Kuala Lumpur – Totales Versagen in Klein-Dubai

4. September 2015 • Malaysia • Views: 4314

09.02.2015

Nach einem unaufregenden Flug und einer sehr angenehmen Busfahrt, auf der wir uns mit ein paar aufgeschlossenen Filipinas unterhalten, kommen wir in Kuala Lumpur an. Wir haben hier zum ersten Mal ein Dorm gebucht, da uns die Doppelzimmer unbezahlbar teuer vorkommen. Wir werden in einen fensterlosen Raum mit Klimaanlage und Stockbetten geführt.

Es war wirklich sehr günstig.

Wir beschließen, uns nicht länger aufhalten zu lassen und gehen in irgendeine Richtung los auf Essenssuche. Wir werden recht schnell fündig. Um die Ecke unseres Hostels befindet sich eine chinesisch-malaysische Fressmeile, in der um die Kunden mit den in Südostasien üblichen Taktiken („look sir, good price, good price!“ geworben wird. Wir entscheiden uns für das einzige Restaurant, das uns in Frieden gelassen hat und bekommen fantastisches chinesisches Essen serviert, das keine Wünsche offen lässt. Eine Wohltat nach zwei Monaten Pad Thai, Basil Pork und Suppe.

Pappsatt machen wir uns auf zu einem Verdauungsspaziergang zu den Petronas Towers. Die sind in einer Stadt, die versucht, wie Dubai zu sein, das architektonische Highlight der Moderne. In ihnen befindet sich – Überraschung – eine Edelmall und Büroräume. Abends werden sie von außen schick beleuchtet und wir sind nicht die einzigen, die aus dem kleinen Park vor den Towers ein Bild von ihnen zu schießen. Wir werden dabei von zwei Malayen angesprochen: „Where are you from? What is your job?“ Alles klar, wir sind wieder in einem muslimischen Land.

Petronas Towers

Petronas Towers

Auf dem Rückweg kucken wir uns noch ein paar weitere Malls an, die aber alle nichts Besonderes sind. Bisher haut Kuala Lumpur uns nur kulinarisch von den Socken.

10.02.2015

Nach unserem Inklusivfrühstück (Toast und Marmelade) steigen wir in die Magnetschwebebahn, die sich durch Kuala Lumpur schlängelt und einen sehr futuristischen Charme hat. Sie bringt uns nach Chinatown, ein Viertel, das man laut Reiseführer unbedingt gesehen haben sollte.

Wir finden auf Anhieb ein sehr hübsches traditionelles Haus, das wir auch von innen besichtigen dürfen. Hier wird der Unterschied zum südostasiatischen Buddhismus deutlich. Die Chinesen arbeiten weniger mit Gold, dafür mit starken Farben. Drachen sind allgegenwärtig.

Chinesisches Haus

Chinesisches Haus

Der Rest des Viertels ist relativ unaufregend. Wir finden einen kleinen Market, der teilweise mit Plexiglas überdacht wurde und als Shopping-Mekka angepriesen wird. Ich kaufe mir in einem Laden eine neue Sonnenbrille und erhalte obendrauf noch eine Mandarine. Es ist Chinese New Year und kein Kunde darf ohne Essen den Laden verlassen. Das ist doch mal nett!

Danach laufen wir weiter durch die Stadt. Wir entdecken ein paar hübsche Gebäude, teilweise aus der Kolonialzeit, teilweise sehr modern. Unter anderem finden wir einen indischen Tempel auf einer Halbinsel im Fluss, den wir aber nicht besichtigen. Wir sind immer weniger aufnahmefähig und unsere Vorfreude auf Australien und Neuseeland wächst mit jedem Tag mehr.

Direkt an Chinatown schließt sich Little India an, wo wir etwas essen gehen. Wir erhalten eine riesige Portion Biryani, die zum Hinknien lecker ist. Kochen können hier also auch die Inder.

Nachmittags entdecken wir einen großen Platz, der offenbar für Paraden angelegt wurde. Malte tobt sich ein bisschen mit seiner Kamera aus, während ich im Schatten der Hitze zu entfliehen versuche.

