Kratie – Endlich am Mekong

Mekong-Kitsch

30. Mai 2015 • Kambodscha, Südostasien • Views: 5397

30.12.2014

Kambodschas Busse werden mir einfach nicht sympathisch. Im letzten Bus von Phnom Penh nach Battambang gab es eine kleine Familie mit tyrannischem Vater, die außerdem eine kleine Hundewelpe in einer Stofftüte unterm Sitz verstaut hatte. Das arme Ding jaulte die ganze Fahrt und kämpfte sich in einer Fahrtpause mühsam von selbst aus seinem Gefängnis – und pinkelte auf den Boden. In unserem aktuellen Bus von Siem Reap nach Kratie sind Kühlschranktemperaturen und ohrenbetäubend laute, kambdoschanische Liebesschnulzen angesagt. Kein Witz. Ich trage Oropax während der Fahrt.

Zum Glück werden wir nach nur drei Stunden gebeten, den Bus zu wechseln. Der ist zwar ein recht voller Minibus, dafür kann man die Klimaanlage hier selbst einstellen und Musik läuft nur ganz leise. Einer der Passagiere ist ein buddhistischer Mönch. Auf den ersten Blick sieht er sehr spirituell und erhaben aus. Als er aussteigt, zückt er ohne Umschweife sein Samsung Smartphone aus der schicken Outdoorjacke unter seinem Tuch – und zündet sich eine Zigarette an.

Auf diesem Abschnitt der Reise lernen wir Stefan und Martina kennen. Die beiden sind seit 1 ½ Jahren auf Weltreise und gerade von Südamerika nach Asien gekommen. Wir gehen abends noch gemeinsam etwas trinken und philosophieren über die Sinnsuche auf einer solchen Reise und ob man überhaupt zu einem Ergebnis kommen kann, so lange man unterwegs ist. Ich erinnere mich an meine Zeit in Australien und daran, dass ich die Effekte dieser Reise erst so richtig gespürt habe, als ich wieder nach Hause gekommen bin. Der Tag hat uns alle jedoch ziemlich geschlaucht, weshalb wir früh ins Bett gehen.

 

31.12.2014

Wir unternehmen tagsüber nicht viel. Siem Reap steckt uns in den Knochen. Ich verbringe die meiste Zeit auf unserer sehr netten Dachterrasse mit Bloggen. Abends leihen wir uns einen Roller und fahren ein wenig den Mekong entlang. Stimmt, habe ich ja noch gar nicht erwähnt: Wir sind jetzt am Mekong! Einer der größten Flüsse der Welt! Ich habe vor unserer Reise ein Buch von Andreas Pröve gelesen, der querschnittsgelähmt ist und den Mekong vom Delta in Vietnam bis zur Quelle in China mit seinem Handbike abgefahren ist. Seitdem freue ich mich auf den Fluss, den wir nun endlich erreicht haben. Wir werden ihm nun von Kratie bis Luang Prabang in Nordlaos folgen.

Zurück in Kratie, stellen wir unseren Roller an der Flusspromenade ab und kaufen uns ein Eis. Es ist richtig was los für die 38.000-Einwohner-Stadt. Wenig später wissen wir auch, warum: Es ist Zeit für die in ganz Kambodscha bzw. Südostasien beliebte Freiluftaerobic. Wir haben sowohl in Bangkok (Lumphini-Park) als auch in Phnom Penh (Olympiastadion) und Siem Reap (vor einem Regierungsgebäude) mehrere hundert Menschen zu den Instruktionen eines dynamischen Vortänzers beim Abendsport beobachtet. Hier in Kratie sind es nur etwa 30, dafür Damen jeden Alters – und Malte und ich. Ich liebe Choreographien tanzen. Sachen wie Zumba, HipHop oder Tae Bo machen wir großen Spaß und ich habe selten Schwierigkeiten, mir die Abläufe zu merken. Also hopse ich bald breit grinsend mit den anderen Frauen über die Promenade. Malte… kann sich Choreographien nicht so gut einprägen, sagen wir es so. Er gibt irgendwann auf und macht Fotos.

