Battambang – Everyday life

Liebesspiel

14. Mai 2015 • Kambodscha, Südostasien • Views: 3401

20.12.-22.12.2014

„Ich kann nichts essen!“ – „Komm schon, du hast doch bloß einen Kater!“ – „Achso, deshalb habe ich also kein Recht, krank zu sein?“ – „Du musst was essen, sonst wirst du nie gesund. Probier wenigstens den Reis.“ – „Okay.“ – 10 Sekunden später stürze ich aus dem Bett zum Klo und gebe die drei armen Reiskörner wieder von mir. Montezumas Rache hat mich fest in ihren Klauen. Der Delhi Belly wohnt jetzt in mir. Drei Wochen Südostasien habe ich gebraucht, um ihn endlich zu am eigenen Leib zu erleben: Den berüchtigten Reisedurchfall.

Die ersten zwei Tage in Battambang liege ich also ausgeknockt im Hotelzimmer, während Malte sich langweilt, spazieren geht und sich mit mir stundenlang Adventure Time, die beste Comicserie der Welt, im Fernsehen anschaut. Ihn erwischt es ein paar Tage später auch, genau wie 30-50% aller Reisenden, die sich in tropischen Ländern aufhalten. Hätte ich die Gin Tonics in Phnom Penh vielleicht besser ohne Eis getrunken?

23.12.2014

Ich bin zwar immer noch sehr wackelig auf den Beinen, aber Malte überredet mich trotzdem zu einer Radeltour durch Battambang. Ich sterbe bei jedem Schlagloch ein bisschen mehr, aber mache gute Miene zum bösen Spiel. Wir wollen hier schließlich nicht für immer bleiben und ich habe heute erfolgreich eine Suppe bei mir behalten.

Die Tour durch die Stadt ist sehr nett. Hier ein paar Häuschen aus der französischen Kolonialzeit, da ein Tempelchen. Battambang ist nichts Besonderes – und genau darin liegt der Charme. Endlich sehen wir eine mittelgroße Stadt in Südostasien, in denen Touristen eher spärlich gesät sind und die Bewohner sich vor allem um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Außer den Tuktukfahrern. Die sind hier noch penetranter als in Phnom Penh. Die Räder verschaffen aber auch heute genügend Distanz zu ihnen. Die Kinder schreien und grüßen auch hier.

  • - Che Guevara
  • Die Stimmung steigt
  • Gefährt
  • Grausame Religion
  • Logistik
  • Merry Christmas
  • Wifi
  • Zeitlos

Am späten Nachmittag fühle ich mich dann tatsächlich fit genug für einen weiteren Ausflug zu einer 11 km entfernten, 5000 Jahre alten Tempelruine. Der Hinweg ist wundervoll, auf einer gut asphaltierten Straße fahren wir durch Battambangs Vororte. Überall sehen wir seltsame Gestelle, auf denen Quallen zum Trocken ausgebreitet sind. Es riecht sehr stark nach Fisch. Gott sei Dank ist mir nicht mehr schlecht.

Der Wat Ek Phnom ist ganz nett, aber hauptsächlich ein Haufen alter Steine mit einem völlig überdimensionierten Buddha davor. Der neue Tempel, der direkt nebenan errichtet wurde, sieht besser aus. Hier lernen wir, dass die Verzierungen der Tempel von Privatpersonen finanziert werden. Sie geben einzelne Bilder in Auftrag und bezahlen diese aus eigener Kasse. Bringt tonnenweise Karma und eine schöne Nachbarschaft.

24.12.2014 – Heiligabend

Heute bin ich wieder auf dem Damm. In der Früh leihen wir uns nicht einen, sondern zwei Roller aus. Ganz recht, ich fahre jetzt selbst. Eine Reise soll ja auch zur persönlichen Entwicklung beitragen und mein Motto lautet spätestens seit meinem ersten Ritt auf diesen gefährlichen Höllengeräten: mehr trauen! Malte berät mich fachmännisch und empfiehlt, erstmal einen Roller mit Automatik zu nehmen. Die Besitzerin unseres Hotels gibt mir ihren eigenen und schaut, gelinde gesagt, alarmiert, als ich am Gasgriff drehe und viel zu schnell vom Parkplatz auf die belebte Straße schieße. Okay, meine 150cc Honda irgendwas geht also vorwärts. Mit klopfendem Herzen reihe ich mich hinter Malte im dichten Straßenverkehr ein und wir schieben uns mit der Masse langsam Richtung stadtauswärts.