Nach einer kurzen Zugfahrt nach KL Sentral, dem Hauptbahnhof, von dem aus auch unser Bus zum Flughafen fahren wird, erkunden wir noch die Gegend um den Bahnhof. Wir befinden uns in einem weiteren Inderviertel, in dem allerdings nichts Spannendes stattfindet.

Wir haben von anderen Reisenden gehört, das Kuala Lumpur ein guter Ort ist, um Technik zu kaufen. Bisher haben wir in den Malls nur Kleidung und einen ganz netten Musikladen entdeckt. Von technischen Schnäppchenpreisen keine Spur. Heute Abend laufen wir dann rein zufällig in eine ganze Mall nur für Computer, Handys und Tablets. Sie sieht ziemlich cool aus und wir verbringen mehrere Stunden mit dem Vergleichen verschiedener Angebote. Malte überlegt schon seit Monaten, ob er sich ein Tablet kaufen will. Am Ende schlägt er aber doch nicht zu.

Wir kehren relativ früh zurück in unser Hostel, da wir am nächsten Morgen recht früh zum Flughafen fahren müssen. Wir checken nochmal genau, wann wir mit der Schwebebahn fahren müssen, um den Bus auf jeden Fall rechtzeitig zu erwischen. Wir möchten genug Zeit haben, um entspannt einzuchecken und einen Puffer für Verspätungen haben. Erst dann gehen wir in unser Zimmer, wo wir uns noch nett mit einem Deutschen unterhalten, der gerade aus Australien kommt.

11.02.2015

Um 07:00 fahren wir mit dem Bus zum Flughafen. Es ist eine angenehme Fahrt ohne Stau – wunderbar, dann haben wir auf jeden Fall genug Zeit, um uns am Flughafen mit Getränken und ein paar Snacks einzudecken. Gefrühstückt haben wir auch noch nicht, das wollen wir dort auch noch machen. Immerhin dauert der Flug nach Australien acht Stunden, und wir haben uns für eine Billig-Airline entschieden. 200 Euro für einen Interkontinentalflug – das kann man nicht ignorieren.

Wir stellen uns am Check-In-Schalter an, E-Ticket und Pässe bereit. Die freundliche Dame heißt uns zum Flug willkommen und liest meinen Pass ein. Sie blickt irritiert auf ihren Bildschirm.

„Do you have a visa?“

Do I have a visa? Mir bleibt das Herz stehen. Ich sehe Malte an, der genauso ratlos ist wie ich. Erhält man in Austalien kein Visa on Arrival als Deutsche?

Die Dame bedauert, nein, man müsse sich im Vorfeld für ein Touristenvisum bewerben, dessen Ausstellung bis zu zwei Wochen dauern kann. Ich verliere endgültig die Fassung. Wie konnten wir das nicht wissen? Warum haben wir uns nicht informiert? Normalerweise wissen wir über alle Visumsbestimmungen eines Landes Bescheid. Da wir in Australien nur eine Woche sein werden, haben wir hier offenbar beide das Hirn ausgeschaltet und uns überhaupt nicht informiert.

Da stehen wir nun also, gestrandet in Kuala Lumpur. Die Check-In-Dame fühlt sichtlich mit uns und schlägt vor, dass wir uns schnell mit unseren Smartphones für eines bewerben sollen. Sobald wir eine Bestätigungsmail erhalten, dass wir im System sind, würde sie uns trotzdem an Bord lassen.

Malte und ich zücken unsere Handys und fangen an, wie besessen unsere Details in das Formular einzugeben. Die Australier wollen eine ganze Menge von uns wissen und wir fluchen, dass unsere Bildschirme so klein sind. Die Zeit läuft, bald wird der Check-In geschlossen.

Ich bin als erste fertig und drücke mit einem Triumphschrei den Send-Button. Die Seite lädt.

Und lädt. Und lädt.

Error.

