Hanoi – Reisemüdigkeit und Sozialismus

5. August 2016 • Vietnam • Views: 1530

09.02.2016

Als wir nach einem unmenschlich frühen Flug vormittags in Hanoi landen, wissen wir noch nicht, dass wir mit Vietnam im letzten Land unserer Weltreise angekommen sind. Auch, dass wir ganze zwei Wochen in der Hauptstadt zubringen werden, ist noch nicht absehbar.

Zuerst müssen wir uns mit einem sehr ruppigen, eigentlich schon unhöflichen Minibusfahrer auseinandersetzen, der uns jedoch nach überraschend kurzer Verhandlung einen fairen Fahrpreis nennt. Man muss dem Mann trotz seiner Laune zugute halten, dass er trotz des Tét, dem vietnamesischen Neujahr, arbeitet. Wie in China wird zum lunaren Neujahr das ganze Land für etwa eine Woche geschlossen. Alle fahren nach Hause zu ihren Familien, Läden schließen, die Karaoke-Anlagen werden aufgebaut und das Bier fließt in Strömen. Eigentlich ganz schön bescheuert, sich gerade diese Zeit zum Reisen in Vietnam auszusuchen.

Dafür ist kaum Verkehr auf den Straßen. Hanoi ist normalerweise genauso berüchtigt für die Armee an Motorrädern und verrückten Bus- und Lastwagenfahrern wie Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden. An diesem klaren, mit 16 Grad recht frischen Tag ist auf der Autobahn kaum etwas los und auch die Innenstadt kommt uns nicht besonders gefährlich vor. Vielleicht sind wir das Chaos aber auch nur schon gewohnt.

Wir werden mit allen anderen Reisenden, darunter ein nettes, sehr junges Paar aus Österreich, am Eingang zum Old Quarter rausgelassen und machen uns auf die Suche nach unserem Hotel. Dort angekommen, trifft uns der Schlag: Anstatt dem freundlich aussehenden Zimmer auf der Buchungsseite zeigt man uns ein fensterloses Loch, in dem Malte gerade so aufrecht stehen kann. Die Luftzufuhr wird über einen abartig lauten Ventilator geregelt. Das Licht kommt von einer Neonröhre. Der Besitzer entschuldigt sich wortreich, sein Personal hätte aus Versehen jemand anderen in unser Zimmer gesteckt, er müsse mit Aushilfen arbeiten, es sei ja Neujahr. Wir machen uns auf die Suche nach einem anderen Hotel.

Das stellt sich als recht schwierig heraus. Hatte ich erwähnt, dass Tét ist? Alle Hotels sind ausgebucht, vor allem die günstigeren. Im Old Quarter gibt es wirklich keinen Mangel an Schlafoptionen normalerweise, doch nach der fünften Absage sind die Rucksäcke langsam sehr schwer und unsere Hoffnung schwindet. Dann haben wir doch noch Glück und checken in ein sehr hübsches Altbauzimmer mit französischem Balkon ein. Der Name des Hotels ist sehr wohlklingend: Golden Luxury Boutique Hotel. Der Preis: 18 Euro pro Nacht.

Den Nachmittag verbringen wir mit einem kleinen Spaziergang durchs Viertel, bei dem wir eine köstliche Heißgetränkkreation namens „Special Tea“ entdecken. Es handelt sich hierbei um eine Mischung aus vietnamesischem Kaffee und Schwarztee mit Milch und Schlagsahne. Das ganze Café ist typisch asiatisch: Klein, sehr sauber und modern eingerichtet. Die Sonne scheint, die angenehm kühle Luft fühlt sich an wie zu Hause, was nach dem feucht-regnerischen Klima auf Bali eine echte Erholung ist. Die Kastanien, die die Straße und den See säumen, haben noch gelb-braune Blätter vom vergangenen Herbst. Hanoi befindet sich in einer gemäßigten Klimazone und jetzt, im Februar, herrscht Winter.