Aerobic

Aerobic

Nach Ende der Stunde schlendern wir zurück zu unserem Motorrad, vorbei an einer Gruppe Jugendlicher, die mit einem federballartigen Hackysack spielen. Sie grinsen uns die ganze Zeit an, bis wir zurückgrinsen. So schnell können wir gar nicht schauen, stehen wir schon mit im Kreis und schlagen den Ball mit Händen und Füßen in die Luft. Einmal katapultiere ich das Ding über die Balustrade und hinab ans Ufer des Mekong. Der führt Gott sei Dank kein Hochwasser und einer der Jungs flitzt und holt den Ball wieder. Mir ist das furchtbar peinlich, aber die Jungs und Mädels sind zuckersüß und wenig später schlägt auch einer von ihnen den Ball in die Dunkelheit.

Wir bringen unser Motorrad schnell zurück zum Verleiher und machen uns auf den Weg, um eine Party zu finden. Immerhin ist heute Silvester. Im tosenden Leben von Kratie werden wir nach gar nicht so langer Zeit fündig: In einer Bar, die ganz nett aussieht, hocken ganze fünf Leute an einem Tisch. Wir setzen uns an den Nachbartisch und nach einer Weile wachsen die Tische dann zusammen. Es tauchen noch mehr Menschen auf, alle im gleichen Alter und alle auf der Suche nach dem Puls des Lebens in der Mekongmetropole. Um 12 sind wir tatsächlich 20 Leute plus der Besitzer der Bar und seine Freunde, und wir stoßen an auf ein gutes Jahr 2015. Gegen halb 2 löst sich die Party auf und wir taumeln durch die mit Freude und Leben geschwängerten Straßen Kraties nach Hause. Hier ein paar Beweisfotos:

 

01.01.2015

Neues Jahr, kein Elan. So klein die Party war, nüchtern geblieben sind wir auf keinen Fall. Daher kommt es uns sehr recht, dass unser Guest House ein gutes Frühstück serviert und wir mit einer netten Amerikanerin und einem Briten ins Gespräch kommen – bis in den Nachmittag hinein. Erst dann können wir uns aufraffen und nehmen die Fähre auf die Mekonginsel Don Kong. Sie ist Teil des Mekong Discovery Trails, ein Projekt, um den Mekong nachhaltig für den Tourismus attraktiv zu machen. Der Trail geht von Kratie bis zur laotischen Grenze und kann fast komplett mit dem Mountainbike befahren werden. Einen Teil muss man paddeln. Unser ursprünglicher Plan war es, uns an dem Trail zu versuchen. Leider haben wir dann festgestellt, dass dieses Unternehmen ein bisschen mehr Planung erfordert als einfach hinfahren. Daher sehen wir uns heute diese wirklich reizende Insel auf dem Rad an und fahren morgen weiter nach Laos.

  • Radtour auf der Insel
    Radtour auf der Insel
  • Reisfelder
    Reisfelder
  • Idylle
    Idylle
  • Wo ist Malte
    Wo ist Malte
  • This guy loves his girlfriend
    This guy loves his girlfriend
  • Anlegestelle
    Anlegestelle
  • Fähre
    Fähre
  • Rockn Fuel
    Rockn Fuel
  • Schon wieder Kitsch
    Schon wieder Kitsch

 

02.01.2015

Hatte ich bereits erwähnt, dass ich Bus fahren in Kambodscha hasse? Der heutige Minibus mach leider keine Ausnahme. Wir werden mit 21 weiteren Menschen in einen für elf Personen ausgelegten Minibus gepfercht. Wir sehen Stefan und Martina vor ihrem Guest House auf unseren Bus warten – leider haben sie keinen Platz mehr auf dieser Fahrt und müssen auf den nächsten Bus warten. Sie stehen ein wenig fassungslos da und sehen unserem Bus nach, als wir Richtung laotische Grenze aufbrechen.