Wie, Error? Muss ich das alles nun nochmal eingeben? Auch bei Malte klappt es nicht. Wir sind inzwischen in Panik und fahren uns gegenseitig an, sich verdammtnochmal zu beeilen. Mit den Smartphones kommen wir nicht weiter. Wir lassen uns von der Dame zum nächsten Computer weisen und rennen durch die Abflughalle zur Business Lounge. Für teures Geld erstehen wir zwei Internetpässe und hacken unsere Details, diesmal auf einer echten Tastatur, in das Formular. Error. Error. Error. Es geht nicht! Die Seite funktioniert nicht!

Ich hänge parallel an meinem deutschen Handy und telefoniere mit der Botschaft in Kuala Lumpur. Die Dame dort ist sehr verbindlich und versucht, herauszufinden, was genau nicht funktioniert. Unsere Anträge sind noch nicht im System, in Australien schläft alles noch.

Dann ist es 10 Uhr und der Super-GAU lässt sich nicht mehr verhindern: Wir verpassen unseren Flug. Und es ist zu einhundert Prozent unsere Nachlässigkeit gewesen. Wir sind am Boden zerstört und richten unsere Wut auf den anderen. Wie sollen wir Malaysia jemals verlassen, wenn wir kein Visum beantragen können? Ich schicke noch ein paar E-Mails an alle möglichen Adressen der australischen Einwanderungsbehörde, dass sie ihre Seite reparieren müssen. Danach gehen wir frühstücken.

Wir verbringen den ganzen Tag am Flughafen und versuchen wieder und wieder, ein Visum zu beantragen. Unser Flug ist nicht der einzige nach Australien und wir hoffen, dass wir vielleicht einen späteren nehmen können. Dann fahren wir halt nicht von Brisbane nach Sydney, sondern vielleicht von Melbourne oder sogar Perth. Hauptsache, wir kommen auf diesen Kontinent!

Erst um 5 Uhr nachmittags erhält Malte auf einmal eine Bestätigungsseite und eine E-Mail. Es geht wieder! Ich schicke meine Bewerbung auch ab und – tadaa – erhalte ebenfalls eine Bestätigung. Endlich! Wir rennen zum Air Asia-Schalter und zeigen unsere Mails. Sie bitten uns, wiederzukommen, wenn wir das Visum tatsächlich haben. Ich kann meine Wut kaum zurückhalten. Die Dame am Hilfeschalter ist das Gegenteil ihrer Kollegin am Check-In. Das bemerken nicht nur wir, sondern auch der nette Chinese hinter uns.

Wir wissen inzwischen zum Glück, dass es normalerweise nicht besonders lange dauert, bis das Visum bestätigt ist. Es kann innerhalb von einer Stunde bestätigt werden, maximal dauert es meistens 24. Wir sind deshalb noch am Flughafen, um umgehend einen neuen Flug buchen zu können. Und siehe da, eine halbe Stunde später sind wir im System.

Der nächste Flug Richtung Gold Coast fliegt erst morgen Abend, über Nacht. Er ist der günstigste der Flüge nach Australien und kostet uns pro Kopf weitere 400 Euro. Das tut weh. Was für ein Lehrgeld! Zu allem Überfluss ist Maltes Kreditkarte am Limit und meine neue noch in Deutschland. Der Kerl am Hilfeschalter kann uns kaum ansehen, so leid tun wir ihm. Ich rufe in Deutschland an und lasse mir von meinem Vater die Details meiner neuen Karte durchgeben. Mit denen funktioniert es dann glücklicherweise.

Erschöpft, geknickt und arm verlassen wir den Flughafen und fahren zurück in die Stadt, wo wir in einem Hotel in Bahnhofsnähe absteigen und nach einem weiteren fantastischen indischen Abendessen Runaway Bride im Fernsehen schauen.