Zum Abendessen lassen wir uns in einem der Straßen-Grillrestaurants nieder. Hier ist alles wie gewohnt in Festland-Südostasien: Niedrige Plastikschemel und –tische, es ist viel los und die jungen Männer, die unsere Bestellung aufnehmen, sind vor allem busy und halten sich nicht lange mit Freundlichkeit auf. So mögen wir das.

Vietnamesischer BBQ ist zurecht beliebt. Er erinnert uns an den kambodschanischen Hill of Fire, den wir in Siem Reap gegessen haben. Vor uns wird ein Tischgrill platziert, die einzelnen Speisen, die wir bestellt haben, werden auf kleinen Tellern gereicht. Und dann geht die lustige Grillorgie los: Tintenfisch, Rind, kleine Pilze, diese seltsamen Bohnen und viele andere Leckereien werden über einem kleinen Feuer gegrillt und mit scharfer Sauce und Brühe verzehrt. Am Nachbarstisch sehen uns ein paar Vietnamesen amüsiert dabei zu, obwohl wir nicht das Gefühl haben, etwas falsch zu machen. Wir werden mit der Zeit lernen, dass Vietnamesen ganz generell alles lustig finden, was Europäer so machen, vor allem, wenn es etwas ist, was keine Touri-Aktivität ist, sondern für sie selbst ganz normal. Wie zum Beispiel regionale Küche essen.

Gegen Ende unseres Festmahls werden zwei weitere Touristen auf der anderen Seite unseres Tisches gesetzt. Es stellt sich schnell heraus, dass die beiden auch aus Deutschland kommen und ebenfalls heute in Vietnam angekommen sind. Wir tauschen uns über unsere ersten Eindrücke von Hanoi aus, als es hinter uns auf einmal laut wird. In der Bar auf der anderen Straßenseite scheint eine Schlägerei auszubrechen. Ganz vorne mit dabei sind nicht nur unsere Bedienungen, sondern auch zwei Frauen, die sich offenbar gegenseitig den Teufel an den Hals wünschen. Mittendrin steht ein glatzköpfiger Weißer, der durch seine bloße Präsenz die aufgebrachte Menge davon abhält, aufeinander loszugehen. Es dauert bestimmt eine halbe Stunde, bis keine Verwünschungen und die gelegentliche Bierflasche mehr durch die Luft fliegen.

Was wir an unserem ersten Tag in Vietnam lernen, ist, dass die Menschen hier deutlich selbstbewusster sind als all ihre Nachbarn – und viel extrovertierter. Das Lächeln, das einem hier auf der Straße geschenkt wird, ist nicht nur unglaublich freundlich, sondern auch offen. Und wenn ihnen etwas nicht passt, wird das sehr direkt zum Ausdruck gebracht. Vietnams Willen, das merkt man deutlich, wurde nicht in jüngster Geschichte gebrochen. Es ist eine Siegernation, ganz im Gegensatz zu Kambodscha und Laos.

10.02.2016

Nach einer relativ erholsamen Nacht (obwohl der Verkehr trotz allem doch noch laut ist) besichtigen wir vormittags den Ngoc Son-Tempel, der auf dem Hoan-Kiem-See liegt. Genau, auf. Eine schöne, rote Brücke verbindet das Ufer mit der kleinen Tempelinsel, die heute aus allen Nähten platzt. An Neujahr denkt man in Vietnam auch an die Verstorbenen und geht daher zum Beten und Spenden.

Für den Nachmittag hat Malte bereits ein paar Motorräder zum Ansehen herausgesucht. In Vietnam wollen wir nicht nur mieten, sondern gleich kaufen. Unser Plan ist, die Strecke Hanoi-Saigon komplett selbst zu fahren, wie so viele andere Backpacker hier auch. Es gibt hier eine regelrechte Szene für den An- und Verkauf von Motorrädern. In Facebook-Gruppen kann man sein Motorrad nach abgeschlossener Tour einstellen und hat es normalerweise innerhalb kürzester Zeit an den nächsten Reisenden verkauft. Die Modelle, die man am häufigsten dort findet, sind die mit Handschaltung ausgestattete Honda Win oder die halbautomatische Honda Wave/Yamaha Nuovo. Wir wollen uns dieses Mal an Bikes mit manueller Schaltung versuchen.