Ausgebucht

Ausgebucht

Wenigstens gibt es heute keine Tierquälerei oder Lärm. Dafür ist die Straße in einem katastrophalen Zustand. Unser Busfahrer gibt sich alle Mühe, um die Fahrt so angenehm wie möglich zu gestalten. Hier im kambodschanischen Hinterland interessiert sich jedoch kein Mensch mehr für eine intakte Infrastruktur. Das sieht zwischen Phnom Penh, Siem Reap und Koh Kong ganz anders aus. Nach ein paar Stunden Rückenfolter erreichen wir Stung Treng, wo wir bei einem Restaurant abgesetzt werden – der nächste Bus kommt in 4 Stunden. Davon wurde uns vorher nichts gesagt.

Im Sauseschritt

Im Sauseschritt

Ziemlich angefressen machen wir uns mit unserer neuesten Busbekanntschaft, Antonio aus Chile, auf den Weg in die Innenstadt. Wir gehen etwas essen und schauen uns auf dem Markt um. In Stung Treng ist nicht besonders viel geboten. Auf dem Rückweg verlaufen wir uns ein wenig und sind froh, dass der Bus noch nicht da war, als wir das Lokal wiederfinden.

Nach 1 ½ weiteren Stunden Fahrt erreichen wir endlich die Grenze. Und hier sitzen wir alle, 30 Leute aus aller Herren Länder, die an dieser Grenze gesammelt wurden, einer riesigen Abzocke auf. Der freundliche Herr von der „Busfirma“ bittet uns, ihm unsere Pässe zu geben und ein Formular auszufüllen. Er erledigt die Visumssache für uns, sagt er. Also füllen wir alle brav unseren Visumsantrag aus, legen ein Foto bei (mein verschleiertes Bild aus dem Iran ist kein Problem) und warten eine weitere Stunde darauf, dass wir unseren Pass wiederbekommen. In der Zwischenzeit verlangt der freundliche Herr 40 Dollar von uns, 50 Dollar von Albert, dem Kubaner, 20 Dollar von den Vietnamesinnen. Antonio und wir haben in der Zwischenzeit Lunte gerochen und versuchen, den Gangster und seine Wucherpreise zur Rede zu stellen. Der blockt eloquent alles ab und uns bleibt nichts übrig, außer stocksauer zu sein. Wir sind inzwischen eine Gruppe von neun Leuten, alle auf dem Weg nach Don Dhet in Laos, alle versierte Reisende. Wir können es nicht fassen, dass wir uns so haben reinlegen lassen! Wenn man sich sein Visum selbst holt, kostet es 30 Dollar, egal woher man kommt.

Irgendwann bekommen wir endlich unsere Pässe zurück und machen uns auf den kurzen Fußmarsch über die Grenze. Auf der anderen Seite wartet unser Bus. Macht man den Grenzübergang ohne durchgebuchtes Busticket, kann es sein, dass auf der anderen Seite kein Bus auf einen wartet. Mafia.

Und dann endlich: Ziel erreicht, der Anlegehafen, von dem aus die Boote nach Don Dhet übersetzen, ist erreicht. Eine letzte Abzocke erwartet all die Leute, die in ihrem Guest House kein Bootsticket mitgebucht haben: Ein weiterer Dollar pro Person ist fällig. Zum Glück bleibt uns wenigstens das erspart, unser Ticket hat die richtige Farbe. Ausgenommen wie die Weihnachtsgänse erreichen wir das Backpacker-Paradies Don Dhet – ärmer als vorher, aber dafür mit einer Gruppe eingeschworener Freunde, mit denen wir hier eine großartige Zeit haben werden.

One Response to Kratie – Endlich am Mekong

  1. Laszlo Bencker sagt:

    lustig, lustig! Ärgerlich, ärgärlich! Spannend, spannend! Neid, Neid!! 🙂

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