Thai Nguyen – ein ungeplanter Glückstreffer

28. Oktober 2016 • Vietnam • Views: 1253

24.02.2016

Unsere erste größere Fahrt mit unseren Motorrädern scheint unter einem ungünstigen Stern zu stehen. Ich kann mich zwar gerade wieder einigermaßen auf den Beinen halten, als wir uns auf den Weg in Richtung Ba Be National Park machen, jedoch ist es so kalt und windig, dass wir schon nach einer halben Stunde bei einem Laden anhalten und mir einen Helm kaufen, der über die Ohren geht (und passt). Außerdem erstehen wir zwei Paar Winterhandschuhe. Eingepackt in unsere Fleecejacken, Regenjacken, Leggings und Kuschelsocken (das gilt nicht für Malte…) setzen wir unsere Fahrt fort. Wir fahren heute nur durch die smogverpesteten Vorstädte von Hanoi, vollgestopft mit Lastwägen, die sich auf den von Schlaglöchern übersäten Straßen schnaufend vorwärts kämpfen.

Nach 80 Kilometern erreichen wir Thai Nguyen, eine im Vergleich zu Hanoi kleine Stadt mit 300.000 Einwohnern. In diesem Wetter macht sie einen trostlosen, industriellen Eindruck. Wir gehen in einem Einkaufszentrum eine Suppe essen, bei der Malte sich eingesteht, dass es nun wohl an ihm ist, krank zu werden. An unserem ersten Tag on the road schaffen wir also lediglich 80 Kilometer und checken mittags in ein Businesshotel mit riesigen Zimmern, die zwei Doppelbetten enthalten. Malte schläft auf der Stelle ein und auch ich nutze die Zeit, meine tauben Zehen und Finger wiederzubeleben.

25.02.2016

Wie es der Zufall will, ist auch Thai Nguyen im Besitz eines Ethnologiemuseums, das auf Tripadvisor hochgelobt wird. Während Malte sich mit heißem Ingwertee und Halspastillen kuriert, ziehe ich allein los und hole quasi nach, was ich in Hanoi verpasst habe.

Das Museum ist sehr interessant und bis auf ein paar kichernde Studentinnen leer. Egal, wo ich hingehe, werde ich erst mit einem schockierten Blick und dann hemmungslosem Kichern begrüßt. Eine der jungen Frauen kann ihre Neugier offenbar nicht zügeln und spricht mich an. Ihr Name ist Lien und wir verstehen uns auf Anhieb. Auf meine höfliche Nachfrage, woher sie so gut Englisch spricht, verblüfft sie mich mit der Antwort, seit 4 Monaten in die Sprachschule zu gehen. Seit 4 Monaten! Nach meinen ersten vier Monaten Englisch in der 7. Klasse konnte ich kaum eine Vergangenheitsform bilden. Lien hingegen führt mich durch das komplette Museum und erklärt mir zu vielen Ausstellungsstücken die Funktion oder den Ursprung.

Das Ethnologiemuseum ist eine Vorstellung der verschiedenen Ethnien von Vietnam. Neben den Viets, die die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung stellen, gibt es Hunderte von Minderheiten, die teilweise innerhalb weniger Kilometer eine andere Sprache, Religion und Kultur pflegen. In Nordvietnam sind dies exotische Bergstämme, deren Kultur oft in China, Laos oder sogar Thailand wurzelt.

Anhand liebevoll arrangierter Schaubilder mit lebensechten Figuren, einer riesigen Sammlung verschiedener Utensilien und Kunstobjekte und den Informationen von Lien entsteht für mich zum ersten Mal, seit wir in Vietnam sind, eine Vorstellung davon, was wir in diesem Land abgesehen von alten Kriegsschauplätzen und Tempeln entdecken können. Vietnam ist ein kulturell unglaublich reiches Land, das mitnichten nur im Schatten Chinas existiert. Je weiter man nach Süden kommt, desto weniger schert sich jemand um den großen Nachbarn im Norden – und im Norden werden wir auch direkt an der chinesischen Grenze ein eigenwilliges, selbstbewusstes und stolzes Volk finden.

Und neugierig sind sie auch, diese Vietnamesen. Lien hat mit ihrer Kontaktaufnahme das Eis für all ihre Kommilitonen gebrochen und unser Weg durch die Ausstellung wird immer wieder von schüchternen Bitten um ein Foto mit mir unterbrochen. Ich erhalte am laufenden Band Komplimente für mein Aussehen und komme mir im Gegenzug vor wie ein Elefant unter Elfen.