Auf dem Weg zum Hostel unserer Verkäufer kippt auf einmal der Boden, ich stolpere, mein Puls rast, die Angst kommt auf mich zu. Tapfer versuche ich weiter zu gehen, aber Malte bemerkt bald die Tränen in meinen Augen und fragt ganz besorgt, was los ist.

Ich kann plötzlich nicht mehr. Mir reicht’s. Das ganze Reisen, ich habe es satt. Nie mal länger als ein paar Tage am selben Ort zu bleiben, ständig neue Eindrücke, immer die selben Gespräche mit Reisenden und Locals, die ständige Suche nach Essen – ich ertrage es hier und jetzt, ganz plötzlich, einfach nicht mehr. Ich brauche eine Pause.

Wir gehen noch zum Hostel und sehen uns zwei Motorräder an, doch dann geht es für mich ohne Umwege zurück ins Hotelzimmer. Malte holt uns von draußen etwas zu Essen und den Abend verbringen wir mit der Recherche nach einer AirBnB-Unterkunft außerhalb des Touristenzentrums, in die wir uns für etwas länger einmieten können.

11.02.2016

Den Vormittag verbringe ich völlig kulturfrei in unserem Zimmer und lese. Nachmittags lasse ich mich trotz meiner Verfassung dazu breitschlagen, mit Malte zwei Motorräder anzusehen. Ich habe eigentlich keine Kaufabsicht, da ich erstmal wieder klarkommen möchte, bevor ich entscheide, ob ich wirklich bereit bin für dieses nächste Abenteuer. Vielleicht möchte ich statt Motorrad lieber ein Heimflugticket.

Vor Ort probiere ich dann eine militärgrüne Honda Win mit rotem Kommunistenstern aus. Es ist das erste Mal Handschaltung für mich, was ich zuerst ganz langsam auf dem Gehsteig übe. Sowohl der Besitzer als auch Malte sehen sich meine Bemühungen mit wachsender Sorge an. Ich lasse mich davon nicht irritieren – ich muss hier niemanden beeindrucken, sondern schalten lernen. Es passiert mir schon mein Leben lang, dass man mir den Umgang mit Transportmitteln nicht zutraut, was ich überhaupt nicht verstehe. Ich brauche vielleicht etwas länger als andere, um es zu lernen, aber bisher habe ich noch alles zum Fahren/Laufen gebracht, vom Pferd übers Snowboard bis zum Lieferwagen – und das sogar unfall- und (fast) verletzungsfrei.

Julia und ihre Maschine

Julia und ihre Maschine

Als ich mich sicher genug fühle, lenke ich das Bike in den zum Glück immer noch sehr ruhigen Straßenverkehr. Ich würge es nur ein paar Mal ab, dann habe ich auch das mit dem Neutral zwischen zwei Gängen gecheckt und fahre im Schneckentempo auf und ab. Am Ende sind wir beide stolze Besitzer zweier Honda Wins, meine in grün mit 100 cc, Maltes in schwarz mit 110 cc. Gezahlt haben wir gemeinsam 550 Dollar. So viel zu „Ich will erstmal gar nichts entscheiden müssen“. Mein sturer Ehrgeiz, diese neue Maschine zu meistern, hat sich nicht mal vom Travelblues stummschalten lassen.

12.02.2016 – 15.02.2016

Wir ziehen heute in unsere fantastische AirBnB-Wohnung um. Ich komme keine zehn Meter weit mit meinem Motorrad, als auf einmal eine kleine Rauchsäule unterhalb meines Benzintanks aufsteigt. Ich würge sofort den Motor ab und springe vom Bike – was passiert hier gerade?!