Kartoffelgesichter

Kartoffelgesichter

12.02.2015

Wir schlafen heute aus. Unser Hotelzimmer ist ziemlich luxuriös im Vergleich zum Dorm – Doppelbett, Ensuite-Bad mit Regenwalddusche, Fernseher, Fenster. Aufgrund eines Informationsfehlers bei Agoda haben wir das Zimmer außerdem um die Hälfte günstiger erhalten. Wir wollten eigentlich in ein Hotel mit Pool, es stellte sich jedoch beim Einchecken heraus, dass es keinen hat. Auch okay, zehn Euro für drei Sterne ist wirklich ein Schnäppchen. Vor allem nach gestern. Oh Gott, bloß nicht an gestern denken.

Wir machen uns einen schönen Tag in der KL Sentral Mall, in der ich mir eine Short und ein paar Trekkingschuhe kaufe. Ich habe so ein Gefühl, dass ich die in Neuseeland gut gebrauchen kann. Nachmittags gehen wir außerdem in die Time Square Mall, ein Mammuteinkaufszentrum, das wir nicht mehr ganz besichtigen können. Was wir allerdings finden, ist bizarr: Die Mall beherbergt einen Vergnügungspark, inklusive Achterbahn. Indoor! Kein Mensch ist hier und wir sind am Ende auch zu geizig, aber die Achterbahn ist der endgültige Beweis, dass Kuala Lumpur wirklich wie Dubai sein möchte. Die spinnen, die Malaysier.

Nachmittags steigen wir wieder in den Flughafen-Bus. Wir gehen zum Check-In-Schalter. Wir zeigen unsere Pässe.

Die Dame zuckt nicht mal mit der Wimper. Innerhalb von fünf Minuten verschwinden unsere Taschen auf dem Gepäckförderband und wir halten unsere Boardingpässe in der Hand. Es hat alles geklappt, wir dürfen ausreisen!

Als wir das Flugzeug betreten, verfliegt die Freude relativ schnell wieder. Wir fliegen über Nacht, acht Stunden – in einer Tagesflugmaschine. Die Sitze sind asiatisch eng. Sie lassen sich nicht richtig zurücklegen. Wir erhalten weder Decken noch Kissen. Neben mir sitzt ein schreiendes Kleinkind. Scheiße.

Wenigstens hört das Kind nach dem Start das Schreien auf und pennt bis zur Landung durch. Die Mutter hat ihr garantiert was in die Milch getan. Ich danke ihr innerlich und versuche, ihr meinen europäischen Hintern nicht zu sehr in die Seite zu drücken.

Ein bisschen muss ich geschlafen haben, denn auf einmal geht das Licht an und wir werden dazu aufgefordert, unsere Gurte wieder anzulegen. Malte sieht aus, wie ich mich fühle. Dies war der mit Abstand schlimmste Flug der Reise bisher. Nie wieder Billig-Airline auf Langstrecken. Vor allem nicht für 600 Euro.

Die Einreise geht zügig und unkompliziert. Da die Australier sehr paranoid sind, mussten wir im Flugzeug eine Einreisekarte ausfüllen, auf der wir alle organischen Produkte angegeben haben. Daher werden wir noch vom Zoll aufgehalten, die Maltes Trekkingschuhe desinfizieren und meine Ukulele begutachten. Malte wird ein Souvenir aus dem Iran, ein schöner Holzbleistift mit Borke, abgenommen. Der freundliche Zollbeamte erklärt uns, dass in der Borke schädliche Käfer ihre Eier abgelegt haben könnten. Das Ganze zu überprüfen, würde uns 100 Dollar kosten. Oder wir machen ein letztes Foto vom Stift und verabschieden uns.

Der verbotene Stift

Der verbotene Stift

Nun is es endlich so weit: Nach über neun Jahren betrete ich wieder australischen Boden. Ich kann nicht umhin, Tränen in den Augen zu haben. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich tatsächlich zweimal im Leben nach Australien kommen würde. Ab jetzt ist es ein Act, nach Hause zu fliegen. Aber das wollen wir auch noch lange nicht.

Auf dem Klo ziehen wir uns um und treten mit dem Schlüssel unseres Mietautos in die Morgensonne. Wir sind da.

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