Unser Ziel sind zwei Tempel, die etwas weiter außerhalb liegen. Einer heißt Wat Banan (lustig!) und der andere Wat Phnom Sampeau. Natürlich sind wir uns zu fein für die schnöde Hauptstraße. Mit unseren Navis versuchen wir, uns direkt am Fluss entlang über kleine Seitenstraßen durchzuschlängeln. Das gelingt erstaunlich gut. Wir heizen über Stock und Stein und durch reizende Dörfchen mit unseren Rollern und sehen überall nur freundliche Gesichter und überraschte Blicke, was die beiden Europäer denn hier wollen. Ich werde mit jedem Meter kompetenter auf meiner Mini-Harley und liefere mir sogar mit Malte ein Rennen auf der Landstraße.

Der Wat Banan ist über eine sehr steile, sehr lange Steintreppe zu erreichen. Erinnerungen an die 1800 Stufen, die ich mit meiner Schwester in Thailand erklommen habe, kommen wieder hoch. Es sind dann aber doch bloß magere 300, die wir mit unseren untrainierten, wohlgenährten Touristenkörpern gerade so in einem Zug bewältigen.

Die Ruine ist, wie schon die am Tag davor, ganz nett, aber hauptsächlich ein Haufen Steine. Es wird abenteuerlich, als Malte einen fast nicht vorhandenen Trampelpfad mit schwierigen, steilen Kletterpartien entdeckt. Er führt uns zu einer anliegenden Höhle, in der sich die Leute vor den Roten Khmer versteckt haben. Die Höhle ist stockfinster und unser Guide erst sehr reserviert. Er fragt uns, ob wir Christen sind. Wir bejahen, wohl wissend, dass Atheismus außerhalb der westlichen Gesellschaft ein nicht besonders beliebtes Konzept ist. Daraufhin breitet sich ein breites Lächeln im Schein seiner Taschenlampe auf seinem Gesicht aus – er sei Katholik, wie seine ganze Familie. Am Ausgang spenden wir zwei Dollar und laufen den einfachen, flachen, 5-minütigen Weg zurück zu unseren Rollern.

  • Anallöwe 2
  • Anallöwe 3
  • Anallöwe 1
  • Der beschwerliche Weg nach oben
  • Wat Banan
  • Wirklich uralt
  • Kakteentattoos
  • Höhle

Und weiter geht’s, querfeldein im wahrsten Sinne des Wortes. Wir, das heißt Malte, heizt über den holprigen und staubigen Feldweg, als gäbe es am Ziel was umsonst. Ich lasse es etwas ruhiger angehen und übe aufstehen und hinsetzen, um unvermeidlichen Schlaglöchern die Wucht zu nehmen. Außerdem zieht Malte mit seinem Roller dermaßen große Staubwolken hinter sich her, dass ich kaum atmen kann, wenn ich aufhole. Leider checkt er das nicht und wartet immer wieder auf mich – um mich dann wieder voll einzunebeln, wenn er mit durchdrehendem Hinterreifen abzischt. Den freudestrahlenden Ausdruck auf seinem Gesicht könnt ihr euch sicher vorstellen.

Phnom Sampeau liegt wunderschön auf einem einsamen Berg, umgeben von Flachland. Der Weg nach oben ist steil und schlecht asphaltiert, die Worte unserer Gastgeberin klingen mir im Ohr: „Don’t drive up the mountain…“. An einer Weggabelung halten wir und diskutieren kurz, wo lang wir als erstes fahren. Als ich anfahren will, bemerke ich meinen äußerst ungünstigen Winkel und begehe den klassischen Anfängerfehler – Füße auf den Boden. Mein Roller entgleitet mir und nimmt mich Gott sei Dank nicht mit. Aber natürlich hat er jetzt ein paar Schrammen. Ich bekomme einen mittleren Wutanfall, dass ich mich immer zu Sachen überreden lasse, die man eigentlich nicht darf. Mein geduldiger Mann tröstet und ermutigt mich, weiterzufahren. Die Angst schnürt mir zwar die Kehle zu, aber ich steige tapfer wieder auf. Ich will gar nicht daran denken, dass ich diesen Berg auch wieder runter muss.

Wir erreichen zunächst einen kleinen Tempel, der den Eingang zu den Killing Caves (ihr könnt euch sicher denken, was hier passiert ist) markiert. Wir genießen den Ausblick, entscheiden uns dann aber gegen eine Tour durch die Höhlen. Die Sonne geht bald unter und wir wollen lieber den Berg ganz nach oben fahren und den Tempel sehen. Die Straße dorthin ist, natürlich, noch viel schlimmer als die andere. Die letzten 20 Meter bringe ich laut schreiend und mit Vollgas hinter mich. Malte feuert mich an, ist unglaublich stolz auf mich und lacht kein einziges Mal.

