4000 Islands – Das lebende Klischee

Bikeclique

6. Juni 2015 • Laos • Views: 6245

03.01.2015

Wir werden von ohrenbetäubendem Geknatter geweckt. Unser Bungalow steht auf Stelzen und ragt über das Mekongufer hinaus. Daher sind hören sich die vorbeifahrenden Boote mit ihren Dieselmotoren so an, als würde der Fluss durch unser Zimmer hindurchfließen. Also stehen wir gemächlich auf und entdecken beim verträumt über den sonnigen Mekong-Blicken die Grenzcrew von gestern. Sie wohnen anscheinend nebenan und sind bereits beim Frühstück. Wir gesellen uns zu ihnen und bestellen eine sehr gute Frühstückssuppe, heute mit Schwein. Es wird fröhlich geratscht und gelacht, die Morgensonne ist um diese Uhrzeit, halb neun, angenehm schwach. Wir haben unsere Suppe kaum aufgegessen, wird uns der erste… nun, wie nennen wir dieses sehr zentrale Element des heutigen Tages am besten? Es ist schwierig, es aus unserer Erzählung auszulassen, daher brauchen wir unbedingt ein Codewort, bei dem die Justiz nicht hellhörig wird. Nennen wir es Lobster. Ja, Lobster ist super! Also, nach dem Frühstück wird uns ohne Umschweife der erste Lobster gereicht, den wir nach kurzem Innehalten gerne annehmen. Ich glaube, so früh morgens habe ich seit Wacken 2009 nicht mehr Lobster gegessen.

Blick vom Balkon

Blick vom Balkon

Don Dhet ist die Verkörperung des Aussteigertraums. Die Insel ist Teil der 4000 Islands, einer Inselgruppe an der laotisch-kambodschanischen Grenze im Mekong. Recherchiert man im Internet über die 4000 Islands, findet man Artikel, Blogbeiträge und Reiseführerseiten, die von der verkifften Hippiehölle bis zum neuen gelobten Land des Backpackertourismus in Südostasien berichten, seitdem Thailand zu teuer geworden ist. Auf der Insel reiht sich Guesthouse an Bar. Es riecht überall nach Lobster. Auf den Fruit Shake-Menüs gibt es fast immer auch eine Happy Shake-Option. Da ist dann Lobster drin. Für den kommerzaversen Traveller klingt das nach einem ziemlichen Albtraum, vergleichbar mit Koh Phi Phi oder Full Moon Parties. Wir waren anfangs auch eher skeptisch, ob wir uns hier wohl fühlen würden. Zum Glück wurden wir mit diese Haufen wunderbarer Leute gemeinsam an der Grenze über den Tisch gezogen, so dass wir heute in den Genuss eines wirklich tollen Tages kommen.

Wir sind eine Gruppe von neun jungen Menschen. Sie reisen fast alle allein, nur Anabel und ihr Freund (beide aus Frankreich) sind wie wir gemeinsam unterwegs. Ansonsten gibt es noch Antonio, unser chilenischer Freund aus Stung Treng, der Yogalehrer ist und bald von Basel nach Stockholm zieht, Albert aus Kuba, der in Italien lebt, Silva aus Frankreich, den wir aufgrund seiner Fotografierwut bald Pietro Paparazzi nennen, Sarah aus Brasilien, die ein fantastisches Tattoo auf ihrem Arm hat und Chan aus Myanmar, der mit einem norwegischen Pass reist und fünf Jahre mit der studentischen Widerstandsarmee in den Dschungeln seiner Heimat gelebt hat und nun Dokumentarfilme dreht. Er sagt übrigens Burma.

Mit dieser lustigen Truppe heuern wir als Erstes den Kumpel des Guesthouse-Besitzers als Bootsmann an. Er soll uns mit seinem Kahn ein bisschen auf dem Mekong zwischen den 4000 Inseln herumfahren. In Wirklichkeit sind es gar nicht 4000, aber der Name ist alt und es sind wirklich sehr viele kleine grüne Oasen, die sich überall aus dem Mekong erheben. Auf der Fahrt essen wir zwei, drei Lobster und irgendjemand hat seinen Minilautsprecher für Musik dabei. Unser Ziel ist eine Sandbank mit einer Erhebung, auf der Mönche Pflanzen anbauen. Hier springen wir ins gar nicht so warme Wasser und lassen uns von der überraschend starken Strömung treiben. Es ist herrlich, so voller Lobster in diesem majestätischen Fluss zu treiben.