Nach einer kurzen Untersuchung findet Malte heraus, dass es offenbar einen Kurzschluss in meiner Elektronik gegeben hat, der einen Kabelbrand verursacht hat. Diesen löscht mein mutiger Mann mit bloßen Händen (er trennt das Kabel von der Batterie und drückt das schmorende Ende zusammen), während ich entgeistert die Höllenmaschine, die ich nun mein Eigen nenne, anstarre. Was für einen Scheiß habe ich mir gekauft? Werde ich die ganze Zeit von Werkstatt zu Werkstatt röcheln und Unmengen an Geld ausgeben? Ich verfluche mich dafür, dass ich nicht auf meine innere Stimme gehört und dem Motorradkauf noch etwas Zeit gegeben habe.

Ohne Blinker, dafür aber nun auch ohne weitere Zwischenfälle fahren wir durch den langsam wieder dichter werdenden Verkehr zu unserer Wohnung. Dort empfängt uns ein sehr freundlicher Mann, der uns erst eine etwas anders aufgeteilte Wohnung zeigt. Hier sind Wohn- und Schlafzimmer ein Raum, was wir aber eigentlich nicht wollten. Auf Nachfrage führt er uns dann in die andere Wohnung, die wunderschön und recht hell ist. Wir lassen uns erleichtert auf das superbequeme Bett fallen und verbringen die nächsten Tage mit Fernsehen, Lesen, Schlafen und Essen.

Einmal machen wir außerdem einen Ausflug in einen Indoor-Wasserrutschenpark, den wir menschenleer und nur halb in Betrieb vorfinden. Die Rutschen sind jedoch brandneu und muten sehr sicher an, sogar so sehr, dass wir die Fahrten fast als langweilig empfinden. Zum Glück entdeckt Malte eine Rutsche, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht und die Fahrt mit freiem Fall beginnt. Die lasse ich lieber aus, obwohl er am anderen Ende mit einem Honigkuchenpferd-Strahlen herauskommt.

16.02.2016

Ganz so lange halten wir es dann auch nicht ohne Kultur aus. Wir nutzen unseren den heutigen Tag, um ein bisschen Sightseeing zu machen.

Wir starten auf unseren Motorrädern zum Ho Chi Minh-Mausoleum, ein riesiger Paradeplatz mit einem kommunistisch-monumental errichteten Gebäude dahinter. Wenn man sich vormittags anstellen will, kann man hier sogar an Ho Chi Minhs aufbereiteter Leiche vorbeigehen, jedoch befindet sich Uncle Ho derzeit in Moskau, wo er restauriert wird. Das Ganze ist so makaber, wie es klingt. Der vietnamesische Sozialismus ist eben ein Personenkult.

Das angeschlossene Ho Chi Minh-Museum wird vom Reiseführer als eine skurrile Attraktion angepriesen, weshalb wir es uns ansehen. Drin findet man ausschließlich Propaganda, die Lebensgeschichte des Volksbefreiers mit anschaulichen Fotos und nachgestellten Szenen erzählt und ein paar interessante Geschenke anderer Staaten an Vietnam.

Danach reicht es uns auch schon wieder an Sozialismus und wir laufen zum Literaturtempel, der nicht weit entfernt liegt. Er platzt aus allen Nähten, es ist immer noch Neujahr und die Betenden lassen sich hier von ein paar begabten Kalligraphen rote Schriftstücke malen, die sie dann ihren Ahnen opfern. Es ist außerdem eine buddhistische Prozession im Gange, bei der viele Frauen verschiedensten Alters eine Zeremonie vollziehen, die ich leider nicht verstehe.

Nur ein paar Minuten nach dieser sehr spirituellen Szene kommt ein offensichtlich sturzbetrunkener, aber sehr freundlicher Vietnamese auf mich zu und möchte ein Foto mit mir. Malte entdeckt er auch und dann wird die ganze Familie in unsere Arme gedrängt zum Posieren. So exotisch sind wir uns das letzte Mal im Iran vorgekommen.

Wir runden unseren Nachmittag im Freien mit einem köstlichen Ca Phe Sua Da, Eiskaffee mit Kondensmilch, in einem der zahllosen kleinen Cafés von Hanoi ab. Den Abend verbringen wir wieder mit Filmen und im Gammelmodus. Am nächsten Morgen fahren wir in die Halong-Bucht.

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