Oben angekommen, bietet sich uns ein kurioses Bild: ein Filmteam hat eine riesige Ausstattung hier hoch geschleppt und dreht einen Videoclip! Eine bezaubernde, sehr traditionell gekleidete Dame singt in perfekter Synchronsiation Playback vor dem atemberaubenden Ausblick. Etwas abseits beobachten auch ein paar Affen das Geschehen, bevor sie sich wieder anderen Dingen, zum Beispiel ihren Genitalien, zuwenden.

Der Tempel selbst ist toll. Die goldenen Zierelemente strahlen in der untergehenden Sonne. Uns umgibt eine andächtige Stille, als wir auf das weit unter uns liegende Land blicken. Wir entdecken außerdem eine Höhle, in der eine Statue steht. Die Atmosphäre ist absolut magisch.

  • Neuer Tempel
    Neuer Tempel
  • Blick
    Blick
  • Einsamer Berg
    Einsamer Berg
  • Popstar-Videodreh
    Popstar-Videodreh
  • Liebesspiel
    Liebesspiel
  • Paarfoto
    Paarfoto
  • Stairway to Heaven
    Stairway to Heaven
  • Wieder der Blick
    Wieder der Blick

Bevor wir uns an die Abfahrt machen, kaufen wir noch zwei Tüten Ananas und vertreiben die hungrigen und sehr vorwitzigen Affen mit viel Gebrüll und einem Stock, den uns der Verkäufer zur Verteidigung in die Hand gedrückt hat. Ab und zu schmeißen wir ihnen Ananasstücke zu, die gierig verschlungen werden. Die Fahrt nach unten meistere ich ohne Zwischenfälle (aber leider auch nicht ohne Kreischen).

Am Fuße des Berges wartet die letzte Attraktion des Tages auf uns: Ein Höhleneingang, aus dem zum Sonnenuntergang die Fledermäuse zu Tausenden herausströmen. Wir erreichen die Höhle so, als hätten wir es geplant: zwei Minuten, nachdem wir unsere Roller abgestellt haben, wird der Himmel über uns schwarz. Wir bleiben bestimmt 20 Minuten und starren nach oben. Doch der Strom an Fledermäusen will einfach nicht versiegen. Ein atemberaubendes Spektakel.

Mit Einbruch der Nacht fahren wir zurück nach Battambang, diesmal über die Landstraße. Den heiligen Abend feiern wir in einem französischen Restaurant, in dem Malte das beste Steak seines Lebens isst. Der Rotwein wird leider eisgekühlt serviert und ist erst zum Dessert trinkbar. Dennoch ist es ein schöner Abend. Der Besitzer ist Franzose und erzählt uns, dass er früher beim Zirkus gearbeitet hat und dann in Battambang hängen geblieben ist, weil er seine Frau kennen gelernt hat. Es gibt Lebensläufe, da kommt einem der eigene im Vergleich vor, als wäre man seit 10 Jahren bei der Kreissparkasse angestellt und nur für zwei Wochen im Urlaub.

25.12.2014

Wir lassen Battambang um halb neun Uhr morgens hinter uns. Allerdings dieses Mal nicht per Bus, sondern per Schiff. Durch Battambang fließt ein kleiner Fluss namens Sangkae, der in den Tonlé Sap-See mündet. Am Tonlé Sap liegt Siem Reap, die Stadt des Weltkulturerbes Angkor Wat. Bis wir dort ankommen, stehen uns allerdings neun Stunden Fahrt bevor. Die ersten davon bestehen aus Manövrieren auf einem sich endlos windenden, schmalen Fluss. Auf dem Weg sehen wir eine Menge Fischernetze und, jenseits des Ufers, Landwirtschaft mit umgebauten Mofa-Pflügen. Wir verbringen fast die gesamte Fahrt auf dem Dach des Schiffs und lassen die Landschaft vorbeiziehen. Wir haben Glück, dass der Fluss derzeit befahrbar ist. Die Trockenzeit ist noch nicht alt, daher führt der Fluss noch genug Wasser, um größere Boote zu transportieren. Die Fischer, die am Sangkae leben, sehen die Boote allerdings nicht gerne. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eines von ihnen ein wertvolles Fischernetz zerstört. Natürlich ist unser Schiff auch keine Ausnahme und nimmt gleich zwei mit.

