durchsetzen. 2. Wir waren wenige 3. Wir forderten nichts und fügten uns allen Anordnungen. 4. Es bestand nicht die Angst, dass sich unter den Flüchtlingen Terroristen einschleusen. 5. Als Flüchtling stellte man keine Ansprüche, sondern fügte sich den jeweiligen Landesgesetzen. Heute geschieht jedoch eine massive Völkerwanderung, dessen Ursache vom Westen selbst verursacht wurde. Der Ansturm ist nicht vergleichbar mit den damaligen Umständen. Die humanitären Beweggründe bleiben die gleichen. Die Umstände und die Dimension sind aber lange nicht mehr vergleichbar mit denen von damals. Hier geschieht etwas völlig anderes: eine Völkerwanderung und eine kulturelle und religiöse Invasion. Das macht den Unterschied aus.

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