Julia und Lien

Julia und Lien

Nach drei sehr interessanten und lustigen Stunden verabschiede ich mich von Lien und suche mir etwas zu essen. Ich finde eine Straßenküche, die aus allen Nähten platzt und darf mich zu einer Frau mit ihrer Tochter setzen. Dort hocke ich erstmal und weiß überhaupt nicht, wo ich jetzt bestellen soll und vor allem – wie. Mein Vietnamesisch beläuft sich auf Hallo und Danke. Die Mutter bemerkt meine Ratlosigkeit irgendwann und fängt einfach an, Zeug zu bestellen. Innerhalb kürzester Zeit finde ich eine Art frittierte Pfannkuchen vor mir, die ich in eine Brühe tunken soll. Dazu erhalte ich eine heiße Sojamilch – denke ich. Inzwischen sitzen wir zu fünft an dem winzigen Tisch und ich greife erst zaghaft, nach wiederholter Ermunterung durch meine Gastgeberin auch etwas herzhafter zu. Es schmeckt köstlich.

Essen mit der Familie

Essen mit der Familie

Die neunjährige Tochter spricht etwas Englisch und wir üben ein bisschen zusammen. Die Mutter platzt fast vor Stolz, als sie bemerkt, dass wir zwei uns tatsächlich unterhalten können. Ich denke, das ist auch der Grund, warum ich am Ende auf das Essen eingeladen werde. Kein noch so verzweifelter Versuch, ihr Geld anzubieten, gelingt.

Gut gelaunt und satt nehme ich für Malte noch etwas Kuchen aus einer Bäckerei mit und wir verbringen den Abend in unserem Luxuszimmer mit Fernsehen und Genesen. In den Zimmern neben uns haben ein paar laute, kettenrauchende Geschäftsleute eingecheckt, die mir den letzten Nerv rauben – aber daran werde ich mich gewöhnen müssen.

26.02.2016

Malte sieht zwar immer noch nicht aus wie das blühende Leben, aber im Bett hält er es auch nicht mehr aus. Wir unternehmen also eine kleine Ausfahrt in die Umgebung. Unsere Rezeptionistin (genauso süß wie die Studentinnen) hat uns empfohlen, zum Nu Coc-See zu fahren und irgendwo dort grünen Tee zu kaufen. Die Provinz Thai Nguyen ist weltberühmt für ihren Tee, erfahren wir von ihr. Seit Jahrhunderten ist dies Vietnams erste Adresse für erstklassigen Tee.

Die Fahrt zum See ist kurzweilig und angenehm. Wir lernen unsere Bikes langsam kennen und fühlen uns im Verkehr immer sicherer. Irgendwann mischt sich jedoch das für heute noch als wechselhaft vorhergesagte Wetter wieder ein – genau dann, als wir an einem Haus vorbeifahren, das goldene Tee-Pakete in einem Glaskasten ausstellt. Obwohl wir keine Menschenseele sehen, halten wir an und sehen uns um. Innerhalb von 20 Sekunden steckt ein junger, sympathisch wirkender Mann seinen Kopf aus der gegenüberliegenden Werkstatt und kommt freundlich winkend angelaufen. Als wir ihm verständlich gemacht haben, dass wir gerne seinen Tee probieren würden, leuchten seine Augen begeistert auf und er bereitet in Windeseile eine Kanne frischen grünen Tee zu. Inzwischen haben auch seine Eltern uns entdeckt und gesellen sich zu uns. Mit Hand, Fuß und zum ersten Mal auf unserer Reise auch unserem Zeigewörterbuch unterhalten wir uns über Vietnam, Deutschland und unsere Familien. Auch in Südostasien kommt Fotos der Verwandten zeigen sehr gut an. Am Ende verkaufen sie uns 200 Gramm köstlichen grünen Tee für gerade mal 80.000 Dong – ein super Preis, wie uns unsere Rezeptionistin später mit anerkennendem Blick bestätigen wird.

 

Wir beschließen, am nächsten Tag in Richtung Ba Be National Park aufzubrechen. Unser ungeplanter Stopp in einer Stadt, die wohl nur wenige Touristen auf dem Radar haben, hat sich als ein absoluter Glückstreffer offenbart. Das schlechte Wetter scheinen wir nun wohl auch ausgesessen zu haben – als wir am nächsten Morgen aufbrechen, blinzelt die Sonne durch den Nebel. Die Handschuhe behalten wir trotzdem erstmal an.

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