  • Unser Schiff
    Unser Schiff
  • Schiff von innen
    Schiff von innen
  • Sangkae
    Sangkae
  • Siedlung am Ufer
    Siedlung am Ufer
  • Wenns hält, dann hälts
    Wenns hält, dann hälts
  • Winkende Kinder
    Winkende Kinder
  • Volleyball
    Volleyball
  • Beobachter
    Beobachter
  • Dünne Kuh
    Dünne Kuh
  • Fischerinnen
    Fischerinnen
  • Chillgangster
    Chillgangster
  • Fischernetze
    Fischernetze
  • Fischernetz Nahaufnahme
    Fischernetz Nahaufnahme
  • Landwirtschaft
    Landwirtschaft
  • Flusssiedlung
    Flusssiedlung
  • Hausboot
    Hausboot
  • Noch ein Hausboot
    Noch ein Hausboot
  • Flussvenedig
    Flussvenedig
  • Flussvenedig 2
    Flussvenedig 2
  • Die Partei immer vor Ort
    Die Partei immer vor Ort
  • Haustier
    Haustier
  • Häuschen
    Häuschen
  • Krokodilfarm
    Krokodilfarm
  • Paddeln
    Paddeln
  • Schwimmen
    Schwimmen
  • Kirche
    Kirche
  • Tempelchen
    Tempelchen

Nach etwa fünf Stunden wird aus der sich windenden Schlange auf einmal ein etwas breiterer Strom. Wir haben das Gröbste hinter uns. Vor uns liegt ein wahres Flussvenedig. Die meisten Hütten schwimmen auf Holzkonstruktionen auf dem Wasser, die Häuser am Ufer stehen auf Stelzen. Nach einer kurzen Pause fahren wir weiter. Die Aussicht hat sich drastisch verändert. Die Ufer entfernen sich immer weiter voneinander. Das Leben spielt sich hier komplett auf dem Wasser ab. Passagiere, die hier aussteigen, werden von ihren Angehörigen mit dem Ruderboot direkt vom Schiff abgeholt. Wir sehen eine schwimmende Kirche. Und in den seltsamen, quadratischen Holzkästen, die neben einigen Häusern schwimmen, stapeln sich die lebendigen Krokodile. Kein Witz, die züchten sie hier.

Nach etwa sieben Stunden wird die Besiedelung wieder spärlicher. Links und rechts gibt es nun nur noch Wasserpflanzen, die müde in unserer Bugwelle schwappen. Und dann wird der Horizont auf einmal weit – wir sind am Tonlé Sap-See angekommen.

Der Tonlé Sap-See ist ein besonderer See. Aus ihm fließt der Tonlé Sap-Fluss ab, der in Phnom Penh in den Mekong mündet. Hat der Mekong Hochwasser wegen Monsun und der Schneeschmelze im Himalaya, wechselt der Fluss seine Fließrichtung (!!!). Dann drückt es riesige Wasssermassen in den See. Statt drei Metern ist er dann 14 Meter tief und bedeckt ein Drittel der kambodschanischen Landwirtschaftsflächen. Die Wassermassen bringen so viel Fisch mit sich, dass der Tonlé Sap als einer der fischreichsten Seen der Welt gilt. Dieses Phänomen findet im Juni statt, im November fließt das Wasser langsam wieder ab. Der absolute Wahnsinn. Und jetzt stellt euch mal vor, was passiert, wenn die Laoten ihre Staudammprojekte am oberen Mekong beenden.

Jetzt liegt der Tonlé Sap jedenfalls spiegelglatt vor uns. Wir überqueren ihn relativ weit nördlich, was bedeutet, dass wir das südliche Ende nicht sehen können. Es fühlt sich fast an, als wären wir auf einem Meer. Nach einer Stunde verlassen wir den See wieder und fahren über einen kleinen Zufluss nach Siem Reap.

4 Responses to Battambang – Everyday life

  1. Biggi sagt:

    Tolle Erlebnisse! Aber warum fährt das Bild dauernd rauf und runter, auch wenn man den Computer gar nicht berührt? Das nervt etwas.

  2. Laszlo Bencker sagt:

    diese Flussvenedig muss super-interessant sein! Bussi!

  3. […] Irgendwann versetzt uns das regelmäßige Tuckern des Motors in Trance und wir schlafen alle auf unseren Liegen ein. Der Kapitän findet uns so vor, als wir den nächsten Programmpunkt anfahren und ist sehr amüsiert von unserem augenscheinlichen Desinteresse an einer der spektakulärsten Landschaften Südostasiens. Das vor uns liegende schwimmende Dorf strotzt vor Vietnamflaggen und ist wirklich sehr idyllisch gelegen. Für Malte und mich ist es nicht das erste Mal, dass wir eine solche Siedlung sehen – und die in Kambodscha auf dem Inlé-Fluss war einfach noch beeindruckender. […]

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