Als wir uns den Hügel mit der kleinen Hütte und den Pflanzen genauer ansehen wollen, kommen freundliche Mönche und Frauen auf uns zu und zeigen den Jungs das Innere der Hütte und den Garten. Ich bin nur mit einem Bikini bekleidet und halte daher Abstand. In Laos sind die Frauen sehr konservativ, wenn es um Badebekleidung geht. Sie selbst baden entweder im Sarong oder zumindest einem langen T-Shirt. Es stört sie, wenn europäische Frauen sich nicht daran halten. Vor lauter Lobster habe ich das allerdings vergessen und verstecke mich daher lieber vor ihren Blicken.

Danach geht es zurück auf Don Dhet, unsere Heimatinsel. Nun leihen wir uns Räder bei unserem Guest House aus und fahren erstmal was essen. Natürlich gibt es auch zum Mittagessen Lobster. Der Besitzer der Bar stellt uns Logikrätsel. Ich löse eines als erste und erhalte ein Freigetränk. Nachmittags radeln wir auf die Nachbarinsel, die mit unserer durch eine Brücke verbunden ist. Hier gibt es einen spektakulären Wasserfall und eine weitere Möglichkeit, baden zu gehen. Abends essen wir in der Happy Bar gemeinsam zu Abend und lassen selbigen bei den letzten paar Lobstern entspannt ausklingen.

  • Der Kitsch ist nicht zu stoppen
    Der Kitsch ist nicht zu stoppen
  • Irrer Wasserfall
  • Rauschende Fälle
  • Das Wasser hat sich seinen Weg geschaffen
  • Schon wieder ruhig
  • Mondscheinsonate
  • Studie in Rosa

Auf eine typische Backpackertruppe zu treffen und mit ihr diese typischen Backpackerdinge zu unternehmen, ist zumindest für uns ein sehr ungewöhnliches Ereignis. Dieser Tag auf den 4000 Islands war der bisher klischeehafteste Traveller-Tag unserer gesamten Reise. Klar, wir haben bereits viele Leute kennen lernen dürfen, von unseren türkischen Hosts über die Overland-Clique im Iran bis hin zu mehreren Paaren in Südostasien. Trotzdem ist es als Paar immer schwieriger, Anschluss an lauter Einzelreisende zu finden. Man schläft normalerweise nicht in Dorms, sondern Doppelzimmern. Während die anderen trinken gehen, schaut man lieber einen Film. Wenn man sich mal in eine Bar begibt, kommt man irgendwie auch nur selten ins Gespräch mit den fünf Leuten nebenan, die sich alle gerade erst kennen lernen. Im Prinzip also das genauso wie daheim. Daher ist dieser Tag für uns ein Highlight unserer gesamten Reise. Hätten sich unser französischer Paparazzo und unser burmesischer Dokumentarfilmer zusammengetan und einen Beitrag über die Backpackerkultur in Laos gedreht, wäre diese Gruppe der Traum aller daheim gebliebenen Zuschauer gewesen. Wir alle haben die Dynamik unserer Gruppe immer wieder kaum glauben können. Wir werden alle oft an heute zurückdenken, davon bin ich überzeugt.

Der Lobster hat bestimmt auch geholfen.

04.01.2015

Großes Verabschieden ist heute leider der erste Punkt auf der Tagesordnung: Fast alle unserer Gruppe reisen heute weiter Richtung Pakse. Wir haben ein wenig mehr Zeit als die Berufstätigen und lassen daher noch einen Tag die Seele baumeln. Vor unserem Bungalow hängen zwei Hängematten, die wir ausgiebig benutzen. Nachmittags bewegen wir uns in eine der zahlreichen Chill-Bars auf der Insel, schauen uns Family Guy-Folgen an und trinken Fruit Shakes. Abends gehen wir früh ins Bett.

Der Lobster hat hier heute nichts verloren.

One Response to 4000 Islands – Das lebende Klischee

  1. Ich glaub ich fahr dann mal nach Laos. Oder Burma. Oder beides.

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